Im Lauf der Jahre wurden ihre Bilder immer bunter und schriller. Wenn am Anfang noch Iggy Pop oder Yves Saint Laurent seriös in weißem Hemd und mit Schlips zu sehen waren, so bauten Pierre und Gilles nach und nach immer knalligere und pompösere Szenarien mit Plastikblumen, Täubchen, Häschen, künstlichen Tränen, schmachtenden Blicken, Glitter und Glimmer. Alles im Studio in Szene gesetzt, damit es nur ja schön künstlich aussah.
Den Porträtierten gefiel das. Catherine Deneuve ließ sich als "Weiße Königin" im Märchenkleid vor hellblauen Wölkchenhimmel fotografieren. Modemacher Gaultier strahlt im Ringelpulli, umgeben von einem Kranz aus Margeriten, Boy George als indische Göttin Shiva. Und Nina Hagen ließ sich ganz in Lackleder dekorativ an einen Stuhl fesseln. Plötzlich wollten alle von Pierre und Gilles fotografiert werden, weil man da so hübsch, so makellos und schön aussah, irgendwie märchenhaft und nicht von dieser Welt. Also machten Piere und Gilles Porträts von Madonna und Mireille Mathieu, Paloma Picasso und July Delphy, Serge Gainsbourg, Marc Almond und vielen anderen. Sogar Michael Jackson rief an und fragte, ob sie ihn fotografieren könnten. Jetzt. Sofort. 70 Bilder. Leider hatten sie grade einen anderen Auftrag, und so kam es nie zum Treffen. "Sehr schade", finden sie heute. "Er war toll. Weder Mann noch Frau, weder Kind noch Erwachsener, weder schwarz noch weiß. Und: Er hatte eine magische Stimme, es war schön, mit ihm zu telefonieren", sagt Gilles. In ihrem Wohnzimmer liegen seitdem Kissen mit seinem aufgedruckten Foto.
Überhaupt: ihre Wohnung! Eine Orgie aus Kitsch und Pomp. Plastikblumen und Lichterketten, Gartenzwergen und Plüschtieren, Buddhastatuen und Weihnachtskugeln. Das Klischee vom schwulen Wohnen.
Auch den französischen Pornostar Fred Faurtin haben sie fotografiert. Nein, diesmal nicht nackt, auch kein bisschen. Der knackig-muskulöse Typ, der in Filmen wie "Kolbenfresser" oder "Fuck Fiction" auftritt, steht ganz züchtig in Soldatenuniform rum. Erschöpft, aber natürlich trotzdem noch gut aussehend, lehnt er vor einer künstlichen Kriegskulisse aus Maschinengewehren und Mündungsfeuer. "Boum" heißt das Bild von 2008, und eigentlich ist es unanständiger, als wenn er nackt wäre. Überhaupt scheinen Pierre und Gilles so langsam wegzukommen vom Tuntigen. Stattdessen gibt es immer mehr Kämpfer, Krieger, Rambos mit schwellenden Muskelpaketen, einsame Abenteurer in apokalyptischen Stadtlandschaften.
In ihrer ziemlich unsäglichen Serie "Wonderful Town" von 2008 zeigt ein Riesentyp seine aufgeblasenen Muskeln vor Bohrtürmen. Wenn es nicht so banal wäre, dann wär's zum Lachen. Schwule Männerphantasien, billig und armselig. Ein bildhübscher Kerl liegt tot im Müllhaufen, aber selbst der Abfall ist hyperästhetisch und pittoresk. An die große New Yorker Fotokünstlerin Cindy Sherman und ihre Müllbilder soll das erinnern, erklärt ein Text an der Wand. Die Arme! Dann schon lieber völlig Bizarres wie "Schwanengesang": Da sitzt ein netter Junge in einer Art Vogelnest, bekleidet nur mit weißen Socken und einem weißen Slip in Schwanenform - mit seeeehr langem Hals. Pierre und Gilles in Berlin - es ist eine seltsame Ausstellung geworden. Lieber hätte man mehr Bonbonbuntes und schwülstig Schwules gesehen. Gern auch die Selbstporträts, die leider fehlen: als Hochzeitspaar in weißem Brautkleid (Gilles) und Anzug (Pierre). Oder als Heiliger Pierre, über Kopf am Kreuz hängend wie Petrus, Heiliger Gilles in Mönchskutte mit Reh im Arm. Auf die misslungene Apokalypse hätte man gern verzichtet. Dabei ist doch grade die so "passend für Berlin", glaubt Gilles. Dazu zählt er wohl auch den KZ-Häftling. Ein ganz großes Missverständnis. Pierre et Gilles. Retrospektive. C/O Berlin, Postfuhramt, bis 4. Oktober www.co-berlin.com