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Selbstmord in Venedig

Ein Erlebnis, das nur live zu haben ist: Die 53. Biennale für zeitgenössische Kunst verwandelt die Stadt in einen Parcours für Schaulustige - Schocks inklusive.

Von Silke Müller

Fluchtartig hat die Familie ihren exzentrisch eingerichteten Bungalow verlassen. Nun führen zwei Immobilienmakler Heerscharen neugieriger Menschen durch das unheimliche Heim. "For Sale" steht am Eingang des verrammelten dänischen Pavillons im Garten der Biennale von Venedig. Auch nebenan, im Haus der nordischen Länder, hat sich ein Drama abgespielt. Der schwule Sammler treibt tot in seinem Pool. Im Designerloft des Dandys - wie das dänische Haus eine komplette Inszenierung des Künstlerduos Elmgreen und Dragset - lümmeln junge Männer, Kunstgroupies in der Warteschleife. Ende der Party?

Wohl nicht ganz. Einer lässt es am Canal Grande noch mal so richtig krachen: Der französische Luxusgüter-Tycoon François Pinault hat sich für rund 20 Millionen Euro ein neues, sein zweites Privatmuseum für zeitgenössische Kunst herrichten lassen. Und zeigt nun in den über 300 Jahre alten Mauern des ehemaligen Zoll-Lagers Punta della Dogana die Trophäen seiner jüngsten Beutezüge über den Kunstmarkt: ganze Säle voller Arbeiten sogenannter Blue-Chip- Künstler - unter ihnen Mike Kelley, Marlene Dumas, Rachel Whiteread, Fischli & Weiss, Maurizio Cattelan und natürlich Takashi Murakami. Aber der Kunstboom ist Geschichte - und vieles, was vor der Pleite von Lehman Brothers noch so grenzenlos hip war, erscheint jetzt überdimensioniert, zu glatt und zu schnell produziert. Und bei allem Lob über die aufwendige Rekonstruktion des Gebäudes durch den japanischen Stararchitekten Tadao Ando: Kunst und Haus kämpfen mächtig gegeneinander an.

Was trifft die Situation der Stunde wohl besser, Pinaults Palazzo Prozzo oder Elmgreens und Dragsets Tod in Venedig? Die Länderpavillons in den Giardini zelebrieren die Apokalypse: Im Haus der Tschechen und Slowaken wuchert Gestrüpp, der japanische Kubus ist von schwarzen Tarnnetzen überzogen und scheint in die Gewalt anarchischer Rebellen geraten zu sein. Im französischen Palais wehen schwarze Fahnen im künstlichen Wind, alles ist vergittert, adieu, ihr schönen Künste.

Im deutschen Pavillon, es ist zum Verzweifeln, wird wieder einmal das Unwohlsein mit sich selbst und der Nazi-Geschichte des Gebäudes zum Thema hochgequält. Erst lädt Kurator Nicolaus Schafhausen den Engländer Liam Gillick ein, um - oh, là, là! - das System der nationalen Repräsentation der Biennale zu durchbrechen, dann verhebt sich Gillick am deutschen Wesen und lässt eine endlose Schrankwand aufbauen. Scheitern mit Ankündigung, ganz deutsch, auf Sozialwohnungsniveau.

Auffällig bilderlos ist diese Biennale, auch in der zentralen Ausstellung "Making Worlds" - "Welten machen" des künstlerischen Leiters Daniel Birnbaum überwiegen gebaute oder umbaute Räume, Installationen aus vorgefundenen Materialien und mehr oder weniger sinnig arrangierte Objekte. Vorwiegend heiter, aber beziehungs- und folgenlos - im krassen Gegensatz etwa zu den Arbeiten der Künstlerinnen Teresa Margolles (Mexiko) und Mona Hatoum (Libanon), die jeweils einen Palazzo im Viertel Castello mit ihren Eingriffen besetzen.

Margolles etwa lässt die Terazzoböden des Gebäudes mit blutgetränktem Wischwasser feudeln - das Blut stammt von mexikanischen Ermordeten. Der süßliche Dunst liegt schwer im Raum, und man meint ihn noch Stunden später auf der Zunge und in der Nase zu spüren. Mit ihrem aggressiven Minimalismus kämpft sie um Aufmerksamkeit für die Opfer staatlicher und krimineller Gewalt. Mona Hatoum, kaum weniger zynisch und entschlossen, lenkt mit ihren zum Teil unter Strom stehenden, glühenden oder mit Stacheldraht versehenen Skulpturen den Blick auf den Nahostkonflikt.

Solch kämpferische Positionen sind rar im aktuellen Biennale- Geschehen. Auch die Jury ging auf Nummer sicher und zeichnete Altmeister Bruce Nauman (USA) und seine museale Präsentation mit dem Goldenen Löwen für den besten Pavillon aus. Die Krise am Markt zwingt zur Neuorientierung - bislang ohne klar erkennbare Tendenz. Die noch bis 2008 so hoch gehandelte Malerei und Fotografie sind kaum vertreten. Und manches wirkt müde, gar bemüht, angesichts der spielerischen Leichtigkeit und eiskalten Präzision, mit der Elmgreen und Dragset das ganze System aus Biennale, Pavillons, Sponsoren, Kuratoren, Markt und Mythos benutzen, um es maliziös abzumurksen.

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