Modern Art ist in den letzten 20 Jahren zu einem Statussymbol für Banker, Wirtschaftsbosse und Politiker geworden. Wie Kunst als Herrschaftsstrategie funktioniert, zeigt eine Ausstellung in Berlin. Von Anja Lösel

Verena Landau aus der Serie "Feindbild-Verleih" von 2005© VG Bild-Kunst
Wie lässt der erfolgreiche Manager sich fotografieren? Mit Deutschlandfahne? Geht nicht. Im Auto? Kommt auch nicht so gut. Vor dem Firmenlogo? Langweilig. Kunst - das ist es! Ungeheuer modern sieht es aus, wenn der Chef im schicken Anzug vor dem Andy Warhol oder dem Gerhard Richter steht. "Ich wage was, ich blicke in die Zukunft und bin auf Augenhöhe mit der Avantgarde", scheint er zu sagen.
Wie zeitgenössische Kunst in den letzten 20 Jahren zu einem Statussymbol für Banker, Wirtschaftsbosse und Politiker geworden ist, erklärt die Ausstellung "Macht zeigen. Kunst als Herrschaftsstrategie" in Berlin. Und am Anfang steht erst mal die Verwunderung: "Nur in Deutschland lassen sich Politiker vor abstrakten Quadraten fotografieren", sagt Hans Ottomeyer, Direktor des Deutschen Historischen Museums in Berlin. "Das ist ein Unikum." Offenbar hoffen die Porträtierten, dass sie Eindruck schinden und ihre Mitbürger zum Staunen bringen, bis sie in Ehrfurcht verstummen. Nicht immer allerdings klappt das.
Da sitzt Wolfgang Reitzle, Vorstandsvorsitzender der Linde AG, auf einer Art Baumstamm-Imitat vor dem Neon-Schriftzug "Don't worry". Guido Westerwelle zeigt sich mit dem Künstler Norbert Bisky und dessen Gemälden hübscher, blonder Jungs. Berlins Bürgermeister Klaus Wowereit steht mit einladend offenen Armen vor Bildern des ehemals "Jungen Wilden" Reiner Fetting. Und Roland Berger posiert selbstbewusst vor einer Zweitversion desselben Baselitz-Gemäldes mit stürzendem Adler, das Kanzler Schröder über seinem Schreibtisch hängen hatte - als sei der Unternehmensberater auch eine Art Zweitversion des Kanzlers.
Der Kunstsoziologe Wolfgang Ullrich beobachtet schon seit mehr als zehn Jahren, dass zeitgenössische Kunst unter Managern als "cooler Lifestyle" gilt und ein modernes Image transportiert. Über 1000 Fotos von Managern und Politikern vor modernen Gemälden hat er in Magazinen und Zeitungen gefunden. Die besten suchte er für die Ausstellung aus.
"Das ist ein deutsches Phänomen", sagt er. Weil nach dem Nationalsozialismus Machtsymbole wie die Fahne nicht mehr einsetzbar waren, mussten neue gefunden werden. "Kunst gilt als schwierig und anspruchsvoll. Wer Kenner ist, kann andere beeindrucken oder sogar einschüchtern." Also geben knallharte Manager wie Ackermann sich als intellektuelle Schöngeister und hoffen auf Imagegewinn. Das kommt einem doch irgendwie bekannt vor. Auch früher schon versuchten Herrscher wie König Ludwig I. in München oder die Medici in Florenz, ihre Besucher mit Kunst zu irritieren und zu provozieren. "Kunst ist wieder dort gelandet, wo sie Jahrhunderte lang selbstverständlich war", sagt Ullrich: "An den Orten der Macht." Mit dem Umzug der Regierung nach Berlin verstärkte sich der Wille zur Repräsentation in der Politik – und mit Gerhard Schröder. Im neuen Kanzleramt übertrug er der Kunst eine ganz neue, tragende Rolle. Die überlebensgroße "Philosophin", eine Skulptur von Markus Lüpertz, steht da nicht einfach nur dekorativ herum, sondern ist, so Wolfgang Ullrich, "Teil eines großen Repräsentationsprogramms". Dazu gehören auch die unterschiedlich gefärbten Wände im Treppenhaus, die Symbole für Tugenden wie Keuschheit (grün) oder Stärke (rot) sind.