. .
Kunst-News
Schlagzeilen Themen Mobil iPad Blogs Investigativ Hefte
 
Fotocommunity
Fotocommunity

Treffpunkt für ambitionierte Amateurfotografie. Bilder hochladen und bewerten, sich mit anderen Austauschen. mehr...

Weblogs bei stern.de
Weblogs bei stern.de

Die Online-Tagebücher bei stern.de: Freie Autoren schreiben hier persönlich, direkt und eigenständig. mehr...

Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka
sternTV - Information und Unterhaltung mit Steffen Hallaschka

Vertiefende Informationen zu der aktuellen und den vergangenen Sendungen von sternTV. mehr...

stern Investigativ
stern Investigativ

Das Recherche-Team des stern. Erfahren Sie mehr über die Recherchespezialisten und ihre Enthüllungen von Terrorismus bis Wettmanipulation. mehr...

 
22. August 2010, 08:22 Uhr

Die geniale Nervensäge

Die Spießigkeit des Bösen

Er veranstaltete Pfahl-Wettsitzen, ließ sein Publikum die geografische Lage von KZs raten, packte Asylbewerber in einen Container und ließ sie in "Big Brother"-Manier vom Publikum rauswählen. Wer als letzter blieb, sollte Asyl in Österreich bekommen. Geschmacklos und scheußlich, billig und ekelhaft fanden das viele. Und sahen nicht, wie intelligent er die Politik vorführte und die Spießigkeit des Bösen zeigte.

Viele glaubten, er provoziere um des Provozierens willen. In Wirklichkeit war er ein großer Moralist. Ein grundehrlicher Mensch, "trotzig wie ein Kind und starrsinnig wie ein Weiser", so ein Kritiker. Ja, es war oft nervig, seine überlangen Theaterstücke anzugucken, dieses Gebrülle und Gerenne. Und doch war da immer etwas, was einen packte und mitriss und noch Tage später grübeln ließ.

Christoph Schlingensief, Nachruf, Krebs, Kirche der Angst, tot, gestorben, Tod

Christoph Schlingensief 2009 in Bremen© Ingo Wagner/DPA

Am "Parsifal" in Bayreuth wäre Schlingensief beinahe verzweifelt. Er hatte, wie immer, vor sich hin experimentiert und improvisiert. "Alles live und spontan", so hatte er es am liebsten. Und immer in Hochgeschwindigkeit. Das kam nicht gut an auf dem Grünen Hügel. Es gab Streit, man bremste ihn aus, und am Ende kam nicht viel mehr heraus als Langeweile.

Manchmal hatte man das Gefühl, dass er vor sich selbst davonrannte. Immerzu war er in Bewegung, plante, reiste, schrieb. Und redete, redete, redete. Mit jedem, über alles, am liebsten über sich selbst und seine Aktionen. Charmant, liebenswert, ganz und gar nicht der Rabauke, der er aus der Ferne betrachtet zu sein schien. Selbst im Krankenbett war noch das Aufnahmegerät dabei. Reden musste sein, es war eine Art Therapie für ihn. Wenn man ihm den Mund verboten hätte, wäre er auf der Stelle gestorben.

Eigene Totenfeier inszeniert

Immer persönlicher wurde seine Arbeit, bis er bei seinem letzten großen Thema angelangt war, der "Kirche der Angst", die er in Venedig zeigte und später in Dortmund. Dass er krank werden würde, wusste er da noch gar nicht. Im Nachhinein sagte er: "Die Bilder haben das Erlebte vorweggenommen."

Natürlich machte er auch den Krebs und sein Leiden öffentlich. Er konnte gar nicht anders. Das ging sogar so weit, dass er seine eigene Totenfeier inszenierte. Ständig grübelte er: Warum gerade ich? Und kam zu dem Schluss: "Der Krebs ist für mich nicht nur ein chemischer Unglücksfall, sondern auch ein spirituelles Ding. Das hat ein Gesicht. Der Krebs ist in der Zeit entstanden, als ich mich um das Weltabschiedswerk von Herrn Wagner gekümmert hab und um Erlösung."

Nein, er wollte nicht sterben. "So schön wie hier kann's im Himmel gar nicht sein" nannte er sein Tagebuch der Krebserkrankung, das im April 2009 herauskam. Versteckt hat er sich bis zum Schluss nicht, obwohl er bleich und hohläugig aussah, von Chemotherapien gezeichnet. Unbedingt wollte er ein Opernhaus in Afrika bauen, dafür nahm er schwer krank die anstrengende Reise nach Mosambik auf sich. Seine große Liebe Aino, eine Kostümbildnerin, hatte er noch im Sommer 2009 geheiratet. Der Arzt sagte: "Die Krankheit hat ihr Haupt erhoben. Genießt alles!!!" Am 21. August 2010, kurz vor seinem 50. Geburtstag, ist Christoph Schlingensief gestorben.

Von Anja Lösel
Seite 1: Die geniale Nervensäge
Seite 2: Die Spießigkeit des Bösen
 
 
MEHR ZUM ARTIKEL
Christoph Schlingensiefs "Krebstagebuch" Rausschreien statt Reinfressen

Provokation und Grenzüberschreitung - dafür ist Regisseur Christoph Schlingensief bekannt. In einem bewegenden Buch schildert er nun das Leben mit seiner Krebserkrankung. Ein Auf und Ab zwischen tiefer Verzweiflung und unbändigem Lebenswillen. mehr...

Christoph Schlingensief "Ich habe weniger Angst vor dem Sterben"

Er hat sich vom Underground-Berserker zu einem der geachtetsten Regisseure des Landes entwickelt. Dann traf ihn die Diagnose Krebs. Christoph Schlingensief sprach mit dem stern über den Kampf gegen die Krankheit und über die Kraft, die ihm die Kunst gibt. mehr...

Christoph Schlingensief "Jede Woche gibt es einen Zusammenbruch"

Nach seiner Chemotherapie hat sich Christoph Schlingensief wieder in die Arbeit gestürzt. Sein aktuelles Stück feierte gerade am Wiener Burgtheater Premiere und wurde von den Kritikern bejubelt. Im Interview mit dem stern sagt Schlingensief, woher er seine Kraft bezieht. mehr...

MEHR ZUM THEMA
powered by wefind WeFind
 
Leser werben Leser

Jetzt den stern empfehlen und attraktive Prämie sichern!

 
 
 
 
 
stern - jetzt im Handel
stern (22/2012)
Dick im Geschäft