Die Museen machen so viel falsch, findet Eliasson. Kunst wird zu oft wie ein Heiligtum zelebriert. Dabei wäre es doch besser, wenn man laut sein dürfte, diskutieren, streiten, singen, tanzen könnte. Oder sich einfach nur gemeinsam auf den Boden legen und genießen dürfte, wie beim Sonnenaufgang in London. Menschen, die sonst nie mit Kunst in Berührung kommen, lieben seine Werke, weil sie einfach sind und doch kompliziert. Sie bestehen oft nur aus Licht, Luft, Wasser und ein paar Parabolspiegeln. Aber sie sind unbeschreiblich schön. Sie verblüffen durch optische Täuschungen und machen Spaß wie die Spiegelkabinette auf dem Rummelplatz. "Kunst muss wieder etwas für alle werden", sagt Eliasson. "Sie muss mit unserem Leben zu tun haben."
Um das zu erreichen, lässt er sich auch auf Projekte ein, die vornehmere Künstler verabscheuen. Schaufensterdekorationen für Louis Vuitton etwa. Oder das BMW Art Car, eine Promotion-Aktion mit dem Münchner Autobauer. Allerdings pinselte Eliasson nicht einfach den Lack des Autos bunt, wie es seine Vorgänger Andy Warhol, Roy Lichtenstein oder A. R. Penck gemacht hatten. Er verpasste dem Versuchsfahrzeug H2R eine wundersam poetische Eiskarosserie - zu sehen ab 29. Mai in der Münchner Pinakothek der Moderne.
Beim letzten Sommerfest, das Olafur Eliasson mit Freunden, Galeristen und Sammlern feierte, konnten alle das Auto besichtigen. Es regnete, die Gartenparty musste ins Studio verlegt werden, mit Grillen war nichts, und dummerweise ging auch noch der Kühlgenerator kaputt. Und plötzlich, ganz ungeplant und überraschend, sah man die Karosserie des Eisautos H2R ohne Eis. Tausende von Metallplättchen blinkten und glitzerten: wunderschön - und perfekt auch ohne die gefrorene Hülle. Manchmal braucht es eben den Zufall, um wahre Schönheit zu entdecken.
Jetzt muss Olafur Eliasson sich auf New York konzentrieren. Vier künstliche Wasserfälle will er im Juli in den East River setzen. 15 Millionen Dollar lässt die Stadt sich das Spektakel kosten, alles von Sponsoren finanziert. Zuerst wird das Wasser auf eine Art Baugerüst gepumpt, um dann aus 40 Meter Höhe zurück in den Fluss zu stürzen. Besucher können vom Ufer oder vom Boot aus zugucken, von einigen Punkten sind sogar alle vier Wasserfälle gleichzeitig zu sehen. Eine schon jetzt umstrittene Attraktion, von der sich Bürgermeister Michael Bloomberg Einnahmen von 55 Millionen Dollar erhofft. Reines Touristenspektakel? Nein, sagt Eliasson. "Es geht um Wasser im öffentlichen Raum. Um Denkanstöße zu Politik, Umweltschutz und Stadtplanung."
Plötzlich sieht Eliasson klein und ängstlich aus. Das Studio, bis vor Kurzem noch voll mit Kunst, ist fast leer. Alles weg, auf dem Weg nach New York, zur großen Überblicksausstellung. Auch das Eisauto samt Kühl-Iglu ist abtransportiert. Nur ein paar Lavabrocken aus Island liegen herum. Und ein einsames Kugel-Kaleidoskop hängt von der Decke und sendet blaue und silberne Reflexe durch den Raum.
Bald wird auch Olafur Eliasson von hier verschwinden. Die einst trostlose Gegend hinter dem Hamburger Bahnhof wird gerade entdeckt, Graft, die Architekten des Hollywoodstars Brad Pitt, sind schon da. Galerien und schicke Büros machen sich breit. Nichts für Eliasson. Er braucht das Rohe, Raue, Ruppige. Und vor allem Platz, viel mehr Platz. Auf den Pfefferberg will er, diese seltsame Insel mitten in Berlin, umgeben von stark befahrenen Straßen und doch abseits vom Trubel. Dort entsteht gerade ein neues Atelierhaus für ihn und seine Mitarbeiter. Vielleicht bekommt er ja sogar wieder Lust auf Breakdance.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 16/2008