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Aus dem Schatten ins Licht

Manet und Monet kennt jeder. Aber dass es auch impressionistische Malerinnen gab, ist kaum bekannt. Eine beeindruckende Ausstellung in Frankfurt zeigt, dass die Impressionistinnen oft besser waren als ihre männlichen Kollegen und nichts in ihrem Schatten zu suchen haben.

Von Anja Lösel

Sie durften nicht wählen und keine Kunstakademie besuchen. Wenn sie in einem Pariser Café ein Stück Kuchen essen wollten, brauchten sie Begleitung, um nicht als leichte Mädchen abgestempelt zu werden. Kunstunterricht gab es nur in speziellen Malschulen für Frauen - meist zu enormen Gebühren. Und oft mussten sie auch noch gegen die Vorurteile der eigenen Familie ankämpfen. Eine Frau, die malt? Ungehörig, unangemessen, unanständig.

Dass einige Impressionistinnen trotz der enormen Hindernisse zu großen Malerinnen werden konnten, ist fast ein Wunder. Die Frankfurter Schirn zeigt nun, wie gut sie tatsächlich waren. Und wie mutig. Berthe Morisot, Eva Gonzalès, Mary Cassatt und Marie Bracquemond: Jede von ihnen führte einen Kampf gegen Vorurteile und Verbote - und alle brachten Opfer für ihre Malerei.

Mary Cassatt: eine Amerikanerin in Paris

Mary Cassatt (1844-1926) kam aus Amerika nach Paris - und blieb der Kunst zuliebe unverheiratet. Ein Mann, so fürchtete sie, würde ihr das Malen verbieten. Weil sie, wie alle Künstlerinnen, nicht überall arbeiten konnte, suchten sie sich ihre Themen vor allem im Freundinnenkreis, in der Familie, in Haus und Garten. Mit frechem, schnellem Pinselstrich malte sie ihren eigenen Alltag, setzte raffinierte Lichteffekte. Impressionismus - das bedeutete skizzenhafte, lockere Malerei, nicht mehr in Ateliers, sondern im Freien, in der Natur. Besonders gern malte Mary Cassatt Frauen und Kinder. Manchmal ein wenig süßlich, aber doch unsentimental zeigt sie ganz normale Babys, die weinen, am Daumen lutschen oder einfach schlapp und müde im Arm der Mutter hängen. Wunderbar das Bild "Junge Frau lesend": Hingelümmelt über zwei Sessel liegt ein Mädchen, tief versunken in ein Buch. Ihre Hand mit einem Fächer ist herabgesunken, das lange, hellblaue Kleid zerknüllt. An den Rocksaum hat sich ein kleines Fellknäuel geschmiegt, vielleicht ein Hündchen.

Eva Gonzalès: eine große Pastellmalerin

Von Eva Gonzalès (1847-83) gibt es nicht viele Bilder, denn sie starb mit 34 Jahren kurz nach der Geburt ihres Sohnes. Die Manet-Schülerin, galt als hochbegabt und war vor allem eine große Pastellmalerin. Besonderes schön ist ihr Bild "Der Haarknoten": Es zeigt nichts als einen nackten Rücken und eine verschlungene Frisur - geheimnisvoll und sehr erotisch. Besonders anrührend: Das Porträt ihres Mannes Henri mit Evas Schwester Jeanne in der Theaterloge. Ein seltsam intimes und trauriges Bild, als hätte Eva Gonzales die Zukunft vorausgeahnt. Neun Jahre später war sie tot, kurz darauf heirateten Jeanne und Henri, die Schwester und der Ehemann.

Marie Bracquemond litt unter ihrem Ehemann

Marie Bracquemond (1840-1916) hatte es am schwersten. Denn sie musste sich mit der Eifersucht ihres Mannes Félix herumschlagen, der selbst Porzellanmaler und Grafiker war und sie als Konkurrentin betrachtete. Vor allem dass sie, wie alle Impressionisten, in der freien Natur malte, fand er unpassend und albern. Ihre Experimente mit Licht und Farben waren ihm unheimlich. Die "Drei Damen mit Schirmen" etwa, um die herum das Sommerlicht nur so flirrt, hell und mit intensiven Farbtupfern aufgetragen. Für Félix ein hässliches, ungehöriges Bild. Immer wieder gab es Streit zwischen ihm und Marie. Am Ende, gab sie enttäuscht und resigniert die Kunst auf - "für den Familienfrieden".

Berthe Morisot: die impressionistischste unter den Impressionisten

Am besten hatte es Berthe Morisot (1841-95) getroffen. Sie heiratete Eugène Manet, den Bruder des Impressionisten Edouard Manet. Auch Eugène war Maler, aber er unterstützte und ermutigte seine Frau in ihrer Arbeit. Er und die gemeinsame Tochter Julie standen der Mutter oft Modell. Berthe Morisot war "die impressionistischste unter den Impressionisten", so ein Zeitgenosse. Sie hatte die Gruppe der Impressionisten mit begründet. Und erklärte selbstbewusst: "Ich weiß, ich bin genauso gut wie die Männer." Anrührend das Bild "Eugène Manet und seine Tochter im Garten" von 1883. Die Kleine sitzt da im weißen Kleid auf einem Hocker und wird offenbar vom Vater gemalt, der mit strenger Miene und Zeichenblock zwischen wuchernden Pflanzen und wildem Laub sitzt. Das Licht schimmert auf den Blättern, es ist Sommer, der Vater trägt einen Strohhut. Und irgendwo, außerhalb des Bilders, muss ja auch die Mutter sein und malen. Ein wahres Familienporträt also.

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