Er veranstaltete Pfahl-Wettsitzen, ließ sein Publikum die geografische Lage von KZs raten, packte Asylbewerber in einen Container und ließ sie in "Big Brother"-Manier vom Publikum rauswählen. Wer als letzter blieb, sollte Asyl in Österreich bekommen. Geschmacklos und scheußlich, billig und ekelhaft fanden das viele. Und sahen nicht, wie intelligent er die Politik vorführte und die Spießigkeit des Bösen zeigte.
Viele glaubten, er provoziere um des Provozierens willen. In Wirklichkeit war er ein großer Moralist. Ein grundehrlicher Mensch, "trotzig wie ein Kind und starrsinnig wie ein Weiser", so ein Kritiker. Ja, es war oft nervig, seine überlangen Theaterstücke anzugucken, dieses Gebrülle und Gerenne. Und doch war da immer etwas, was einen packte und mitriss und noch Tage später grübeln ließ.

Christoph Schlingensief 2009 in Bremen© Ingo Wagner/DPA
Am "Parsifal" in Bayreuth wäre Schlingensief beinahe verzweifelt. Er hatte, wie immer, vor sich hin experimentiert und improvisiert. "Alles live und spontan", so hatte er es am liebsten. Und immer in Hochgeschwindigkeit. Das kam nicht gut an auf dem Grünen Hügel. Es gab Streit, man bremste ihn aus, und am Ende kam nicht viel mehr heraus als Langeweile.
Manchmal hatte man das Gefühl, dass er vor sich selbst davonrannte. Immerzu war er in Bewegung, plante, reiste, schrieb. Und redete, redete, redete. Mit jedem, über alles, am liebsten über sich selbst und seine Aktionen. Charmant, liebenswert, ganz und gar nicht der Rabauke, der er aus der Ferne betrachtet zu sein schien. Selbst im Krankenbett war noch das Aufnahmegerät dabei. Reden musste sein, es war eine Art Therapie für ihn. Wenn man ihm den Mund verboten hätte, wäre er auf der Stelle gestorben.
Immer persönlicher wurde seine Arbeit, bis er bei seinem letzten großen Thema angelangt war, der "Kirche der Angst", die er in Venedig zeigte und später in Dortmund. Dass er krank werden würde, wusste er da noch gar nicht. Im Nachhinein sagte er: "Die Bilder haben das Erlebte vorweggenommen."
Natürlich machte er auch den Krebs und sein Leiden öffentlich. Er konnte gar nicht anders. Das ging sogar so weit, dass er seine eigene Totenfeier inszenierte. Ständig grübelte er: Warum gerade ich? Und kam zu dem Schluss: "Der Krebs ist für mich nicht nur ein chemischer Unglücksfall, sondern auch ein spirituelles Ding. Das hat ein Gesicht. Der Krebs ist in der Zeit entstanden, als ich mich um das Weltabschiedswerk von Herrn Wagner gekümmert hab und um Erlösung."
Nein, er wollte nicht sterben. "So schön wie hier kann's im Himmel gar nicht sein" nannte er sein Tagebuch der Krebserkrankung, das im April 2009 herauskam. Versteckt hat er sich bis zum Schluss nicht, obwohl er bleich und hohläugig aussah, von Chemotherapien gezeichnet. Unbedingt wollte er ein Opernhaus in Afrika bauen, dafür nahm er schwer krank die anstrengende Reise nach Mosambik auf sich. Seine große Liebe Aino, eine Kostümbildnerin, hatte er noch im Sommer 2009 geheiratet. Der Arzt sagte: "Die Krankheit hat ihr Haupt erhoben. Genießt alles!!!" Am 21. August 2010, kurz vor seinem 50. Geburtstag, ist Christoph Schlingensief gestorben.