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Das Ende eines grandiosen Filmverrückten

Er bezeichnete sich selbst als "filmsüchtig". Er wollte Erfolg, er wollte Massen nicht nur erreichen, sondern auch beglücken, glaubte nicht an Grenzen: Bernd Eichinger ist tot. Ein Nachruf.

Von Christine Kruttschnitt, Los Angeles

Vom Schlafzimmer aus konnte er das Hollywood-Zeichen sehen, und zu Füßen lag ihm die ganze Stadt. Bernd Eichingers Haus in den Hügeln über dem Sunset Strip in Los Angeles ist der Ort, an dem Deutschlands einflussreichster Filmemacher jüngst seinen Hollywood-Traum lebte, inklusive Palme vor der Tür, fetten Zitronen im Garten und Nachbarn, deren Namen man hauptsächlich von den "Billboards" kennt, den großen Werbeplakaten am Sunset Boulevard, der hier mehr wie quirliges Las Vegas anmutet als ein melancholischer Boulevard der Dämmerung. Jung-Hollywood tobt sich hier aus, Nacht für Nacht. Die Eichingers zog es nicht oft vor die Tür, der 61-jährige Filmemacher und seine 22 Jahre jüngere Ehefrau Katja Hofmann verbrachten lieber friedliche Abende zu Hause.

Am Montag aber, dem Tag, an dem Bernd Eichingers schnelles, pralles, aufregendes und aufreibendes Leben ein abruptes Ende fand, hatte das Paar Freunde um sich versammelt. Man saß bei Cecconi's, einem eleganten Italiener ein paar Straßenzüge südlich des Sunset Boulevard. Eichingers Tochter Nina aus erster Ehe war dabei, sein langjähriger Geschäftspartner Martin Moszkowicz, der Produzent Robert Kulzer, der das amerikanische Büro von Eichingers Constantin-Filmfirma organisiert und gerade in Deutschland "Die drei Musketiere" gedreht hatte, Kulzers Frau Leni Ohngemach, eine Drehbuchautorin, sowie zwei weitere Freunde. Eine große Runde in einem lauten Restaurant, das gerade zu Hollywoods "Hot-Spots" zählt und dessen Gäste vorwiegend reich, schön und ostentativ vergnügt sind. Ein bisschen wie Schwabing in seinen besten Zeiten, nur voller Botox statt Bierseligkeit. Hier brach Eichinger zusammen, ein Herzinfarkt.

Seine Leidenschaft fürs Kino blieb ungebrochen

Er möchte nicht leiden, sagte er oft zu Freunden, wenn er über den Tod sprach. Er möchte umfallen, zack, aus, und alle Trauergäste sollen ihre Champagnergläser an seinem Sarg zerdeppern. Der Gedanke, dass sein plötzliches Ende dieser leichthin geworfenen Bemerkung aufs Makaberste entspricht, wird niemandem ein Trost sein. Seinen Freunden und Mitarbeitern bei der Münchner Constantin nicht, die "fassungslos" auf die Nachricht aus dem fernen Kalifornien reagierten. Schon gar nicht seiner Tochter oder seiner Frau Katja Hofmann, die er vor fünf Jahren hier in Hollywood "heimlich" geheiratet hat und der es gelungen war, aus einem besessenen, barschen, oft haltlosen "Film-Viech", wie ein Münchner Kollege spöttelte, ein diszipliniertes Film-Tier zu machen. Und mehr noch: aus einem rastlosen Workaholic einen glücklichen Mann.

Seine Leidenschaft fürs Kino blieb ungebrochen, nicht aber seine Rücksichtslosigkeit im Umgang mit sich selbst. Vor vier Jahren hörte er, der über Dekaden schlotende Kettenraucher, mit einem seiner ältesten Laster auf. Und er trank kaum mehr, er, der oft Filmbälle mit glasigen Augen beendete und zum darauffolgenden Arbeitsfrühstück mit einer Fahne erschien, wie sie selbst in seiner Wahlheimat Amerika nur an hohen Feiertagen geflaggt wird. Eichinger hatte immer eine Macho-Attitüde vor sich hergeschoben wie eine Signalwaffe; hart trinken, cool reden - eine Cowboy-Pose, die wohlweislich eine branchenunübliche Empfindsamkeit verbarg. Und die zerbröselte unter dem Lächeln seiner Frau Katja, einer ehemaligen Journalistin, die erst spät in Eichingers Leben trat und auf ihn wirkte wie Kaliforniens Sonne auf dunkelste Gemüter.

Er arbeitete an diversen Stoffen in Los Angeles

Jedes Jahr im Winter kam Eichinger für ein paar Monate nach Los Angeles. Diesmal wollte er bleiben bis April: Er arbeitete an diversen Stoffen, unter anderem am Drehbuch zu einem Spielfilm über Natascha Kampusch, das Mädchen, das 3096 Tage lang in einem Kellerverlies festgehalten wurde.

Und er plante, die Nibelungen ins Kino zu bringen, ein alter Traum von ihm. Katja Hofmann schrieb ebenso an Drehbüchern, teilte seine Liebe zum Film. Weil er im Januar nicht zum Bayerischen Filmpreis angereist war, orakelte das US-Branchenblatt "The Hollywood Reporter" nun im Nachhinein, da habe er wohl bereits "gesundheitliche Probleme" gehabt. Wahr ist, sagen seine Freunde, dass er schlicht keinen Grund hatte für den Flug nach Übersee: Er hätte keinen Preis gewonnen, war gar nicht nominiert.

Nicht, dass Eichinger, der in seiner mehr als 30-jährigen Karriere an die hundert Filme produziert, koproduziert, geschrieben und auch inszeniert hat und dafür mit einer Vielzahl von Auszeichnungen behängt wurde, noch darauf gewartet hätte, aus der Hand irgendwelcher Minister Lorbeeren entgegenzunehmen. Wahrscheinlich hatte er einfach keine Lust auf den langen Flug, auf den grauen Winter. Wahrscheinlich guckte er lieber aufs Hollywood-Zeichen und die fetten Zitronen und gern auch auf die blonde Gattin und tippte in die Tasten.

Eichinger träumte immer GROSS

Am Dienstagvormittag, als in der ganzen Stadt nur das Thema "Oscar"-Nominierungen diskutiert wurde, berichteten die Fachblätter mit Bestürzung vom Tod des renommierten Filmemachers. Kaum ein Wort über seine - deutschen - Meilensteine und Massenerfolge wie "Christiane F. - Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" oder "Der bewegte Mann". Verständlich: In den USA kannte man den Mann mit dem rustikalen Englisch ("Hello allerseits! Äh, everywhere!") vor allem als die Eminenz hinter den Filmen "Der Baader-Meinhoff-Komplex" und "Der Untergang", jenem Hitler-Bunker-Drama, zu dem er selbst das Skript verfasst hatte. Beide Arbeiten nämlich waren für den "Oscar" nominiert: Das ist die Währung, die in Hollywood mehr zählt als das Gold deutscher Leinwände oder Euros an der Kinokasse. Dabei war Eichinger in seinem Denken den alten Entertainment-Moguln immer näher als dem deutschen Filmbetrieb: Keiner füllte in Deutschland so viele Säle wie der in der oberbayerischen Provinz geborene Tycoon; keiner packte so unterschiedliche Genres an wie Eichinger, der mal Autorenfilmer förderte und damit Kunst ermöglichte und gleich darauf als Popcorn-Kino-Volksverdummer gescholten wurde.

Er träumte immer GROSS, auch als er noch in "Minga" saß. Ein Filmverrückter, ein "Filmsüchtiger", wie er sich selbst nannte. Er wollte Erfolg, er wollte Massen nicht nur erreichen, sondern auch beglücken; er glaubte nicht an Grenzen. Ein Weltenschaffer, dessen Kino-Träume schon auf Englisch gedreht wurden, als man in der deutschen Heimat dafür noch den Spinner-Preis für größtmöglichen Realitätsverlust bekam. Sein in den Bavaria-Studios zum Leben erwecktes Fantasy-Märchen "Die Unendliche Geschichte" - von Wolfgang Petersen inszeniert, auch so einem, der glücklich ist in Hollywood -, galt seinerzeit als der teuerste Film, der je außerhalb Amerikas Kino-Zentrale entstanden war. Großmannsucht, schimpften deutsche Kritiker.

Der Produzent, damals noch ganz ungebändigt Macho, wird die Achseln gezuckt haben. Der Film wurde ein internationaler Kassenschlager. Und Bernd Eichinger brauchte eigentlich schon damals gar nicht aus dem Schlafzimmerfenster zu blicken, um das Hollywood-Zeichen zu sehen. Und die Welt zu seinen Füßen.

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