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Der Wilde, der unsterblich bleiben wollte

Dennis Hopper ist mit 74 Jahren in Los Angeles seinem Krebsleiden erlegen. Der Schauspieler mit dem Hang zum Exzess stand für das Neue Hollywood, "Easy Rider" machte ihn berühmt. Doch der Wunsch, etwas Bleibendes zu hinterlassen, ließ ihn in der zweiten Hälfte seines Lebens zur Fotokamera greifen.

Von Claudia Bodin, New York

Easy Rider"-Star Dennis Hopper ist tot. Der als Hollywood-Rebell verehrte Schauspieler und Regisseur ist bereits am Freitagabend den Folgen seiner Krebserkrankung erlegen. Der Filmemacher wurde 74 Jahre alt. Er sei in seinen letzten Stunden daheim im kalifornischen Venice bei Los Angeles von der Familie und engsten Freunden umgeben gewesen, gab ein Vertrauter der Familie bekannt.

Hopper hatte erst vor zwei Monaten einen Stern auf dem berühmten Walk of Fame verliehen bekommen. Trotz seiner schweren Krankheit ließ es sich der gebrechliche Star nicht nehmen, an der Ehrung teilzunehmen, und genoss den Applaus von prominenten Freunden und hunderten Fans.

"Ihr habt mir ein Leben ermöglicht, dass ich als Junge von Dodge City, Kansas, nie erwartet habe", bedankte sich der Star aus Filmen wie "Apocalypse Now", "Blue Velvet" und "Speed". Anschließend posierte er mit seinem guten Freund Jack Nicholson (73) vor den Kameras. Er wog bei der Zeremonie im März nach Angaben seiner Anwälte nur noch 45 Kilogramm.

Schmal und zerbrechlich

Schon im Herbst 2009 sah Hopper schmal aus und wirkte ein wenig zerbrechlich. Aber er war geschäftig wie in besten Zeiten. Vor allem hatte er noch viel vor. Das erste Mal in 16 Jahren war es dem damals 73-jährigen gelungen, die Finanzierung für einen neuen Film zu organisieren, wie er damals in einem Interview erzählte. Der Film sollte das nächste große Ding werden. Wie damals 1969 "Easy Rider", seine Hymne auf die Hippie-Zeit, die Dennis Hopper gemeinsam mit Peter Fonda geschrieben hatte. Hoppers Meisterstück als Regisseur läutete in Hollywood eine neue Ära ein and traf das Lebensgefühl seiner Generation.

Es folgten Filme wie "Out of the Blue" von 1980, die von Kritikern geliebte Geschichte eines rebellischen Teenagers, die in Hoppers Original-Version nicht in England gezeigt werden durfte. Oder "Catchfire" mit Jodie Foster, von dessen Studio-Version sich der Regisseur distanzierte und seinen Namen zurückzog. Bei "Colors - Farben der Gewalt" Ende der 80er Jahre über die Gangs von Los Angeles mit Sean Penn und Robert Duvall warb Hopper wirkliche Gang-Mitglieder an. Zwei von ihnen wurden während der Dreharbeiten im Gang-Alltag von L.A. erschossen.

James Dean war sein Lehrmeister

Einfach war es nie, mit Dennis Hopper zu arbeiten. Seine Ansichten vertrat er mit Sturheit. Das Extreme, vor dem andere zurückschreckten, zog ihn magisch an. Hopper war das, was man wohl am besten mit unbequem beschreibt. Kein anderer als James Dean überzeugte den blutjungen Schauspieler davon, seine Rollen zu leben, anstatt brav Texte aufzusagen. Die Folge war, dass Hopper in Hollywood als schwierig galt - und ihm kaum Hauptrollen angeboten wurden.

Also zog er sich in seine Fotografie zurück. Gemalt hatte der Schauspieler, der die Abstrakten Expressionisten bewunderte, schon immer. Er war mit James Rosenquist befreundet und Ed Ruscha, dessen Atelier sich gleich in der Nachbarschaft in Venice Beach in Los Angeles befindet. In den 60er Jahren lernte Hopper den legendären Galeristen Walter Hopps kennen und tauchte in den Kreis von Hopps' Künstlern ein, zu denen George Herms, Wallace Berman und Ed Kienholz zählten. Neben dem Künstler Hopper gab es auch den leidenschaftlichen Sammler mit einem Faible für Pop-Art. Dass er eines von Warhols Soup-Can-Bildern für 75 Dollar kaufte und dass seine wertvolle Sammlung bei der Scheidung von Schauspielerin Brooke Hayward draufging, passt zur Hopper-Saga. 100 Millionen Dollar sei die Sammlung von damals heute wert, erzählte der Hollywood-Star. Er liebte solche Geschichten und ließ dann gern sein höllisches Lachen ertönen, dass an den alten Hopper aus wilden Zeiten erinnerte.

Weil er in der Wüste rumballerte, blieb sein Fotoarchiv erhalten

Er war im Herbst nach New York gekommen, um seinen nostalgischen Fotoband ("Dennis Hopper: Photographs 1961-1967") mit Bildern von seinen berühmten Künstlerfreunden, Bands und Rockern vorzustellen. Salman Rushdie, Sean Penn, der seinen Sohn nach Hopper benannt hat, und Matt Dillon kamen zur Eröffnung. Doch am wichtigsten schien dem Künstler seine jüngste Tochter Galen zu sein, mit der er Händchen haltend durch die Galerie flanierte. Ganz Hopper wurde der Interviewtermin völlig überraschend per Telefon an einem Samstagnachmittag für Sonntag bekannt gegeben. Die Galerie seines alten Freundes Tony Shafrazi hatte den Schauspieler während der Vorbereitungen der Ausstellung kaum zu fassen bekommen, er steckte bei den Dreharbeiten zu seiner TV-Serie "Crash" irgendwo in der Wüste fest. Es sollte ein kurzes Gespräch über die Ausstellung werden. Doch dann nahm Hopper in der Küche der Galerie Platz und hatte alle Zeit der Welt.

Paraderolle als wahnsinniger Bösewicht

Dass sein Bildband überhaupt zustande kommen konnte, hängt mit einer berühmten Hopper-Geschichte zusammen: In den 70er Jahren hatte der inzwischen verstorbene Walter Hopps seinen Freund in Taos, Mexiko, besucht. Waffennarr Hopper lief mit einem Maschinengewehr herum und schoss wie wild um sich. Natürlich waren Alkohol und Drogen im Spiel. Zum Glück wurde er bewusstlos, so dass Hopps ihm die Waffe abnehmen konnte und schließlich auch sein gesamtes Bilderarchiv. Wer weiß, ob es sonst noch existieren würde.

Hoppers zweite Ehe mit Schauspielerin und Sängerin Michelle Phillips (The Mamas and the Papas) war 1970, nach nur acht Tagen, in die Brüche gegangen. Hopper landete später in der Psychiatrie, wo er Zwangsentzug machte und seitdem die Finger von harten Drogen und Alkohol ließ. Er zog sich für eine Weile vom Film zurück. Siedelte nach Los Angeles über, heiratete irgendwann ein fünftes Mal, wurde im hohen Alter von 67 Jahren noch mal Vater, rauchte Gras, um zu entspannen und wurde insgesamt ruhiger. Ein wenig jedenfalls. Er sei immer noch ein nervöser Typ, bekannte Hopper. Den Finger hätte er ständig am Auslöser der Kamera. Die Leidenschaft für seinen Beruf hat er nie verloren. Zwar schuf er in Filmen wie "Der amerikanische Freund", "Apocalypse Now" oder David Lynchs "Blue Velvet" unvergessliche Figuren, aber er nahm auch Rollen in wenig anspruchsvollen Unterhaltungsfilmen oder Fernsehserien an, um Geld zu verdienen. Gern wurde er mit dem Part des wahnsinnigen Bösewichts besetzt.

Fotografieren für Unsterblichkeit

Für einen Oscar hat es nie gereicht, nur für Nominierungen. Wie wichtig Hopper die Anerkennung als Künstler war, konnte man spüren, als seine Retrospektive 2001 im renommierten Stedelijk Museums in Amsterdam eröffnete. Von seinem Malerfreund Julian Schnabel begleitet erschien Hopper zur Vernissage und bekannte gerührt, dass Künstler wie Cezanne und van Gogh ein Leben lang auf solch eine Ausstellung gewartet haben.

Schon in jungen Jahren hatte sich der Star ernsthafte Gedanken darüber gemacht, was er nach seinem Tod hinterlassen würde: "Ich hatte den Ehrgeiz, Künstler zu sein und etwas Bleibendes zu schaffen." Also fotografierte und dokumentierte er und versuchte, die Zeit festzuhalten. Im Interview beklagte Hopper, dass er statt der alten Bilder seine Farbfotos aus den letzten 15 Jahren, von denen er viele digital geschossen hat, ausstellen wolle. "Es ist verrückt. In meinem Alter muss ich versuchen, mit meiner Arbeit Schritt zu halten." Nicht viel später wurde er in ein Krankenhaus eingeliefert. Dennis Hopper soll bereits seit Jahren unter Krebs gelitten haben. Sein Leben sei in Ordnung, meinte Hopper, aber "ohne diesen Drang etwas zu schaffen und die Angst, es nicht hinzukriegen", wäre es ihm so manches Mal leichter gefallen.

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