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Eichinger emotional, Bully provozierend

Auszeichnungen für "Im Winter ein Jahr", "John Rabe" und "Der Baader-Meinhof-Komplex", ein chinesisch sprechender Schauspieler, ein emotional höchst bewegter Bernd Eichinger und mal wieder ein neuer Ministerpräsident. Bei der Verleihung des Bayerischen Filmpreises in München wurde viel geredet und nichts gesagt.

Von Lilith Volkert

Mit Dankesreden ist es wie mit den Ansagen in der U-Bahn - eigentlich weiß jeder schon vorher, was kommt. Deswegen schien es auch keinen zu stören, dass sich Ulrich Tukur gestern auf Chinesisch für die Auszeichnung mit dem Bayerischen Filmpreis bedankte.

Mit den wenigen verständlichen Worten – "Seehofel", "John Labe", "Flolian Gallenbelgel" - war dem Publikum das Wichtigste klar: Der Schauspieler begrüßte den bayerischen Ministerpräsidenten Horst Seehofer, bedankte sich dafür, dass er als Hauptdarsteller des in China spielenden Films "John Rabe" als bester Darsteller ausgezeichnet wurde und hob die gute Zusammenarbeit mit dem Regisseur Florian Gallenberger hervor. So einfach ist das.

Viele mehr oder weniger prominente Gäste waren am Freitagabend in das kleine, gerade frisch renovierte Cuvilliés-Theater in der Münchner Residenz gekommen, um der Verleihung des Bayerischen Filmpreises beizuwohnen. Marie Bäumer, Sebastian Koch und Friedrich von Thun waren unter den Gästen, junge Darsteller wie Tom Schilling und die Brüder Ochsenknecht, aber auch seit langem bekannte Gesichter wie Uschi Glas und Klaus Breitner. Im goldverschnörkelten Rokoko-Saal bekamen sie Lob- und Dankesreden unterschiedlichster Länge zu hören.

"Diesen Preis nehmen wir gerne mit", bedankte sich Til Schweiger knapp und etwas angeschlagen, denn er hat sich zuvor beim Sport eine Rippe "blockiert". Sein Film "Keinohrhasen" wurde letztes Jahr wegen eines Fehlers bei der Anmeldung nicht zum Deutschen Filmpreis zugelassen, Schweiger verließ daraufhin aus Protest die Filmakademie. Auch in München wurde "Keinohrhasen" nicht von der Jury ausgezeichnet, bekam dafür aber den Publikumspreis. "Ja, der Preis freut mich total. Echt!" beteuerte Schweiger später am Abend und verzog den Mund zum gewohnt schiefen Grinsen.

Herfurth wurde vom "Notfallteam" ausgestattet

Auch Karoline Herfurth, die mit dem Film "Im Winter ein Jahr" beste Nachwuchsdarstellerin wurde, hielt sich an die vorgegebene Redezeit von einer Minute. Aufgeregt nahm sie den Pierrot, eine kleine Porzellan-Figur, entgegen, dankte dem Filmteam und huschte dann schnell wieder von der Bühne. Fast hätte die 24-Jährige ihre Auszeichnung in Jeans abholen müssen. Sie hatte ihr Kleid in Berlin vergessen und war in letzter Minute vom "Notfallteam" einer Designerin ausgestattet worden, erzählte sie später erleichtert. Ebenfalls für "Im Winter ein Jahr" erhielt die Oscarpreisträgerin Charlotte Link den Preis für die beste Regie. Der Film erzählt die Geschichte einer Familie, die mit dem Tod des Sohnes fertig werden muss.

Zwei Preise bekam auch Andreas Dresens Film "Wolke 9" über Liebe und Sexualität im Alter. Ursula Werner, die darin als frisch verliebte 65-Jährige zu sehen ist, wurde beste Darstellerin, der Kameramann Michael Hammon wurde für die Bildgestaltung geehrt.

Vor lauter Emotion vergisst Eichinger seinen Preis

Der Produzentenpreis ging je zur Hälfte an "John Rabe", der von dem Nanking-Massaker 1937 in China erzählt und im April in die Kinos kommt, und den viel diskutierten Film "Der Baader-Meinhof-Komplex" von Bernd Eichinger. Eichinger hielt auch die emotionalste Rede: "Niemand, der Verstand hat, wird den Machern des Films oder mir absprechen, dass wir die Trauer mit den Angehörigen der Opfer teilen", sagte er mit bebender Stimme - und vergaß anschließend seinen Pierrot auf der Bühne. Die Witwe eines RAF-Opfers hatte vor Gericht geklagt, weil sie sich durch den Film öffentlich gedemütigt fühlte.

Durch die Veranstaltung führte der Kabarettist Christoph Süß, der seit Jahren die wöchentliche Satiresendung "quer" im Bayerischen Fernsehen moderiert. Doch obwohl Süß sich mit dem Sticheln Mühe gab, kam der gelungenste Seitenhieb gegen den CSU-Politiker Seehofer nicht von ihm, sondern von Michael "Bully" Herbig: "Jedes Jahr schaut der Ministerpräsident hier anders aus. Geht das jetzt so weiter?" Herbig bekam zusammen mit Franz Xaver Kroetz den Spezialpreis der Jury für ihre Rollen in der Verfilmung der "Geschichte vom Brandner Kaspar".

Horst Seehofer durfte zum ersten Mal den Ehrenpreis des Bayerischen Ministerpräsidenten übergeben. Der 74-jährigen Regisseur und Produzenten Peter Schamoni habe "ein beeindruckendes Stück Filmgeschichte" geschrieben, lobte Seehofer in einer ausführlichen Laudatio, die etwa so klang, als lese er sie aus einem Filmlexikon vor. Kurz zuvor hatte Seehofer auf dem roten Teppich verraten, dass seine Filmleidenschaft vor allem den alten James-Bond- und Winnetou-Filme gilt.

Rokoko-Plüsch mit 80er-Jahre-Neonfarben

Während all diese Auszeichnungen vergeben wurden, fiel es den meisten Gäste schwer, sich an die Anweisung des Moderators zu halten: "Bitte transpirieren Sie nicht, das schadet der kostbaren Bausubstanz". Viele schienen erleichtert, nach zweieinhalb Stunden aus dem stickigen Theater in die hohen, kühleren Gänge der Residenz fliehen zu können. Vielleicht auch, weil sie so der eigenwilligen Mischung aus plüschigem Rokoko-Theater und hochglanzpolierter Bühne entkamen: Über der glänzenden schwarzen Bühne drehten sich während der Verleihung aufdringliche Lichtspiele in Farbkombinationen, die in anderen Bundesländern schon seit Ende der 80er Jahre verboten sind: senfgelb, knallrot und schrillpink.

"Ist das ein Museum hier?" wunderte sich Ulrich Tukur auf dem Weg zum Empfang - er lief gerade durch die ehemaligen Wohnräume bayerischer Herzöge und Könige. Und tatsächlich hatte auch die Stimmung im großen Kaisersaal etwas Museales: Unter den Wandteppichen aus dem 17. Jahrhundert spielte eine Vier-Mann-Combo das Beste aus den letzen fünf Jahrzehnten, statt ausgelassener Feier wurde die After-Show-Party zur Stehparty.

Michael "Bully" Herbig freute sich über einen weiteren Preis in seiner Sammlung und alberte: "Den stell' ich einfach zu den anderen und staub' sie dann schön ab. Ich bin nämlich ein Preisabstauber." Til Schweiger machte sich über eine junge Frau lustig, die ihre Freundin zusammen mit dem Schauspieler fotografieren wollte, aber mit dem Fotoapparat nicht zu Recht kam: "Sag mal, bist du zu blöd zum Fotografieren?" Doch bald erinnerte der Saal an einen ganz anderen Film, einen amerikanischen: Die meisten Promis waren wie vom Winde verweht.

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