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Reis mit Hühnchen im vertikalen Slum

Größer, höher, teuerer: Architektur scheint zum Protz-Instrument verkommen zu sein. Die Biennale in Venedig will damit Schluss machen und stellt die Frage: Welche Bauwerke brauchen wir wirklich?

Von Anja Lösel

  Südamerika in Venedig: das Torre-de-David-Restaurant

Südamerika in Venedig: das Torre-de-David-Restaurant

Der höchste Turm der Welt, das prächtigste Hotel, das teuerste Apartment. Architektur ist offenbar nur noch erwähnenswert, wenn sie einen Rekord zu bieten hat. Klar, dass es nicht ewig so weitergehen konnte. Verkommen zum Angeber-Instrument für Milliardäre ist der Investoren-Wahnsinn längst an seine Grenzen gestoßen.

Damit soll nun Schluss sein. David Chipperfield, Londoner Star-Architekt mit Büro in Berlin, mahnt auf der Architektur-Biennale in Venedig seine Kollegen zur Vernunft. "Common Ground" heißt seine große Ausstellung. 119 Architekten und Künstler hat er eingeladen, sich auf 10.000 Quadratmetern damit zu beschäftigen, was Architektur überhaupt sein will in Zeiten von Finanzkrise und schwindender Ressourcen. "Common Ground" - das bedeutet nicht nur, öffentlichen Raum zu definieren, sondern auch zu einer Übereinkunft zu kommen: Wie kann Architektur uns dienen, helfen, bereichern? Und welche Lebensformen sind die Zukunft?

Blumenkübel und Papierkörbe

Was etwa soll werden aus den riesigen Freiflächen des ehemaligen Flughafens von Berlin-Tempelhof? Was können wir von einem schlicht-schönen Ziegel-Bau aus Indien lernen? Und was vom anonymem Alltagsdesign der Blumenkübel und Papierkörbe in unseren Straßen?

Das Zürcher Case Studio Vogt untersucht die Touristenströme von Venedig und erinnert an die Qualität der kleinen Zeitungskioske, die langsam verdrängt werden zugunsten fieser Souvenirshops. Der Londoner Norman Foster beeindruckt mit einer raumgreifenden Projektion, die in schnellem Wechsel Menschen an öffentlichen Orten zeigt - im Fußballstadion, in Einkaufszentren, im Park oder in der Bibliothek. Und Kühn Malvezzi aus Berlin bauen eine große Plattform vor das Ausstellungsgebäude in den Giardini - sofort von allen genutzt als Ort zum Ausruhen, Rumfläzen, Reden und sich Verabreden. Öffentlicher Raum im besten Sinne.

Schade, dass nicht alle sich an David Chipperfields Vorgaben gehalten haben. Eitle Selbstdarstellungen wie die von Zaha Hadid, Peter Zumthor oder Hans Kollhoff verärgern und sind eine vertane Chance. Aber egal, es gibt dennoch genug Aufregendes.

Chaotisch, lebendig, verwirrend

Die tollste Geschichte ist die des "Torre de David" in Caracas. Das 45 Stockwerke hohe Bürogebäude wurde nie vollendet. Seit Anfang der Neunziger Jahre steht es leer, nachdem der Investor gestorben ist. Nach und nach eroberten die Ärmsten der Armen den Rohbau. Sie richteten sich zuerst einzelne Zimmer, dann ganze Wohnungen ein, legten Fußböden auf den rohen Beton, tapezierten die Wände, jeder wie es ihm gefiel. In atemberaubender Höhe balancieren sie nun täglich über ungesicherte Betonstege, legen abenteuerliche Stromleitungen, schleppen Wasser irgendwoher. Ein Kaufladen, ein Friseur, eine Café haben sich eingerichtet. Der "Torre de David" ist eine ganze Stadt in der Stadt: chaotisch und planlos, höchst lebendig und sehr verwirrend.

Womöglich liegt die Zukunft in dieser Art des Wohnens, glaubt die Gruppe "Urban Think Tank", die die Bauruine ein Jahr lang erforschte und fotografierte. Nach Venedig haben die Macher nicht nur Fotos und Filme der Bewohner mitgebracht, sondern auch ein echtes venezolanisches Restaurant: das "Gran Horizonte". Dort kann jeder beim Klang südamerikanischer Musik Reis mit Hühnchen essen, Bier trinken, reden und debattieren über das Wohnen im "vertikalen Slum". Natürlich wurde dort am Mittwoch auch heftig gefeiert. Denn "UrbanThink Tank" wurde mit dem Goldenen Löwen für den besten Beitrag belohnt.

Was brauchen die Menschen?

Ebenfalls prämiert: der Länderpavillon Japans in den Giardini. Viel stiller, viel zurückhaltender, und doch ähnlich aufwühlend wie der "Torre de David". Wer den japanischen Pavillon betritt, wähnt sich in einem einsturzgefährdeten Haus. Die Decke ist abgestützt mit rohen Holzstämmen, rundum an der Wand Fotos einer grausamen Zerstörung. Rikuzentakata ist da zu sehen. Oder besser das, was von der Hafenstadt nach dem schrecklichen Tsunami 2011 übrig blieb: so gut wie nichts.

"Ist Architektur hier überhaupt möglich", fragte sich der Baumeister Toyo Ito angesichts der entsetzlichen Leere. "Oder brauchen die Menschen hier ganz andere Dinge?" Mit einigen Kollegen und Studenten arbeitet er nun am Wiederaufbau, präsentiert Modelle möglicher Häuser, die günstig gebaut werden können, lässt ehemalige Bewohner im Video zu Wort kommen. Das geht ans Herz, reißt jeden mit, der den Pavillon betritt. Auch dafür ein Goldener Löwe.

Die Deutschen und ihre Kuratoren Muck Petzet und Konstantin Grcic gingen leer aus. Dennoch ist ihr Beitrag sehenswert. "Reduce, Reuce, Recycle" lautet ihr Motto. Elf Architekten, darunter Arno Brandhuber, Diener & Diener und Robertneun, zeigen, dass man Altes, scheinbar Vergammeltes oder Unzeitgemäßes, nicht gleich abreißen muss. Warum nicht Teile davon weiter nutzen, wenn doch der Abriss fast so viel Energie verschlingt wie ein Neubau? Das Neue, das aus dem Alten entsteht, ist oft aufregender - und in Zeiten schrumpfender Städte die Zukunft.

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