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22. Oktober 2009, 06:05 Uhr

Kirchengeschichte als opulentes Popcorn-Kino

Ein Millionenbestseller kommt ins Kino: Sönke Wortmann hat "Die Päpstin" verfilmt. Der opulente Streifen startet nun im Kino und gehört zu den teuersten Produktionen der deutschen Filmgeschichte. Von Georg Fahrion

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Für ihre Darstellung als Päpstin Johanna erntete Schauspielerin Johanna Wokalek bei der Weltpremiere langen Applaus© Constantin

Schicksalsergeben kniet die junge Braut vor dem Traualtar. Den dümmlich dreinblickenden Sohn des Schmieds soll sie heiraten - ausgerechnet sie, Johanna von Ingelheim, eine Ausgeburt an Wissensdurst und Scharfsinn, die sich nach nichts mehr verzehrt als dem Studium und dem Dienst an der Menschheit. Doch just in diesem Moment bricht der Normannensturm durch die Kirchentüren, schlägt dem Bischof den Kopf ab, zerschlitzt Mönchsbäuche, massakriert die Gemeinde - und eröffnet so der überlebenden Frau die Möglichkeit, als Mann getarnt ihren Weg fortzusetzen. Er wird sie über das Fuldaer Benediktinerkloster nach Rom und bis auf den Papstthron führen.

Reich an Wendungen ist die Geschichte der Johanna aus Donna W. Cross' Millionenbestseller "Die Päpstin". Mindestens ebenso wendungsreich verlief die Entstehungsgeschichte des Films, den "Sommermärchen"-Regisseur Sönke Wortmann daraus gemacht hat und der am Donnerstag in den Kinos anläuft.

Franka Potente zuerst im Gespräch als Päpstin

Geschlagene sieben Jahre hatte sein Kollege Volker Schlöndorff bereits an dem Projekt geschraubt. Franka Potente stand als Hauptdarstellerin bereit, Teile der Kulissen waren in Bulgarien errichtet worden. Doch nach einem Zwist feuerte die Produktionsfirma Constantin Film Schlöndorff im Sommer 2007 und ersetzte ihn durch Wortmann. Der schrieb ein neues Drehbuch und engagierte Johanna Wokalek ("Der Baader Meinhof Komplex", "Nordwand") für die Rolle der Päpstin. Die Dreharbeiten fanden in Sachsen-Anhalt, der Eifel und Marokko statt.

Derartige Mühen sollen sich lohnen, und so hat Constantin enorme Summen in das Projekt geblasen. Von über 20 Millionen Euro ist die Rede, was "Die Päpstin" zu einer der teuersten deutschen Produktionen überhaupt macht. Das sieht man dem Film an: Die dicken Mauern der Burg Querfurt bei Halle und das Rom-Set im marokkanischen Ouarzazate sind spektakuläre Kulissen. Auch 3000 Kostüme, hunderte Komparsen und Pferde belegen, dass der Regisseur reichlich Zaster in die Hand nehmen durfte.

Wortmann zeigt das 9. Jahrhundert als unappetitliche Zeitspanne: Die Menschen tragen fleckige Lumpen, auf Gesichtern wuchert Ausschlag, unter den Fingernägeln klebt der Schmutz. Schweine suhlen sich in Schlamm, Ratten huschen durch die schäbigen Behausungen. Selbst Rom ist außerhalb der Vatikansmauern ein verfallenes Drecksloch. Optisch ist der Film eine Wucht.

Johanna Wokalek spielt fabelhaft

Auch die Hauptdarstellerin Johanna Wokalek spielt erwartungsgemäß fabelhaft. Ein kurzer Blick genügt ihr, um Verzweiflung oder Glück auszudrücken. Ihr Johannes Anglicus - Johanna von Ingelheims' männliches Alter Ego - gerät allerdings trotz Tonsur und abgebundener Brust so feminin, dass man sich fragt, wie die Frau jahrelang ihrer Demaskierung entgehen kann. John Goodman ("The Big Lebowski") beeindruckt als Papst Sergius durch seine Körperlichkeit und amüsiert mit wohldosierter Komik.

So werden sich wohl nur Literaten daran stören, dass die Charaktere ziemlich eindimensional daherkommen. Johanna treibt ihre unwahrscheinliche Karriere nicht etwa aus Ehrgeiz voran, sie fällt ihr dank ihres Bildungshungers und ihrer Menschenliebe von selbst in den Schoß. Ihr Mentor und heimlicher Geliebter, Graf Gerold (David Wenham, der Faramir aus "Der Herr der Ringe"), ist durch und durch sanft und gut; ihr römischer Gegenspieler Anastasius (Anatole Taubman) hingegen ein einziges Bündel an Intrigantentum und Machtgeilheit.

Zwar zeichnen sich auch die Figuren der Romanvorlage nicht durch besondere Ambivalenz aus, doch hat Wortmann noch weitere Nuancen glatt gebügelt. So ist der Sergius des Buches wohl moralisch integer, aber ein weinerlicher Vielfraß und Säufer. Ansonsten hält sich Wortmann eng an Cross' Story und verzichtet darauf, eigene Akzente zu setzen. Deswegen dauert der Film auch satte zweieinhalb Stunden.

Wie dem auch sei: "Die Päpstin" ist opulentes Popcorn-Kino, unterhaltsam und grandios gefilmt. Wie die jüngsten Besucherzahlen der Branche belegen, lieben Kinogänger derzeit Produktionen, die sie in andere Welten mitnehmen und ihnen ein paar Stunden Auszeit von der Wirtschaftskrise verschaffen. Es wird daher - so viel Wahrsagerei sei gestattet - zumindest für Constantin Film nach Jahren der Wirrungen ein Happy End geben.

Von Georg Fahrion
 
 
KOMMENTARE (7 von 7)
 
Anemone (23.10.2009, 09:54 Uhr)
@MRP66
Volle Zustimmung. Auch ich verachte die Katholische Kirche wegen ihrer Irrlehren. ABER: bitte nicht die Menschen darin! Sie sind, wie man auch hier bei "Steinhaus" sehen kann, falsch gelehrt und studieren selten selbst!!! die Bibel! So entsteht diese schlimme Blasphemie!
@Steinhaus. Sie KÖNNEN ihr Leben nicht verantwortlich vor Gott leben, es sei denn, sie kennen und gehören dem Christus, der allein der Weg und die Wahrheit ist. Ohne Christus sind sie kein Christ, nicht gerettet, sondern leider nur Katholik. Ich wünsche Ihnen, daß Sie vom "Stellvertreter Gottes" zum Kind Gottes werden - erlöst!
PS: Der Film hat mir sehr gefallen!
Robbespierre (22.10.2009, 12:30 Uhr)
Schlöndorff wär besser gewesen
Schade, daß die Constantin so einen B-Regisseur wie Wortmann angeheuert hat. Schlöndorff ist immer noch einer der Besten, die wir haben - und hätte mit Sicherheit Nuancen ausgespielt, die den Stoff vom reinen Popcorn Kino hin in Richtung Filmgeschichte bewegt hätten. Ein Freund von mir hatte mit der Entstehunggeschichte des Films zu tun und wusste zu berichten, daß es die Investoren waren, die Schlöndorff abgesägt haben (und nicht der Streit um Fernsehredakteursmitsprache bei einem Kinofilm, den Schlöndorff streitlustig bei einer Podiumsdiskussion vom Zaun brach) . Wer sehen will, wie bildgewaltig und dennoch nuanciert Schlöndorff mit seinen Stories umgehen kann, der sollte sich Strejk anschauen. Das bessere Popcornkino...!
Swissmiss (22.10.2009, 12:19 Uhr)
@ steinhaus
"In diesem Sinne kann man als Christ auch diesen Film in Ruhe genießen." Sie sprechen wohl eher als Katholik. Als Reformierter kann man diesen Film auch dann geniessen, wenn die im Film geschilderte Geschichte historisch tatsächlich stattgefunden hätte - wird doch die katholische Kirche schön an der Nase rumgeführt. Aber immerhin stehen Sie (im Gegensatz zur kathoslichen Kirche) Frauenkarrieren in der Kirche nicht ablehnend gegenüber. Dass man allerdings überhaupt Bischöfe (oder eine starke Hierrachie) in der Kirche braucht, bezweifle ich - die reformierte Kirche beweist ja, dass es auch ohne Bischöfe und sehr demokratisch geht.
bernie-abg (22.10.2009, 11:50 Uhr)
Und auch die Protestanten...
...waren gut im Kritikerverbrennen.
Zum Film: Es mag Popcorn-Kino sein, aber der Roman war ja auch Popcorn, also, was solls?
Gut gemachtes Popcorn-Kino ist was feines und Sönke Wortmann kann gutes Popcorn-Kino.
Ich werd ihn mir mal ansehen, auch wenn ich kein "Name der Rose" erwarte.
starbuckxxx (22.10.2009, 09:19 Uhr)
hunderttausende Christen auf dem Scheiterhaufen verbrannt ...
diese Zahl wird auch dann nicht wahrer, wenn sie permanent wiederholt wird. Tatsache ist, dass zwischen 1540 und 1700 rund 6000 Menschen der spanischen Inquisition zum Opfer gefallen sind. Die römische Inquisition, auf die der Papst direkten Einfluss hatte, hat für den Zeitraum zwischen 1551 und 1800 genau 97 Todesurteile zu verzeichnen.
MRP66 (22.10.2009, 08:51 Uhr)
steinhaus
Stellvertreter Gottes, wir? In welcher Bibel haben sie denn das gelesen? Das ist Blasphemie! Ausser sie sind Katholik, dann kann ich ihre Aussagen verstehen. Die römisch-katholische Kirche hat das Christentum zu ihren Vorteilen verfälscht und repräsentiert nicht den echten christlichen Glauben. Nicht umsonst hätte sie hunderttausene Christen auf dem Scheiterhaufen verbrannt, die den Katholizismus abgelehnt hatten. Ich bin Christ, aber verachte die katholische Kirche zutiefst.
Zum Film. Den werde ich mir auf alle Fälle anschauen.
steinhaus (22.10.2009, 08:23 Uhr)
Wenn man sich im Klaren ist, dass dies ein Märchen ist...
dann ist die Sache ja auch voll in Ordnung. Hier wird es ja nicht darum gehen, dass es historisch ist, sondern darum, dass die Menschen in einer anderen Welt Trost und Orientierung finden. Damit kommt das Märchen ein Stückweit seinen eigentlich Sinn zurück. In diesem Sinne kann man als Christ auch diesen Film in Ruhe genießen. Wir sollten uns nur davor hüten, denn Film für bare Münze zu halten. Im Übrigen: was spricht dagegen, dass eine Frau das Amt eines Bischofs von Rom übernimmt...? Heute wird dies auf jeden Fall denkbar. Es kommt nämlich nicht auf das Geschlecht an, dass das wir alle unsere Aufgabe als "Stellvertreter Gottes" ernst nehmen. Getauft sein, heißt "Stellvertreter Gottes" zu sein - und Welt mit Gott und durch Gott zu gestalten. Das ist die Stoßrichtung des allgemeinen Priestertums aller Gläubigen. Wir sind aufgerufen unser Leben bewußt als verantwortliche Menschen vor Gott zu leben. Vielleicht kann uns die "Päbstin" uns ja ermutigen, in der heutigen Zeit bewußt diese "Stellvertreterrolle" zu leben und bewußt Christ zu sein... Wir dürfen einfach nicht vergessen, die Faszination des Christentums beruht darauf, dass wir alle durch Gott berufen sind, in unserem Alltag eine Führungsaufgabe wahrzunehmen. Wir stehen als Mütter oder Väter unseren Familien vor. Wir warten vollmächtig als Vieh - wenn wir früher Magd oder Knecht waren. Wir füllen unseren Platz in dem Betrieb aus, in dem wir arbeiten. (Und wir werden uns auch vollmächtig dort gegen Repressialien zur Wehr setzen!).
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