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20. Januar 2010, 16:28 Uhr

Wenn Gier zur Perversion wird

Zu welch irrationalen Handlungen die Gier Menschen treibt, zeigt der gleichnamige TV-Zweiteiler von Dieter Wedel. Der Psychologe Rainer Reisenzein kennt sich mit heftigen Emotionen aus. Ein Gespräch über Perversion und positive Aspekte der Gier. Von Sophie Albers

Gier, Geld, Film, Dieter Wedel

In dem TV-Zweiteiler von Wedel lockt der Hochstapler Dieter Glanz (Ulrich Tukur) mit Traum-Renditen© Don Emmert/AFP

Professor Reisenzein, wie alt ist die Gier?
Gier als besonders heftige Form des Verlangens gibt es so lange, wie es das Verlangen gibt. Also mindestens seit der Zeit der Säugetiere. Gier ist kein eigenständiges Motiv, es gibt dementsprechend auch keine eigene Theorie der Gier. Die Zuschreibung von Gier enthält auch eine soziale Bewertung: Wird jemand gierig genannt, dann meint man meistens, dass sein Verlangen nach etwas - ob nun Brot, Geld oder Frauen - so heftig oder umfangreich ist, dass es sozial nicht mehr akzeptiert wird.

Ist Gier immer schlecht?
Nein. Es kommt auf die Perspektive an. Aus sozialer Sicht ist die Gier des Einzelnen schlecht, wenn sie der Gruppe schadet, auch wenn sie dem Einzelnen nützt. Gier verstanden als ein besonders starkes Motiv hat aus evolutionärer Sicht grundsätzlich einen Nutzen: Etwa wenn sie kurz vor dem Verhungern sind, und aus lauter Gier etwas essen, was Sie sonst nicht anrühren würden. Das ist besser als Verhungern.

Warum setzt beim Menschen manchmal der Verstand aus, wenn es um Geld geht?
Es gibt Leute, die von der Aussicht auf einen enormen Gewinn so stark erregt werden, dass sie mögliche Bedenken ignorieren, sie sogar als Störung empfinden. Aber das gilt nicht nur für die Gier auf Geld. Starke Wünsche und Emotionen führen generell dazu, dass man Informationen eingeschränkt aufnimmt und verarbeitet. Der Fokus ist so stark auf eine Sache gerichtet, dass die Wahrnehmung und Interpretation verzerrt werden kann. Da will man Warnzeichen einfach nicht wahrhaben.

Ist Gier nach den Lehren der Finanzkrise ein Trieb des letzten Jahrzehnts?
Starke Motivation ist in einigen Berufen durchaus gewünscht. Ein Verkäufer wird angehalten, seine Ziele nicht gleich aufzugeben, hartnäckig dranzubleiben, weil es vielfach zum Erfolg führt. Allgemeiner gesagt: Lässt man das Wort "Gier" weg, ist starke Motivation in vielen Fällen durchaus etwas Gutes. Es kommt darauf an, worum es geht. Tut jemand alles, um anderen zu helfen, wird ihm das niemand übelnehmen. Die Frage ist, wem es nützt.

Womit wir wieder bei den Bänkern sind...
Im Fall der Finanzkrise hat die Gier einer Teilgruppe der Gesellschaft insgesamt geschadet. Viele haben sich gefragt, warum die immer noch mehr wollen, wo sie doch schon so viel haben. Wenn etwas seinen eigentlichen Zweck verliert - wenn das Geld nicht zum Ausgeben da ist, zum Essen kaufen, Reisen unternehmen - sondern zum Besitzen, wenn es einen Selbstzweck bekommt, dann könnte man das schon als Perversion bezeichnen.

Professor Rainer Reisenzein Rainer Reisenzein leitet den Lehrstuhl für Allgemeine Psychologie an der Universität Greifswald und forscht auf den Gebieten Motivations- und Emotionspsychologie.

Von Sophie Albers
 
 
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