Einblicke in das Leben eines Einzelgängers

11. April 2013, 17:12 Uhr

Im Januar ist Georg Baselitz, der Großmeister der "Kopfsteh-Bilder", 75 Jahre alt geworden. Nun setzt Evelyn Schels dem Künstler mit ihrem Dokumentarfilm ein Denkmal.

Georg Baselitz, Kino, Evelyn Schel, Dokumentation

Georg Baselitz gibt in Evelyn Schels Dokumentarfilm Einblicke in sein Leben©

Es ist kaum zu glauben: Georg Baselitz, bekannt als raubeiniger und verschlossener Einzelgänger, gibt nachdenklich plaudernd Einblick in sein Leben. Allein für diese Überraschung lohnt es sich, Evelyn Schels Porträt "Georg Baselitz" anzuschauen. Aber die Dokumentation, die in ausgewählte Kinos kommt, schafft noch viel mehr: Sie macht verständlich, wie aus einem aufmüpfigen, renitenten DDR-Kid einer der weltweit erfolgreichsten Künstler der Gegenwart wird - nicht mit kulturtheoretischem Gerede, sondern durch einen genauen, aufmerksamen Blick auf sein Leben.

"Baselitz war immer und wollte immer ein moderner Künstler sein. Nur die Moderne, die er wollte, die gab's nicht." So beschreibt der Galerist Fred Jahn in der Dokumentation den schwierigen Weg, den der 1938 als Hans-Georg Kern im sächsischen Deutschbaselitz bei Kamenz geborene Maler nahm. Evelyn Schels, die seit vielen Jahren Künstlerporträts etwa für die ARD und Arte dreht, hatte Baselitz 2004 bei einem ersten kürzeren Film kennengelernt. Aus der Zusammenarbeit entstand eine Freundschaft, die der Filmemacherin schließlich die Türen zum "Allerheiligsten" öffnete.

Drei Jahre lang durfte sie Baselitz mit der Kamera bei der Arbeit begleiten: in seinen Ateliers am oberbayerischen Ammersee und im italienischen Imperia, bei seinen Reisen nach Paris, Berlin und New York, und vor allem im Gespräch mit seiner Frau Elke, mit der er seit mehr als 50 Jahren fast symbiotisch zusammen ist. "Er will natürlich die Nummer eins sein", verrät sie seinen Ehrgeiz. Und er gesteht: "Sie muss gar nicht hingucken. Sie braucht mich ja nur anzuschauen, dann weiß sie, ich habe Mist gemacht."

Schicht um Schicht wird Baselitz' Lebensweg offenbart

Der Film nimmt sich viel Zeit, den Künstler im Schaffensprozess zu beobachten. Einmal bearbeitet er bis zum Umfallen eine riesige Holzskulptur mit Kettensäge und Axt, ein andermal feilt er am Porträt seiner Frau aus der "Negativ-Serie". Das mehr als zwei Meter große Bild liegt vor ihm auf dem Boden, damit die Farbe nicht verläuft. Immer wieder steht er auf, begutachtet es kritisch, tupft hier nach, verreibt dort. Was später aussehen wird wie satt und genial hingeworfen, ist ein langer und mühseliger Prozess. Die oft nur von einem Instrument getragene Musik von Christoph Rinnert macht auch die Einsamkeit dieses kreativen Kampfes deutlich.

Mit sparsamen Fragen aus dem Off legt die Autorin dazwischen Schicht um Schicht seinen Lebensweg frei - von der schwierigen Jugend in der Kriegs- und Nachkriegszeit, von dem Nazi-Vater, für den man sich schämen müsste, von dem harten Anfang als "Junger Wilder" mit mickrigen Gelegenheitsjobs bis hin zum Siegeszug durch die großen Galerien dieser Welt. "Alles, was ich gemacht habe, habe ich sehr heftig gemacht", sagt der Meister der kopfstehenden Bilder, der sich trotz seiner 75 Jahre bis heute immer wieder neu erfindet.

"Einen der größten und radikalsten und kompromisslosesten Künstler filmisch zu beschreiben - das war die Herausforderung", fasste Regisseurin Schels laut Presseheft zusammen. Gelungen ist ihr dies vor allem, weil sie Baselitz' Vertrauen hatte. Es klingt fast rührend, wie er sich am Schluss trotz all seines Erfolgs selbst infrage stellt. "Es gibt keine Therapie, weil ich grundsätzlich unsicher bin", sagt er vor seiner Ausstellung in New York. "Bist du noch da? Akzeptieren die Leute das? Lieben sie dich vielleicht sogar, oder finden sie es langweilig?" Diese Fragen hören wohl nie auf.

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