
Gül Ilgaz: Mücadele / Der Kampf (Athena), 2009© Gül Ilgaz
Yesim Agaoglu hat einen Berg von gelbem Papier abgelegt. Immer das selbe, von ihr geschriebene Gedicht ist da zu lesen: "Sie sind gekommen". Jeder darf sich ein Blatt mit nach Hause nehmen. Und weiter lesen: ein Lied der Gastarbeiter in Deutschland, die kamen und blieben.
Am härtesten mit sich selbst und mit dem Publikum geht Sükran Moral um. In ihren Filmen und Performances bricht sie Tabus auf, weil sie wütend ist auf die scheinheilige Gesellschaft, die einer Frau nicht erlaubt, was jeder Mann selbstverständlich tun darf. Nackt sitzt sie im Dampfbad mit einer Gruppe Herren, isst Weintrauben, trinkt Alkohol und lässt es sich auf eine Weise gut gehen, die in der Türkei nur Männern erlaubt ist.
Oder sie posiert in einem Bordell im durchsichtigen Top, mit Strapsen und blonder Perücke. Die Istanbuler Männer flanieren vorbei, glotzen und geifern. "In der Region, aus der ich komme, waren alle Mädchen gezwungen, sich zu verstecken. Es war ihnen nicht erlaubt, sie selbst zu sein. Deswegen stelle ich mich immer mit meinem eigenen Körper ins Zentrum", sagt sie. "Ich gehe an die Grenze des Erträglichen." Ein Wunder, dass der Film überhaupt entstehen und sogar auf der Istanbul Biennale aufgeführt werden konnte. In der Türkei ist eben vieles möglich, was unvorstellbar scheint. Auch das zeigt diese Ausstellung.
"In keinem anderen muslimischen Land gibt es so viele Künstlerinnen", sagt Kurator Çetin Güzelhan. "Und sie sind sehr dynamisch und gut." Aber auch die männlichen Künstler sind härter und politischer als die meisten ihrer deutschen Kollegen. Irfan Önürmen baut aus Zeitungspapier Panzer, Maschinengewehre und Kampfflugzeuge. Halil Altindere hat ein umgeworfenes Polizeiauto vor die Akademie der Künste am Hanseatenweg geworfen. Bedri Baykam kämpft mit dreidimensionalen Bildern gegen Zensur und Folter, weil einer seiner besten Freunde von Fundamentalisten getötet wurde und ein Freund im Knast sitzt ohne zu wissen warum. "Das ist Alltag in der Türkei", sagt er.
Brisante Worte, gewagte Kunst. Allzu gewagt vielleicht. Istanbuls Bürgermeister Kadir Topbas kam zwar zur Pressekonferenz, bei der Eröffnung der Ausstellung wird er aber nicht in Berlin sein, obwohl er zunächst teilnehmen wollte. Wichtige Termine in China, so heißt es jetzt.
Noch wichtiger ist aber etwas anderes: dass es gelingt, nicht nur das Kunstpublikum, sondern auch die Berliner Türken in die Ausstellung zu locken. Die Kuratoren haben schon Wetten laufen, wie viele es wohl werden. 20.000, so hofft Çetin Güzelhan. Könnte klappen.
Istanbul Next Wave ist aufgeteilt in drei Ausstellungen:
1. "Boden unter meinen Füßen, nicht den Himmel", Akademie der Künste am Pariser Platz, 12. November bis 3. Januar
2. "Istanbul Modern Berlin", Martin-Gropius-Bau, 12. November bis 17. Januar
3. "Sechs Positionen kritischer Kunst aus Istanbul", Akademie der Künste am Hanseatenweg, 12. November bis 17. Januar
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