Maler stellt die Kunst auf den Kopf

23. Januar 2013, 08:38 Uhr

Georg Baselitz ist einer der erfolgreichsten Künstler weltweit. Berühmt machten ihn seine umgedrehten Gemälde. Jetzt wird der kantige Star 75 Jahre alt - und sieht schwarz.

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Seine besondere Art des Malens beschert Künstler Georg Baselitz seit 75 Jahren seinen guten Ruf©

Seine Bilder stehen Kopf. Die mit grobem Pinselstrich hingeworfenen Figuren scheinen an den Füßen aufgehängt, die Landschaften aus der Schwerkraft entlassen. Mit seinen um 180 Grad gedrehten Motiven ist Georg Baselitz weltberühmt geworden. Er gilt als der wohl wichtigste deutsche Nachkriegskünstler. Sammler zahlen Millionenbeträge für seine Werke. Dennoch ist er seinem Ruf als rauhbeiniger Provokateur der Kunstszene immer treu geblieben. Am Mittwoch (23. Januar) wird der in der DDR geborene und heute am Ammersee lebende Maler 75 Jahre alt.

Schon mit seiner ersten Ausstellung 1963 in der Berliner Galerie Werner & Katz sorgte Baselitz für einen handfesten Eklat: Die Ölbilder "Nackter Mann" (mit einem überdimensionalen Penis) und "Die große Nacht im Eimer" (mit einem onanierenden Jungen) riefen im prüden Westberlin die Sittenwächter auf den Plan. Die Gemälde wurden beschlagnahmt, ein Gerichtsverfahren erst Monate später eingestellt.

Unter dem programmatischen Titel "Der Wald auf dem Kopf" entstand 1969 das erste "Umkehrbild". "Ich wollte das Bild aus der fatalen Abhängigkeit zur Wirklichkeit wegbringen", erklärte Baselitz. Die Malerei an sich sollte in den Blickpunkt rücken, unabhängig vom Motiv. Auch wenn Kritiker gelegentlich von einer Masche sprachen und inzwischen viele Bilder wieder Boden unter den Füßen haben - der Kopfstand ist bis heute Baselitz' Markenzeichen.

Staatskünstler der DDR waren "Arschlöcher"

Entschieden suchte er dabei einen eigenen Weg zwischen dem Realismus der DDR-Maler und dem abstrakten Expressionismus, der unter amerikanischem Einfluss die Kunst im Westen bestimmte. Seine erklärten Vorbilder waren die expressionistischen Brücke-Maler und der stärker zum Impressionismus gerechnete Maler Lovis Corinth. Sein Bild "Nachtessen in Dresden" (1983) ist eine ausdrückliche Hommage an die geistigen Väter.

Die Staatskünstler in seiner einstigen Heimat DDR bezeichnete Baselitz gern mal als "Arschlöcher" - so, wie er auch sonst kaum ein Blatt vor den Mund nimmt. 1938 als Hans-Georg Kern im sächsischen Deutschbaselitz geboren (was ihn später zu seinem Künstlernamen inspirierte), war der Lehrersohn bald mit dem sozialistischen Obrigkeitsstaat aneinandergeraten.

Nach zwei Semestern musste er das Kunststudium in Ost-Berlin wegen "gesellschaftlicher Unreife" aufgeben. 1958 verließ er die DDR und übersiedelte in den Westteil der Stadt. Sein späterer Zyklus "Russenbilder" (1998-2005) mit verfremdeten DDR-Propagandabildern ist eine Auseinandersetzung mit dieser Entscheidung.

Zu Hause in Inning am Ammersee

Von Anfang an widmete sich der Künstler neben der Malerei auch der grafischen und zeichnerischen Arbeit. Ende der 70er Jahre begann er mit kantig gesägten Holzskulpturen, die in ihrer archaischen Form gelegentlich an afrikanische Kunst erinnern. Seit einigen Jahren setzt er sich auch mit dem eigenen Werk nochmals auseinander: Unter dem Titel "Remix" interpretiert er - oft in überraschend hellen, aquarellartigen Tönen - frühere Bilder neu.

Heute lebt Baselitz in einem von den Schweizer Stararchitekten Herzog & de Meuron geschaffenen Anwesen in Inning am Ammersee, einige Monate im Jahr arbeitet er in seinem Atelier an der italienischen Riviera. Seit über 50 Jahren ist er mit seiner Frau Elke verheiratet, die beiden Söhne Daniel Blau und Anton Kern sind erfolgreiche Galeristen in München und New York.

Anlässlich seines 75. Geburtstages hat Baselitz exklusiv für das Kunstmagazin "art" eine Auswahl von 20 wegmarkierenden Bildern zusammengestellt. Dabei sind berühmte Meilensteine aber auch scheinbare Nebenwerke - gespickt mit packenden und witzigen Anekdoten. Der Künstler schildert, wie sein Werk entstand, Bild für Bild. Er erzählt dabei ein Leben in Deutschland - und lüftet Geheimnisse, an denen sich Fremddeuter bislang die Gehirne zermartert haben.

"Art"-Leser haben derzeit die Chance auf ihr ganz persönliches Sammlerstück. Baselitz übernahm die Titelgestaltung der Februar-Ausgabe. Das Bild zeigt Baselitz im Wandel der Zeit: Als Bildgrund dient eine Fotografie des Malers als junger Mann, aufgenommen von Ehefrau Elke Baselitz im Jahre 1962 in seinem Westberliner Atelier. Darüber schiebt sich kopfüber ein aktuelles, exklusiv für "art" gefertigtes Selbstporträt in Federzeichnung. Zusätzlich hat Georg Baselitz die Titel von 75 "art"-Heften persönlich signiert. Die Magazine mit Signatur sind völlig zufällig über die Gesamtauflage verteilt.

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