Deutsche Produktionen galten im Ausland als Kassengift - bis "Lola rennt" vor zehn Jahren fast sieben Millionen Dollar in den USA einspielte und auf dem Sundance-Festival als bester ausländischer Film ausgezeichnet wurde. Damit begann der Langstrecken-Sprint des deutschen Kinos, der bis heute anhält. Von Sophie Albers und Johannes Gernert

Mit "Lola rennt" erlangte das deutsche Kino internationalen Erfolg© X-Verleih
Die Rettung hatte feuerrote Haare, trug Doc Martens und sie rannte. Ihr Name war Lola. Sie hatte zwanzig Minuten Zeit, für ihren Freund Manni 100.000 Mark zu besorgen. Mal hat sie dafür einen Supermarkt überfallen, mal eine Bank, sie ist gestorben und dann wieder nicht. Der Film erzählt diese Geschichte in drei Versionen, mit drei unterschiedlichen Ausgängen. Das, was nach der Veröffentlichung von "Lola rennt" passierte, gibt es nur in einer Version. Es ist eine Erfolgsstory mit Happy End, das seit 1998 immer noch andauert. Sie handelt davon, wie der Regisseur Tom Tykwer mit seinen Hauptdarstellern Franka Potente und Moritz Bleibtreu der ganzen Welt zeigt, dass der deutsche Film durchaus laufen kann. Auch wenn daran vor zehn Jahren, als "Lola rennt" in die Kinos kam, nur wenige geglaubt hatten. Das Label "deutsche Komödie" galt Kritikern schließlich als Schimpfwort und Auslandsverleihen als Kassengift.
Dann sahen deutschlandweit 2,2 Millionen Zuschauer, wie die Häuser Berlins an Potente vorbei flogen. Beim Deutschen Filmpreis 1999 gewann "Lola rennt" acht von elf Trophäen. 6,7 Millionen Dollar spielte der Film in den USA ein und hielt sich dort mehrere Wochen in den Top 10 der Kinocharts. Auf dem amerikanischen Sundance-Filmfestival wurde "Run, Lola, Run" als bester ausländischer Film prämiert.
"Lola rennt" sei "der Startschuss zu einem Dauerlauf" für den deutschen Film gewesen, der sich bis heute habe steigern können, sagte der Geschäftsführer der Filmstiftung NRW, Michael Schmid-Ospach, im Gespräch mit stern.de. Für ihn ist das Projekt, das seine Stiftung damals gefördert hat, eine "der überraschendsten Produktionen der deutschen Filmgeschichte." Tykwers Meditation über den Zufall, mit ihren schnellen Techno-Beats, den coolen Comic-Sequenzen und krassen Wendungen, hat deutsche Filme zu begehrten Exportgütern werden lassen und viele Schauspieler und Regisseure zu gefragten Stars.
Lola hat das Image der deutschen Hauptstadt gewandelt, sodass deren damaliger Bürgermeister, der piefig-konservative Eberhard Diepgen, in ihrem Windschatten zum Wahlsieg rennen wollte. Seine Kampagne ließ der Lola-Verleih X-Filme, den Tykwer mitgegründet hat, allerdings stoppen, weil die Werber bei den Plakaten abgekupfert hatten. Auch die PDS hat sich später für einen Werbeclip sehr deutlich davon inspirieren lassen. Die Läuferin sei Teil der Popkultur geworden, stellt Schmid-Ospach fest.
Tom Tykwer hat diese Lola, die sich im Film energisch an Passanten vorbei drängt, den Weg nach Hollywood frei geschubst. 2004 führte er Regie bei "Heaven" mit Cate Blanchett, 2009 kommt "The International" mit Clive Owen und Naomi Watts in die Kinos. Auch sein "Parfum" war international besetzt und erfolgreich. Im Kielwasser des Erfolgs gelangten zahlreiche andere deutsche Regisseure über den Atlantik. Robert Schwentke drehte mit Jodie Foster "Flightplan", Mennan Yapos "Die Vorahnung" mit Sandra Bullock. Für sein Stasi-Drama "Das Leben der Anderen" gewann Florian Henckel von Donnersmark den Oscar.
Nicht nur Regisseure zogen fortan wieder in die Filmfremde. Pünktlich zum fünfjährigen Lola-Jubiläum begann 2003 Daniel Brühls internationale Karriere mit dem Erfolg von "Good Bye Lenin", der in 70 Ländern gezeigt wurde. Ebenso ein Produkt aus Tykwers Haus X-Filme. Auch die Namen von Matthias Schweighöfer oder Alexandra Maria Lara liefen bald in internationalen Vor- und Abspännen. Als Brühls "Lenin" um die Welt ging, hatte Franka Potente, die Lola-Darstellerin aus Dülmen im Münsterland, schon neben Matt Damon in dem Kassenschlager "Die Bourne Identität" gespielt und eine Affäre mit dem "Herr der Ringe"-Hobbit Elijah Wood begonnen.
Zwischendurch musste sie zwar ihren Hollywood-Frust in Buchform loswerden, nachdem sie nach ihrer Lebensmittelpunktsverschiebung in Richtung Beverly Hills ziemliche Integrationsschwierigkeiten gehabt hatte und sich deswegen sogar fremde Männer von der Straße ins Bett holte. In diesem Jahr nun ist sie aber in dem Steven-Soderbergh-Film "Guerilla" an der Seite von Benicio del Torro in Cannes zu sehen gewesen, der Che Guevara verkörperte. Es läuft also immer noch mehr als ordentlich für die ehemalige Lola. Dasselbe gilt für Moritz "Manni" Bleibtreu, der sein Gesicht kürzlich den Wachowski-Brüdern für einige Sekunden in deren knallig-buntem Rennfahrer-Epos "Speed Racer" lieh.