
Wann ist ein Bild fertig? Richter arbeitet immer an mehreren zugleich© Will McBride
Richter ist amüsiert, wenn er so etwas liest. Er mag es, wenn sich andere viele Wörter suchen für das, was er mit dem Pinsel macht. Er selbst erklärt Motive und Vorlagen schlichter: "Ich bin als kleiner Junge immer nachts in den Wald geschlichen und habe Menschen beobachtet, also meist nur ihre Umrisse, war ja nicht so hell." Deshalb findet man auf seinen Bildern heute immer noch viel Wald, Parks und Lichtungen, sie waren die Bühnen seiner ersten Erlebnisse.
Richter ist 1962 im schleswig-holsteinischen Eutin geboren. Nach der Schule ging er nach Hamburg, tauchte ein in eine politisierte Jugendkultur und war, wie er sagt, "recht aktiv in der Autonomen-Szene". Im berühmten Anarcho-Disneyland Hafenstraße wohnte er jedoch entgegen vielen Legenden nicht, "die waren mir zu selbstautoritär". Richter, der Freigeist, trieb sich herum und wollte "die Macht übernehmen, was ein ziemlich blöder Gedanke war", und vielleicht wäre aus ihm nicht viel mehr geworden als ein links denkender Besserwisser, hätte der Malerei-Professor Werner Büttner ihn Anfang der 90er Jahre nicht an der Hamburger Kunsthochschule angenommen. Richter fing an, Kunstgeschichte zu saufen. Punk und Caravaggio, Anarchie und Antike, sein Hirn goss sich bis zum Rand voll mit Stilgeschichte, Freskentechnik und Pablo Picassos frühen und späten Phasen. "Und nun mach was draus. Mal!", hat ihm Büttner gesagt. Ein Imperativ, den Richter, der heute auch an der Wiener Kunstakademie als Dozent tätig ist, seinen Studenten weitergibt. "Viel denken, viel malen!" So wie er, Daniel Richter!
Nee, er nimmt jetzt trotzdem nicht den Pinsel, das kann er nur, wenn der ganze Tag dafür da ist, das muss sich in ihm aufbauen, aufstapeln und aufbäumen. Und er muss Impulse finden. Auf dem Tisch in seinem Atelier liegt ein zerknittertes Foto des Eros-Shops, den er als Grundlage auf die Leinwand gemalt hat. Und für sein berühmtes Bild "Phienox" (2000), über das die Kritik jubelte, es sei das Bild zum Mauerfall, nutzte Richter in Wahrheit ein Zeitungsfoto des Attentats auf die amerikanische Botschaft in Nairobi 1998. So verweben sich auf seinen Bildern Fundstücke aus der Gegenwart mit Anspielungen und Zitaten und dazu Prisen Francisco de Goya, Edouard Manet, Pierre Bonnard oder Otto Dix. Das Wort "gemalte Kunst" ergibt bei Richter doppelten Sinn.
Ein paar Jahre malte er so vor sich hin, verkaufte ein paar Bilder, machte Ausstellungen; ein deutscher Künstler eben. Manche im Markt sagten "Geheimtipp", andere urteilten: "ein Kind der alten Wilden". Doch dann, irgendwann 2003, geht's plötzlich ab. Richter sagt noch heute, dass er völlig überrascht war. Sein Bild "Gedion" wird für 206 688 Euro in New York versteigert. Und drei Jahre später pendeln sich die Preise auf dem doppelten Niveau ein: "Süden" bei Christie's für 434 456 Euro, "Über die Toten nichts Schlechtes" bei Sotheby's für 358 173 Euro, "Elvis" für 327 278 Euro und so weiter. Für den Kunstmarkt malen konnte er nicht, der sucht sich seine eigenen Vorlieben, um zu spekulieren. Und Anfang des Jahrtausends gelten die Vorlieben eben den Deutschen. Rauch, Meese, Richter. Irgendwann sind es die jungen Russen oder die Chinesen, wer weiß.
Dass er nun nicht nur Bilder, sondern eben Aktien malt, schreckt ihn, den Linken, wenig. Marx hat den Kapitalmarkt ja gut erklärt, da wird man nicht sentimental, sondern Realist, sagt er. Einmal, da habe ihn die Kühle der Kapitals schon noch überraschen können. Da wollte Richter von einem Käufer eines seiner Bilder für eine Ausstellung leihen, "aber der Mann hatte es in einem Lagerhaus und wollte es nicht ausleihen. Der wartet nur, dass es teurer wird". Doch der Darling des Kunstkapitals zu sein, das hat Richter mit dem ihm eigenen Selbstbewusstsein aufgenommen. Deshalb haben ihn die Herren von der Deutschen Bank auch beeindruckt, "die sind ja das Kapital, die sind nicht korrumpierbar". Alles andere ist das schon, sagt der Radikalinski. Richter und Breuer, das war auf Augenhöhe, irgendwie.
Er hat seine Grillschürze immer noch an, aber heute wird das nichts mehr mit dem Malen. Obwohl das Bild fertig werden müsste. Das noch und auch noch ein anderes, sie sollen mit in die Hamburger Ausstellung. Dabei hat der Mann, der in Berlin arbeitet und in der Hansestadt lebt, weniger Zeit als früher. Vor sieben Monaten haben Daniel und seine Frau, die Regisseurin und Theatergründerin Angela Richter, einen Sohn bekommen. Das hat das Denken verlagert: "Vergangenheit, Zukunft, Verantwortung - muss ich alles neu ordnen."
Ausstellung Hamburger Kunsthalle, Galerie der Gegenwart: 4. Mai bis 5. August. Mit rund 50 großformatigen Gemälden und über 400 Skizzen gibt die Ausstellung erstmals einen Gesamtüberblick über das Werk der vergangenen zwölf Jahre. Der Katalog dazu erscheint im DuMont Verlag, Köln, 248 Seiten, circa 30 Euro.
Galeriekontakt: Contemporary Fine Arts, Sophienstraße 21, Berlin. Tel. 030/2888 78 70. www.cfa-berlin.com