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24. Juli 2009, 21:00 Uhr

Täubchen und Rambos

Im Lauf der Jahre wurden ihre Bilder immer bunter und schriller. Wenn am Anfang noch Iggy Pop oder Yves Saint Laurent seriös in weißem Hemd und mit Schlips zu sehen waren, so bauten Pierre und Gilles nach und nach immer knalligere und pompösere Szenarien mit Plastikblumen, Täubchen, Häschen, künstlichen Tränen, schmachtenden Blicken, Glitter und Glimmer. Alles im Studio in Szene gesetzt, damit es nur ja schön künstlich aussah.

Irgendwie nicht von dieser Welt

Den Porträtierten gefiel das. Catherine Deneuve ließ sich als "Weiße Königin" im Märchenkleid vor hellblauen Wölkchenhimmel fotografieren. Modemacher Gaultier strahlt im Ringelpulli, umgeben von einem Kranz aus Margeriten, Boy George als indische Göttin Shiva. Und Nina Hagen ließ sich ganz in Lackleder dekorativ an einen Stuhl fesseln. Plötzlich wollten alle von Pierre und Gilles fotografiert werden, weil man da so hübsch, so makellos und schön aussah, irgendwie märchenhaft und nicht von dieser Welt. Also machten Piere und Gilles Porträts von Madonna und Mireille Mathieu, Paloma Picasso und July Delphy, Serge Gainsbourg, Marc Almond und vielen anderen. Sogar Michael Jackson rief an und fragte, ob sie ihn fotografieren könnten. Jetzt. Sofort. 70 Bilder. Leider hatten sie grade einen anderen Auftrag, und so kam es nie zum Treffen. "Sehr schade", finden sie heute. "Er war toll. Weder Mann noch Frau, weder Kind noch Erwachsener, weder schwarz noch weiß. Und: Er hatte eine magische Stimme, es war schön, mit ihm zu telefonieren", sagt Gilles. In ihrem Wohnzimmer liegen seitdem Kissen mit seinem aufgedruckten Foto.

Eine Orgie aus Kitsch und Pomp

Überhaupt: ihre Wohnung! Eine Orgie aus Kitsch und Pomp. Plastikblumen und Lichterketten, Gartenzwergen und Plüschtieren, Buddhastatuen und Weihnachtskugeln. Das Klischee vom schwulen Wohnen.

Auch den französischen Pornostar Fred Faurtin haben sie fotografiert. Nein, diesmal nicht nackt, auch kein bisschen. Der knackig-muskulöse Typ, der in Filmen wie "Kolbenfresser" oder "Fuck Fiction" auftritt, steht ganz züchtig in Soldatenuniform rum. Erschöpft, aber natürlich trotzdem noch gut aussehend, lehnt er vor einer künstlichen Kriegskulisse aus Maschinengewehren und Mündungsfeuer. "Boum" heißt das Bild von 2008, und eigentlich ist es unanständiger, als wenn er nackt wäre. Überhaupt scheinen Pierre und Gilles so langsam wegzukommen vom Tuntigen. Stattdessen gibt es immer mehr Kämpfer, Krieger, Rambos mit schwellenden Muskelpaketen, einsame Abenteurer in apokalyptischen Stadtlandschaften.

Die Selbstporträts fehlen

In ihrer ziemlich unsäglichen Serie "Wonderful Town" von 2008 zeigt ein Riesentyp seine aufgeblasenen Muskeln vor Bohrtürmen. Wenn es nicht so banal wäre, dann wär's zum Lachen. Schwule Männerphantasien, billig und armselig. Ein bildhübscher Kerl liegt tot im Müllhaufen, aber selbst der Abfall ist hyperästhetisch und pittoresk. An die große New Yorker Fotokünstlerin Cindy Sherman und ihre Müllbilder soll das erinnern, erklärt ein Text an der Wand. Die Arme! Dann schon lieber völlig Bizarres wie "Schwanengesang": Da sitzt ein netter Junge in einer Art Vogelnest, bekleidet nur mit weißen Socken und einem weißen Slip in Schwanenform - mit seeeehr langem Hals. Pierre und Gilles in Berlin - es ist eine seltsame Ausstellung geworden. Lieber hätte man mehr Bonbonbuntes und schwülstig Schwules gesehen. Gern auch die Selbstporträts, die leider fehlen: als Hochzeitspaar in weißem Brautkleid (Gilles) und Anzug (Pierre). Oder als Heiliger Pierre, über Kopf am Kreuz hängend wie Petrus, Heiliger Gilles in Mönchskutte mit Reh im Arm. Auf die misslungene Apokalypse hätte man gern verzichtet. Dabei ist doch grade die so "passend für Berlin", glaubt Gilles. Dazu zählt er wohl auch den KZ-Häftling. Ein ganz großes Missverständnis. Pierre et Gilles. Retrospektive. C/O Berlin, Postfuhramt, bis 4. Oktober www.co-berlin.com

Von Anja Lösel
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KOMMENTARE (4 von 4)
 
Vritra (27.07.2009, 18:15 Uhr)
Oberflächlich
Ja, das ist er, der Aufhänger des Artikels. Denn der junge Mann im KZ ist kein Sexobjekt, ich kann jedenfalls keines sehen. Schön ist er und ausgemergelt. Der Blick misstrauisch aber selbstbewusst, keinesfalls "schmachtend". Für mich eine wirklich gute Auseinandersetzung mit dem Thema und ein Werk, das sich von anderen Arbeiten über dieses Thema durch seine Buntheit unterscheidet!
Welche Rolle spielt es außerdem, dass die Ausstellung neben einer Synagoge stattfindet? Ich will nicht zwischen dem Leid des Holocaust und der ebenso grausamen Verfolgung Schwuler differenzieren müssen, trotzdem möchte ich darauf hinweisen, dass in der Gegenwart jüdische, wie christliche oder muslimische Betonköpfe nichts dazu gelernt haben. Sie diskriminieren noch heute schwules Leben also darf man so eine Ausstellung ruhig neben einer Synagoge platzieren. Ich erkenne daran wirklich nichts Anstößiges.
Möglicherweise hat sich Frau Lösel von der angeblichen Naivität der beiden Künstler anstecken lassen, denn anders kann ich mir ihre Sichtweise auf die Kunst von Pierre und Gilles nicht erklären. Jedenfalls nicht, wenn ich davon ausgehe, dass Frau Lösels Denkweise nicht schwulenfeindlich und faschistoid ist, denn leider nichts anderes drückt der ganze Artikel aus. Das ist anstößig!
enligne (27.07.2009, 17:15 Uhr)
Wie armselig ist das denn!
Frau Pösel klärt auf. Das hat der Welt noch gefehlt, dass nach der Wirtschafts-, nun auch die intellektuelle Krise ausbricht. Senken wir Erwartung und Niveau eines Stern-Artikels gen Null, dann können wir immer noch hoch erhobenen Hauptes unter Frau Pösels Betrachtungen hindurch gehen. Wie gesagt, wir erfahren gar Wichtiges: Ein KZ-Häftling muss hässlich sein, denn ist er nicht, gilt er ja sofort als Sexobjekt und wird damit zu etwas Unzumutbaren. Dass sich schwule Künstler der Vernichtung von Homosexuellen in den Konzentrationslagern des Dritten Reiches annehmen, kann ja gar nicht sein. Nein, es muss sich ja um schwülstig-schwule Sexphantasien handeln, etwas anderes kommt Frau Pösel nicht in den Sinn. Ein schwuler KZ-Häftling in der Nähe einer Synagoge plakatiert? Nein, das darf nicht sein. Das findet Frau Pösel geschmacklos. Als ob die vielen getöteten Schwulen keine Wertigkeit hätten!
Es sind Ihre Argumente, Frau Pösel, die beschämend sind. Es ist Ihr schwulenfeindlicher Tenor des Artikels, der bestürzt. Es ist ein Sichtbarwerden, wie wenig gleich doch die Menschen sind. Zumindest in den Augen der Frau Pösels dieser Welt.
Juris1 (25.07.2009, 09:39 Uhr)
Das Auge sieht; der Geist versteht.
Das Auge sieht; der Geist versteht.
Henning100 (25.07.2009, 08:59 Uhr)
Suesse Naivlinge ??
Also, wenn ich mir das Titel-Photo von den Beiden genauestens anschaue, dann kommen die mir ganz und garnicht wie 2 NAIVE vor. Sie erwecken eher den Eindruck von 2 hartgesottenen HARDCORE - Typen !!!
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