Selten wurde ein Film von den Fans sehnlicher erwartet als "Twilight - Biss zum Morgengrauen" nach dem Bestseller von Stephenie Meyer. In den USA hat der Vampirfilm bereits Rekorde gebrochen und hysterische Reaktionen ausgelöst. Von Matthias Schmidt

Robert Pattinson und Kristen Stewart wurden durch ihre Rollen in der Romanverfilmung über Nacht zu Stars© Deana Newcomb/AP
Ein Singspiel über die Lust am Singen und Tanzen unter verklemmten Schülern. Die freizügigen Abenteuer von vier Großstädterinnen. Noch ein Singspiel rund um eine griechische Hochzeit. Das ist der Stoff, mit dem derzeit Vermögen gemacht werden. Stoff, für den Mädchen und Frauen aller Altersklassen ins Kino stürmen. "High School Musical 3 - Senior Year" spielte global 235 Millionen Dollar ein. "Sex and the City": 415 Millionen. "Mamma Mia!": 572 Millionen.
Frauen, vor allem junge Mädchen, waren eine lange sträflich vernachlässigte Zielgruppe, die jetzt umso heftiger umworben wird. Hollywood hat erkannt, dass man auch ohne Muskel-Machos, Superhelden und Gewaltorgien Kasse machen kann. Natürlich sprechen "Sex and the City" und "High School Musical" unterschiedliche Altersgruppen an. Aber eines gilt für alle: Mit Comic-Adaptionen, Krawallfilmen und menschenverachtender Action lassen sich Frauen kaum ins Kino locken. Sie mögen eher Romantik, Hingabe, Schwärmereien statt Schießereien. Und Vampire.
Die gibt es zuhauf in den Bestsellern von Stephenie Meyer. Die "Bis(s)"-Romane der 35-jährigen Amerikanerin - der vierte erscheint bei uns am Valentinstag - erzählen eine paranormale Lovestory. Nach ihrem Umzug in ein verregnetes Kaff begegnet die spröde Schülerin Bella einem anderen Außenseiter. Edward: bleich, wuschelhaarig und irgendwie seltsam. Ein Blutsauger mit übernatürlichen Kräften, wie sich bald und doch zu spät herausstellt. Denn Bella ist bereits unsterblich verliebt. Später funkt außerdem noch ein Werwolf amourös dazwischen.
Verliebt sind auch die Leser in das leicht konsumierbare Fantasygarn, das in 37 Ländern inzwischen eine Gesamtauflage von 26 Millionen erreicht hat. Die Mormonin und dreifache Mutter Meyer wird längst als nächste Joanne K. Rowling gehandelt. Dass Hollywood anbeißt, war also nur eine Frage der Zeit.
"Twilight - Bis(s) zum Morgengrauen", die Verfilmung des ersten Buchs, schlug in den USA nun mit einem 70-Millionen-Dollar-Startwochenende sogar James Bond in die Flucht. Edward-Darsteller Robert Pattinson, ein 22-jähriger Brite, der bereits in "Harry Potter und der Feuerkelch" einen tragischen Auftritt hatte, wird seither als neues Sexsymbol belagert. Mädchen werfen sich auf sein fahrendes Auto, Mütter überreichen ihre Babys zum Beißen, Supermodel Tyra Banks bot ihm in einer Talkshow ihren Hals an.
Während die Kinobesitzer wieder einen Grund zum Jubeln haben, suchen Branchenkenner nach Erklärungen für den aktuellen Mädchenhype. Als emotionaler Notausgang in ökonomischen Krisenzeiten stand Fantasy schon immer weit offen. Und seit der irische Schriftsteller Bram Stoker 1897 seinen Grafen Dracula auf die Menschheit losließ, sind die Blutsauger aus dem Kanon der populären Kultur nicht mehr wegzudenken. In "Twilight" spielen Angst und Grusel jedoch nur eine Nebenrolle. Edward leidet weder an einer Knoblauchallergie, noch nächtigt er in einem Sarg. Es geht vielmehr um den idealen Liebhaber (siehe auch rechts unsere Filmkritik), die Sehnsucht nach Romantik und um bewusst gelebte sexuelle Abstinenz. Meyer: "Expliziten Sex kann man heute überall bekommen. Eine Romanze zu finden, die beim Händchenhalten verweilt, ist viel schwieriger."
Und wie die Bücher widmet sich auch der Film der Tragik einer unmöglichen, schicksalsbeladenen Beziehung, wie sie schon Shakespeare faszinierte. "Twilight"-Regisseurin Catherine Hardwicke, die bereits mit dem Teenager-Porträt "Dreizehn" ihr Händchen für die Zielgruppe bewies, ist sicher: "Würde die Geschichte von Romeo und Julia erst heute veröffentlicht, wäre sie genauso erfolgreich."
Lesen Sie auf der nächsten Seite, was junge Leserinnen an den Romanen von Stephenie Meyer so lieben.
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Ausgabe 03/2009