Er hat Angela Merkel und Frank-Walter Steinmeier bei Ebay versteigert und damit für viel Wirbel gesorgt. Ein Gespräch mit Philipp Ruch vom "Zentrum für politische Schönheit".
Mit diesen Kandidaten ist kein Wahlkampf zu machen. Vor allem junge Wähler lockt man damit nicht hinterm Ofen hervor. Wir wollen Politiker, die mit ihren Visionen inspirieren und die Leute überzeugen. Wir glauben, dass Bürger immer politisch sind, wenn es den Politikern gelingt, etwas in ihnen zu wecken.
Wir haben nur außenpolitische Themen. Unser Seerosen-Projekt zum Beispiel: Wir wollen 1000 schwimmende, fest verankerte Inseln auf dem Mittelmeer installieren, um die Flüchtlinge zu retten, die zu Tausenden jedes Jahr ertrinken.
Wir wollen gar nicht regieren. Das "Zentrum für politische Schönheit" will Politik beraten. Wir glauben, dass man so ein simples Projekt wie die Seerosen-Inseln zum Wahlkampf-Thema hätte machen können. Für die Wahrung von Europas humanistischem Anspruch. Die CDU hätte sagen können: Wir wollen das realisieren. Das kostet 5,6 Millionen Euro. Peanuts.
Eine informelle Bundeskanzlerin. Rein für die Aktionskunst. Wir werden schauen, ob wir die Parteien davon überzeugen können, sie als Kandidatin zu nehmen.
Neben der Schönheit ein ganz klares intellektuelles Programm.
Beispielsweise wollen wir eine Brücke von Afrika nach Europa bauen. Wie wir inzwischen beschlossen haben, aus PET-Flaschen, die jeder Bürger sammeln könnte. Wir würden in ganz Europa aufrufen, den Zivilisationsmüll zu sammeln, um damit Menschenleben zu retten.
Nein. Das wird perspektivisch bis ins Jahr 2020 geschehen.
Wir betreiben politischen Expressionismus. Die Expressionisten mussten sich auch nicht erklären. Die Leute haben sie trotzdem verstanden. Das wollen wir in die Politik einführen. Man lebt im Jahr 2009 in Deutschland, sieht unsere Gesichter und versteht. Es soll eine Grundstimmung ausdrücken.
Nein, eher am Ende der Geschichte. Am Anfang eines neuen Jahrtausends haben die Menschen das Gefühl, die großen geschichtlichen Momente lägen hinter ihnen. Die Großtaten seien alle vorbei. Dabei geht die Geschichte ja weiter. Wir könnten so viel tun in der Welt. Gutes tun. Sehr viel bewegen. Stattdessen fühlen wir uns müde, saturiert - Sie kennen das.
Wir fänden das toll. Helden der Geschichte. Ein gutes Beispiel für politische Schönheit ist Christian Schwarz-Schilling. Sagt Ihnen der Name was?
Genau. Sein Rücktritt aus Protest gegen die desinteressierte Haltung der Bundesregierung im Bosnien-Krieg. Im Moment der Krise hält er die Bundesregierung, der er selbst angehört, nicht aus und sagt: "Ich trete zurück, weil sie untätig ist." Das halten wir für politisch unglaublich mutig und für genau die richtige Antwort. Da haben wir ihn: einen strahlenden Akt politischer Schönheit.
Wir sind eine Denkfabrik. Ein Think-Tank. Wir betreiben Politikberatung. Wir glauben, dass im Moment der höchsten Krise die Kunst bessere Antworten liefert als die Politik. Zu Realpolitik wie Rentenkasse etc. haben wir nichts zu sagen. Wir wollen Dinge, die die Leute inspirieren. In Momenten, wo wirklich etwas passiert. Einer unserer Ausgangspunkte ist die Gewissheit, dass es bis 2030 in Afrika zu einem Genozid kommt. Wie reagiert Europa darauf? Wir arbeiten auf Antworten zu. Wir suchen nach Möglichkeiten, auf Großkatastrophen angemessen zu reagieren. Wie reagiert man auf Genozid?
Ja, sagen Sie doch mal!
Ich habe im Kanzleramt angerufen und gefragt: "Ist Ihnen klar, dass wir im Anbruch des genozidalsten Jahrhunderts leben. Ein Jahrhundert mit Opferbilanzen, die jene des 20. Jahrhunderts weit übertreffen." Da hieß es nur: "Spinner!" So etwas würde nicht passieren. Ich habe gefragt: "Wo sitzen bei Ihnen im Kanzleramt die Leute, die sich darüber heute Gedanken machen?" Am Ende des Jahrhunderts werden die Menschen nur eine Frage stellen: "Was haben wir damals eigentlich getan? Was haben wir dagegen unternommen?"
Absolut.
Gar nicht. Ich finde es auch beschämend, wie viel Echo wir jetzt mit der Versteigerung gefunden haben.