Mit seinem Katastrophen-Thriller "Poseidon" sticht er wieder in See. Regisseur Wolfgang Petersen verrät, warum er nicht mehr selbst tankt, sich statt eines Boots einen Weinberg zulegen will - und sich dennoch ganz normalen Leuten eng verbunden fühlt.

Weiß, wo's langgeht: Regisseur Wolfgang Petersen© DPA
Ich komme aus Emden, bin in Hamburg groß geworden, immer in der Nähe von Häfen und Meer. Wasser fand ich schon immer verlockend. Es kann so romantisch und beruhigend sein - und so unglaublich brutal. Alle meine Instinkte werden wach, wenn ich ans Meer denke. In den Bergen habe ich das überhaupt nicht. Da kriege ich sofort Höhenangst und fliehe dahin, wo's schön flach ist, in den Norden.
Gerade deshalb wollte ich einen Katastrophenfilm drehen: Nach dem 11. September und dem Tsunami ist das Genre sozusagen lebensnäher geworden. Wie jener Morgen in New York völlig friedlich begann, wie die Urlauber in Thailand keine Ahnung hatten, was da vom Meer drohte - so plötzlich bricht das Desaster im Film herein. Und trifft ganz normale Leute. Mich interessierte, wie Frau Meier mit einer Katastrophe fertig wird. Und Frau Meier, das bin ich.
Nein, deswegen fasziniert es mich so: Weil ich außer in meinen Träumen keine Katastrophen erlebe. Ich weiß nicht, wie viele Flugzeugabstürze ich nachts schon mitgemacht habe oder wie oft ich meine Frau unter Erdbebentrümmern hervorziehen musste, und jedes Mal wachte ich erleichtert auf - puh, nur ein Traum. Deswegen lieben die Leute auch Horrorfilme: Man will all die Schrecken erleben, aber bitte in Sicherheit.
Amerika ging daneben. Sehr ärgerlich, das stimmt. Unverständlich auch, denn wer den Film sieht, findet ihn toll. Ich glaube, nach dem 11. September, dem Irak und "Katrina" will der Amerikaner einfach keine Desaster-Bilder sehen. Aber im Rest der Welt ist "Poseidon" Nummer eins, das versöhnt.
Das weiß man nie. Ich denke nur, dass ich einen ganz guten Sinn für Menschen habe. Schon meine allerersten Filme in Deutschland habe ich immer Freunden vorgeführt - keinen Filmfachmännern, ganz normalen Leuten -, weil ich wissen wollte, ob der berühmte "Mann auf der Straße" sich angesprochen fühlt. Andere Regisseure wünschen sich Eliten als Zuschauer. Ich nicht. Ich wollte immer unterhalten. Es ist ein Albtraum für mich, mir vorzustellen, dass Leute sich die Zeit nehmen, ins Kino zu gehen, zehn Dollar dafür hinlegen - und sich langweilen.
Nein. Wenn es um große, riskante Projekte geht, wollen die Studios jemanden, von dem sie wissen, dass er die Nerven, die Erfahrung und das Talent dazu hat. Der Wolfgang, sagen sie, muss uns die großen, aufwendigen Filme machen, die kleinen können auch andere. Man muss doch jedes Mal einen unglaublichen Berg versetzen - und weiß nicht, ob man's wieder packt.
Die berüchtigte Regisseurskrankheit. John Ford hat so wahnsinnig viele Filme gemacht, weil er die Zeit zwischen den Dreharbeiten nicht ertrug. Er soff sich fast zu Tode, bis endlich wieder ein Film anstand. So schlimm ist es bei mir natürlich nicht. Aber ich kenne das Gefühl, wenn plötzlich der Adrenalinspiegel sackt und keiner dich mehr nach einer Entscheidung fragt. Gestern noch war man so bedeutend! Und heute macht jeder seinen eigenen Kram.
Nein, wenn es um ganz alltägliche Dinge geht, bin ich total verunsichert, weil ich das so selten mache. Ich habe zum Beispiel seit 17 Jahren keine Bank mehr betreten. Mein Business-Management kümmert sich um alles. Ich war auch lange nicht mehr tanken, weil das ebenfalls jemand für mich erledigt. Ich will damit nicht prahlen, ich finde das im Gegenteil eher blöd. Und so verhalte ich mich außerhalb meiner Film-Sets nicht wie der große Boss, sondern wirklich ganz bescheiden.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 29/2006