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8. September 2006, 14:26 Uhr

Verrückt nach Meryl

Am neunten Tag stieg die Promiquote in Venedig noch einmal stark an. Doch alle wollten nur die Eine: Meryl Streep war der unumstrittene Star am Lido - zum Leidwesen der übrigen Schauspieler. Von Matthias Schmidt

Alle wollten sie fotografieren: Meryl Streep stand im Mittelpunkt des Interesses© Stefano Rellandini/Reuters

Am seinem allerletzten Tag glänzt das Festival noch einmal mit den ganz großen Namen. Der britische Regisseur Kenneth Branagh trat auf und hatte jede Menge Opernsänger im Schlepptau. David Lynch und seine Blondie-Muse Laura Dern geben entspannt Interviews im weitläufigen Garten des Hotel des Bains. Kung Fu-Ikone Jackie Chan eilt in einer Art lachsfarbenem Pyjama über die Terrasse des Excelsiors, um seine neue Action-Komödie zu bewerben. Und über den roten Premieren-Teppich gleiten am Abend noch Stanley Tucci und Schauspiel-Göttin Meryl Streep.

Hach, wie ist das schön. Nur ist es eben nicht der allerletzte Tag des Festivals, zwei kommen noch. Doch bereits am Donnerstag scheint die Veneziale 2006 ihr Star-Pulver verschossen zu haben. Während das Wetter jeden Tag heißer wird, kühlt das Programm merklich ab. Nun folgt nur noch Kino für Eingeweihte. Spezialkost für Dagebliebene und theoretischer Preisstoff für die Jury um Catherine Deneuve, die sich schwerlich vor der Gewinner-Kürung am Samstagabend auf den Heimweg machen kann.

Wie ein angestochener Helium-Ballon

Wobei natürlich große Namen noch lange kein großes Kino garantieren. An dem zunehmend undurchschaubareren Kosmos von David Lynch sind wir ja gestern schon verzweifelt. Heute frisch im Angebot: Ruhmreicher Shakespeare-Kenner scheitert an Mozart-Opernklassiker. Dabei waren die Erwartungen an die Leinwand-Adaption der inzwischen über 200 Jahre alten "Zauberflöte" von Kenneth Branagh ("Viel Lärm um Nichts", "Henry V", "Hamlet") hoch. Doch selbst in zweieinviertel Stunden findet der Brite kaum originelle Bilder für das komplett überspielte Musikstück. Da schwirren Schmetterlinge und Sternschnuppen, die Königin der Nacht darf während ihrer berühmten Kieks-Arie wie ein angestochener Helium-Ballon durch die Luft sausen und Papageno landet, ebenfalls vogelgleich fliegend, in einem überdimensionalen Paar roter Kusslippen.

Angedickt hat Branagh seine Version, die er während eines namenlosen Grabenkrieges zwischen blau- und rotbejackten Soldaten ansiedelt, durch ein ganzes Bataillon schwindelerregender Kamerafahrten und lausiger Computereffekte, für die sich andere Regisseure in Grund und Boden schämen würden: Bäume, Panzer, Flugzeuge, Burgmauern und Türme. Und selbst bei der Darstellerwahl kaum Volltreffer. Unbekannte, strahlungsarme Gesichter, die eher wie die Blockflöten-Ausgaben von Natalie Portman und Ben Affleck wirken. Stimmgewaltig, ja sicher, aber um eine Leinwand zu füllen braucht man selbst in einer Opernverfilmung etwas mehr Präsenz. So taumelt die Flöte, das Instrument wird von Branagh schnell noch zur friedensbringenden Ikone verklärt, zwischen Ernst, Klamauk und Langeweile. Von Zauber keine Spur. Lediglich der Dresdner Bass René Pape kann in der Rolle des erst bösen, dann liebenswerten Sarastros einigermaßen überzeugen. Allemagne, dix points.

Mit eisgrauer Frisur und eisgrauen Gesten

Das Beste an der Bestseller-Adaption "Der Teufel trägt Prada" ist dagegen eine Frau. The Streep. Ausgestattet mit eisgrauer Frisur und eisgrauen Gesten dominiert sie den Film über das tyrannische Gebaren der Chefin einer Mode-Zeitschrift nach Belieben. Und auch in der Pressekonferenz hat die Moderatorin Mühe, eine One-Woman-Show zu verhindern und auch mal Regisseur David Frankel oder die beiden anderen angereisten Darsteller Stanley Tucci und Anna Hathaway zu Wort kommen zu lassen. Tucci: "Danke, dass Sie mir auch eine Frage gestellt haben. Ich wurde gerade schon ganz traurig."

Streep, die in den letzten Tagen bereits pausenlos Interviewwünsche erfüllt hatte, nahm das Theater um ihre Person gelassen, kokettierte mit der Mikrofon-Technik und enthüllte schließlich, dass sie trotz ihres College-Abschlusses in Kostümdesign in Sachen Mode kaum als Vorreiterin gelten kann. Möglicher Titel eines Films über ihr Fashion-Verständnis: Der Teufel trägt Boxershorts. Fehlt bloß noch ein fähiger Regisseur.

Von Matthias Schmidt
 
 
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