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Was Mädchen wollen

Heute startet "New Moon" in Deutschland. Der zweite Teil der "Twilight"-Saga sorgt für überfüllte Kinos und hyperventilierende Teenager. Doch eigentlich ist der Rekorde brechende Hype um "New Moon" ein pädagogisch wertvolles Geschenk, meint Sophie Albers. Eine Beruhigungsanleitung für Eltern.

Nein, seien Sie still. Weisen Sie Ihre Tochter bloß nicht darauf hin, dass sogar Stephen King findet, dass "Twilight"-Saga-Autorin Stephenie Meyer nicht schreiben kann. Und sagen Sie ihr um Himmels Willen auch nicht, dass "New Moon" ein ziemlich miserabler Film ist. Genau genommen ist der enorme Erfolg der Über-Schnulze über den Milchgesicht-Vampir und seine verzweifelte Freundin nämlich das Beste, was Ihnen in Zeiten von Lady Gaga und Gangsta-Rap passieren konnte.

Worum es geht

Das Menschenkind Bella und der Vampir Edward, die vor zehn Monaten im ersten Teil namens "Twilight" zusammengefunden haben, sind in ihrer sexlosen Beziehung eigentlich glücklich. Sie ist mit dem coolsten Typen der Schule zusammen, und er hat was zum Kuscheln. Doch auf einer kleinen Geburtstagfeier - Bella wird 18 - schneidet sich das Mädchen vor versammelter Vampirfamilie in den Finger. Während der Blutgeruch die einen nur nervös macht, versetzt er Edwards Bruder Jasper in einen Blutrausch. Er greift Bella an, und Edward muss ihn kampfunfähig prügeln. Aufgrund dieses Vorfalls trennt sich Edward von Bella. Die Beziehung sei zu gefährlich für sie, findet die galante Kuschel-Fledermaus und verlässt das regnerische Kaff, das Forks ist.

Bella versinkt im Herzbruch-Schmerz. Doch gibt es auch noch Jacob, ein Freund aus Kindertagen, der sie ein bisschen aufmuntert. Der ist zwar erst 16, hat allerdings Bauchmuskeln wie Brad Pitt in seinen besten Tagen. Aber auch aus dieser Liebe darf nichts werden. Jacob ist nämlich ein Werwolf, hat seine Wut nicht unter Kontrolle und könnte Bella demnach zerfleischen, wenn sie mal zu lange andere Bauchmuskeln als seine betrachtet. Und während die Liebe nie Erfüllung findet, gibt es in "New Moon" auch noch eine böse Vampirin, die Bella töten will, eine überstürzte Reise nach Europa sowie zahlreiche Handlungsanweisungen für junge Mädchen. Und das ist der Augenblick, in dem Sie, liebe Eltern eines "Twilight"-Fans, sich entspannt zurücklehnen sollten. Auch wenn sich Ihre Tochter anlässlich der Filmpremiere "Beiß' mich" auf die Stirn gemalt hat.

Beiß' mich!

Nicht nur dass Bella-Erfinderin und Mormonin Stephenie Meyer in ihren Büchern mit brutalsten Drohungen (Tod und zerbissene Kehle) "kein Sex vor der Ehe" propagiert. In "New Moon" geht sie noch weiter: Fahre nicht Motorrad, spreche nicht mit verrucht aussehenden Jungs, gucke keine gewalttätigen Filme, und Extremsport ist übrigens auch verboten. Während Bella nach Ventilen für ihren Trennungsschmerz sucht, erscheint ihr immer wieder Edward als Geist und säuselt: "Nein, Bella! Das ist gefährlich". Es ist ihm am liebsten, wenn sie zu Hause hockt und Hausaufgaben macht. Was wollen Eltern denn mehr?

Aber was wollen denn die Mädchen? Liebe, sagen die Psychologen. Da ist also dieser Vampir, der seinem Opfer an den Hals will. Der es fressen will. Und, ja, in ihrer romantischen Vorstellung möchten Mädchen von dem Mann, den sie lieben, gejagt, gefangen und gefressen werden. Und - ganz freudianisch - der Biss ist natürlich der Sex. Aber da ist das Mädchen mit dem Vampir noch lange nicht fertig. Der Blutsauger ist nicht nur "schmerzhaft schön", wie Stephenie Meyer ihren Edward beschreibt (Bye, bye, Nosferatu), sondern auch von Selbstzweifeln zerfressen. Sie wissen schon, die Unendlichkeit und so. Edward Cullen ist eine leidende Kreatur. Was zum Retten, denkt das Mädchen. Was zum Füttern und Beschützen, übersetzt der Psychologe. Der Vampir ist auf das Mädchen angewiesen, seine Zuwendung, seine Liebe, sein Blut.

Der größte Kick

Und dann auch noch das: Weil der Vampir so ein guter Vampir ist, will er das Mädchen gar nicht in die ganze Sache mit dem Beißen hineinziehen. Es ruft also auch deshalb "beiß' mich", weil es weiß, dass es nicht gebissen werden wird. Das ist ähnlich wie mit den "Ich will ein Kind von dir"-Rufen bei Bill Kaulitz von Tokio Hotel.

Die Liebe wird also eine unerfüllte. Und die, das wissen wir schon seit Shakespeare und der Fast-Affäre mit der aufregenden Sekretärin aus dem fünften Stock, ist die mit dem größten Kick. An deren Ende steht die Erfahrung der Sehnsucht. Und so lange die bei einem Teenagermädchen einem bleichgesichtigen Weichei gilt, das vor dem Sex geheiratet werden muss, ist doch eigentlich alles in Ordnung, oder?!

Und wenn Sie jetzt immer noch nicht ertragen können, dass ihre Tochter beim Anblick von Edward-Schauspieler Robert Pattinson zu winseln beginnt, dann freut Sie vielleicht ein Zitat von Pattinson persönlich. Der antwortete auf die Frage nach eben diesem Gewinsel, dass er es auch nicht verstehen könne, schließlich sei die Beschreibung seines Charakters "doch gleich von der ersten Seite an total lächerlich." Aber pssst.

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