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"Ich habe einen Traumjob"

Jede Woche fängt der Cartoonist Til Mette für den stern die Gemütslage der Deutschen in Zeichnungen ein. Im Interview erzählt Mette über seinen Werdegang und sein Verständnis von Humor.

Beginnen wir vielleicht mit dem Beginn: Was hat dich zum Zeichnen gebracht?

Eine Kombination aus mehreren Dingen. Mein Vater, eigentlich ein Arzt, hatte immer eine Schwäche fürs Zeichnen und war sehr gut darin. Das hat mir als Kind schon imponiert. Und dann die Schule. Ich war ein durchweg schlechter Schüler und bin zweimal sitzen geblieben. Und hier kommt meine Mutter ins Spiel. Die hat gerade deshalb geglaubt, dass in mir etwas Besonderes, so was wie ein Künstler steckt. Ich konnte viel durchs Zeichnen kompensieren und war ganz früh fasziniert davon, dass Zeichnerei Unterhaltungsprogramm für andere sein kann. In der Schule war das oft mein einziges Rückzugsfeld, auf dem ich brillieren konnte.

Waren das künstlerische Zeichnungen oder schon Karikaturen?

Immer Karikaturen. Wenn man den Unterschied überhaupt machen will zwischen künstlerischer Zeichnung und Karikatur. Die eine setzt eine gewisse Ernsthaftigkeit voraus. Und die andere ist auf den Lacherfolg aus. Obwohl ich Kunst studiert habe und großen Respekt vor Malerei habe, war ich immer an schneller Resonanz interessiert. Schon in der Schule.

Hast du an Schülerzeitungen mitgearbeitet?

Klar, mein anderes Faible sind Zeitungen als solche. Ich habe eine frühe Liebe zu Zeitungen entwickelt und hatte auch immer die Vorstellung, dass ich später bei einer Zeitung arbeiten wollte.

Als Schreiber oder Zeichner?

Ursprünglich als Schreiber. Aber dann war relativ schnell klar, dass die Leute mich für einen besseren Zeichner hielten. Ich habe bei Blättern angefangen, die gerade gegründet wurden. Das waren in den 70er-Jahren vor allem Zeitungen aus dem alternativen Umfeld. Bei denen gab’s gelegentlich das Problem, dass sie kurz vor Redaktionsschluss nicht genügend Texte hatten, um die Löcher zu füllen. Ich war gewissermaßen sehr gut im Löcherfüllen. Wenn irgendwo zehn Zeilen fehlten, musste ich was zeichnen, was da reinpasste - auf zehn Millimeter. Und das sollte dann auch noch witzig sein. Eine gute Schule.

Wann ist dir klar geworden, dass Zeichnen dein Beruf werden würde?

Schon während des Studiums. Ich habe in Bremen Lehramt studiert für Kunst und Geschichte, und mir wurde schnell bewusst, dass es für uns gar keine Stellen geben würde...

...die Lehrerschwemme der 80er-Jahre?

Genau. Aber mich hat das nicht frustriert, weil ich nebenbei immer für Zeitungen gezeichnet habe, als Student auch schon für die Süddeutsche und die Frankfurter Rundschau. Ich konnte darüber teilweise mein Studium finanzieren. Es war ein schleichender Übergang. Und dann wurde in Bremen eine Zeitung gegründet. Ich bin dort eingestiegen, weil ich wusste, dass man als zuliefernder Karikaturist wenig Autorität in einem Zeitungsgeflecht hat. Aber als Gründungsmitglied, das ahnte ich intuitiv, hast du sehr viel mehr zu sagen.

Das war die Taz ?

Ja, die Taz Bremen, im Jahre 1985. Die Zeit hat mich bis heute geprägt.

Die Taz hat sich immer als Gegengift zur konservativen Presse verstanden. Waren deine Zeichnungen damals politischer?

Oh ja. Wenn ich das rückwirkend betrachte, ist es manchmal erschütternd, wie naiv ich damals den Cartoon verstanden habe. Cartoon galt als Teil einer Aufklärungskampagne, mit der du Leute wachrütteln und sogar erziehen wolltest. Schrecklich.

Was zum Beispiel war "schrecklich"?

Der erste Golfkrieg, als die Irakis in Kuwait einmarschierten und die Amerikaner daraufhin eingriffen. Seinerzeit wurden in allen Blättern Horrorszenarien ausgebreitet - brennende Ölquellen, atomarer Winter, Apokalypse. Das volle Programm. Zu der Zeit habe ich die Bilder mitgezeichnet und diesen Hype unterstützt. Kurze Zeit später kam dieser Feuerwehrmann Red Adair eingeflogen und hat innerhalb von zwei Wochen alle Ölquellen gelöscht. Für uns war das ein Schock, dass ein Ami kommt und binnen kurzer Zeit das komplette Untergangsszenario zunichte macht. Ich war regelrecht beschämt über meine eigenen Sachen. Das hat eine Wende ausgelöst. Ich wollte künftig nie mehr einer Hysterie aufsitzen,

Aber deine Karikaturen transportieren doch immer noch Botschaften?

Botschaften? Weiß ich nicht. Ich komme nicht aus einer Position, in der ich den Leuten einen Spiegel vorhalten möchte. Ich bin nicht der, der anderen sagt: „Da gehts lang.“ Ich fühle mich aber stark genug, beim stern zu sagen, was ich meine. Das heißt aber noch lange nicht, dass ich unbedingt Recht habe.

Welche Art von Humor hat dich beeinflusst?

Am Anfang Loriot und Wilhelm Busch, die verehrte mein Vater auch. An Loriot mochte und mag ich immer diese Parodie des bürgerlichen Milieus. Loriot war meine Teenagerzeit.

Und später?

Als die neue Frankfurter Schule, Pardon und Titanic, wichtig wurden, war ich zu busy. Da hatte ich als Jugendlicher mit anderen Sachen zu tun: Mopeds, Schule, sitzen bleiben und so. Ich war kein Lesemensch, der sich mit einem satirischen Blatt hinsetzt und sich amüsiert. Die Frankfurter Schule habe ich erst wahrgenommen, als ich Ende zwanzig war. Davor schon haben mich die amerikanischen Cartoonisten interessiert. Mein Patenonkel hatte in den 50er-Jahren in New York studiert. Und über seine amerikanischen und kanadischen Freunde bin ich an nordamerikanische Kultur geraten. Bei ihm lag auch immer der New Yorker rum. Ich konnte das zwar noch nicht einsortieren mit fünfzehn Jahren, aber die Zeichnungen darin hatten eine magische Faszination auf mich. Bis heute. die verantwortungslos ist.

Wie unterscheiden sich amerikanische Karikaturen von deutschen?

Die Amerikaner wollen ein Thema lustig rüberbringen, und die Deutschen wollen eher belehren. Amerikaner sind meistens witzig. Und sobald etwas witzig ist, wird es auch eher akzeptiert. Ich glaube grundsätzlich nur Leuten, die ein gewisses Maß an Humor besitzen.

Und was ist deutscher Humor?

In Deutschland will man mit Humor oft in eine satirische Richtung gehen, die beißt. Was dem unterliegt, ist die Hoffnung auf Veränderung. Daran glaube ich nicht. Meine Aufgabe ist nicht, jemanden zu verändern. Ich will unterhalten.

Schadenfreude ist die schönste Freude...

Was ist das überhaupt für ein Spruch? Sagt das nicht alles? Engländer und Amerikaner haben Schadenfreude in ihre Sprache aufgenommen, weil es diesen Begriff bei ihnen gar nicht gibt. Schadenfreude ist das Fundament des deutschen Humors. Das ist vielen anderen wesensfremd.

In anderen Kulturen gehören Witze sogar zum guten Ton...

In den USA machen Geschäftsleute Karriere, die gut Witze erzählen können. Vielleicht sogar deshalb. In Deutschland ist es ein sicheres Zeichen, dass eine Karriere zu Ende geht, wenn jemand versucht, lustig zu sein.

Lass uns noch einen Moment bei Vorurteilen bleiben. Fällt dir eines ein, dass du im Laufe der Jahre revidieren musstest? Wenn nicht, auch gut...

Ich muss mal kurz überlegen. Oh ja. Als ich 1992 nach Amerika zog, war ich hundertprozentig davon überzeugt, dass Frauen - rein genetisch bedingt - nicht in der Lage sind, witzig zu sein. Die alte Geschichte, die Mädels bauen das Nest, Männer gehen jagen. Darin liegt ja auch der Kern des Humors: Die Pointe muss eine Punchline haben, sie muss jagdorientiert sein. Nest bauen? Das ist nicht lustig. Das ist Arbeit, aber nicht lustig. Putzen ist auch nicht lustig.

Und? Wo ist das Vorurteil? Bisher stimmt doch alles.

Ja, ja. Aber dann kam ich in die USA und musste die schöne Theorie komplett über den Haufen werfen. Hier gabs plötzlich komische Frauen, tolle Stand-up- Comedians. Die waren das ganze Gegenteil der deutschen Ulknudel. Auch tolle Cartoonistinnen, und die sind nicht mal Feministen. Ein regelrechtes Erweckungserlebnis war das.

Der Großteil deiner Zeichnungen beschäftigt sich mit Deutschland - obwohl du in den USA lebst. Wie schaffst du es, den Puls zu treffen

Durchs Internet habe ich Zugriff auf vieles, was in Deutschland passiert. Was die Informationslage angeht, ist es heute eins zu eins. Was mir fehlt, sind Stallgerüche.

Trotzdem schaffst du es immer wieder, mit einem Bild und einem Satz, die ganze Stimmung im Land zu treffen. Der Cartoon mit dem Autofahrer, der an der Tankstelle steht und zum Tankwart sagt: "Einmal halb leer bitte" war so ein Beispiel...

Das muss wohl daran liegen, dass ich Deutscher bin, das schüttelst du ja nicht ab. Halb leer, dieser deutsche Kulturpessimismus traf offenbar den Zeitgeist.

Weißt du immer, wenn dir eine gute Zeichnung gelungen ist?

Ich bin relativ sicher bei sehr guten Zeichnungen. Die kommen einem als Geistesblitz, mittelmäßige Zeichnungen - daran arbeitet man. Schlechte Zeichnungen? An denen sitzt du eine Woche und sie werden trotzdem nix. Das Problem ist, dass ich auf die schlechteren Zeichnungen oft die meisten Reaktionen kriege, weil sie die Leute für gut halten. Und umgekehrt. Ganz besonders irritierend ist: Gerade bei den engagierten Karikaturen kriege ich die bösesten Briefe von den Leuten, die ich eigentlich verteidigen wollte.

Ein Beispiel bitte...

Als die antisemitischen und ausländerfeindlichen Attacken in Ostdeutschland liefen, habe ich ein paar Zeichnungen zum Thema Juden in Deutschland gemacht. Und prompt bekam ich Briefe von allen jüdischen Gemeinden - ich sei unakzeptabel und das gebühre sich nicht und ich würde mit dem jüdischen Glauben unsensibel umgehen. Nichts lag mir ferner.

Du musst jede Woche witzig sein. Grenzt das nicht an Quälerei?

Ich habe einen Traumjob. Es ist die Vorstellung, in sehr großer Freiheit das zu tun, was ich möchte. Ohne sich dabei zu verbiegen und dafür auch noch Geld zu bekommen, kommt paradiesischen Verhältnissen gleich. Aber klar, Arbeit ist es schon. Manchmal habe ich diese Paniksituationen, wenn die Deadline naht. Ich sitze dann am Schreibtisch und bin nicht mehr Herr meiner Sinne. Ich werde bleich und verhalte mich wie ein Autist.

Und wer rettet dich aus der autistischen Phase?

Zunächst meine Frau. Die weiß, was witzig ist und was nicht. Und sie ist sehr ehrlich und sehr charmant, vor allem wenn alles in den Dütt gegangen ist. Und dann mein Redakteur, Rolf Dieckmann, beim stern. Ich habe das unverschämte Glück, dass er einer der kompetentesten Kenner der deutschen und internationalen Cartoonszene ist und für mich vor allem in den ersten Jahren beim stern eine Art Trainer war und auch immer noch ist.

Wie siehst du dich selbst: Bist du eher Künstler oder Journalist?

Jetzt wirds schwierig. Das ist eine Grenzgänger- Situation, die ich ständig erlebe. Mein zeichnerisches Handwerk ist ja Routine. Künstler oder Journalist? Ich muss jede Woche liefern, und das unterscheidet mich vom Künstler: Denn ich kann etwas abgeben, was es vielleicht nicht in die Hall of Fame schafft. Ein Künstler darf nicht so arbeiten. Ich glaube, dass ich mich an der Schnittstelle zwischen Journalist und Künstler befinde.

Gibt es irgendeine Grenze für dich: Was darf Humor und Satire – und was nicht?

Nicht alles. Vor allem nicht langweilig sein.

Jetzt noch mal was Leichtes zum Schluss - worüber kannst du lachen?

Über gute Stand-up-Comedians. Das verstehen die Amis einfach. Das Lachen kommt vom Bauch, nicht vom Kopf. Und ehrlich?

Ja, bitte, ausnahmsweise.

Früher in Deutschland fand ich Didi Hallervorden witzig. Hallervorden ist ein kluger und alberner Profi und war vor allem lustig. Das wars. Wenn er irgendwann mal ins Gras beißt, tut er mir jetzt schon leid wegen seines Nachrufs im Spiegel.

Apropos. Loriot hat auf die Frage "Was soll auf Ihrem Grabstein stehen?" einmal geantwortet: "Zweckmäßig wäre es, wenn der Name drauf stünde." Hast du schon eine Idee? Man kann ja nie früh genug anfangen.

Hm. Mir hat mal ein Freund einen Link für Anagramme geschickt. Damals habe ich damit rumgespielt. Bei Til Mette, kam nix Vernünftiges raus. Erst als ich meinen vollen Namen Tilman Mette eingab, ergab es ein bisschen Sinn.

Und was kam raus?

Mimte Talent. Das wäre doch was für den Grabstein.

Interview: Michael Streck

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