Die Bankenkrise hat Zocker und Spekulanten vom Kunstmarkt gefegt. Das Berliner Gallery Weekend zeigte nun, ob und wie es weitergehen kann. Von Anja Lösel

"Die Kunst ist super": Udo Kittelmann, Dirketor des Museums für Gegenwart Hamburger Bahnhof© Michael Gottschalk/DDP
Die Kunst-Krise ist da. Aber alle versuchen sie wegzulächeln, denn in Berlin ist Gallery Weekend und dazu noch herrliches Wetter. Aus ganz Europa sind die Kunstfreunde angereist. "Nur die Amerikaner fehlen diesmal", bedauert Organisator Michael Neff. Die spüren die Krise wohl noch stärker. Neff, der Mann mit der Gelfrisur im Guttenberg-Stil, nennt sich gern "Zirkusdirektor". Rund 200.000 Kunstliebhaber, so schätzt er, flanierten am Wochenende von Vernissage zu Vernissage, von Party zu Party. Und alle wollten unterhalten und verwöhnt werden: Mit guten Bildern, das ist klar, aber auch mit Cocktails im schicken Hotel de Rome und mit einem "Flying Dinner" in der Neuen Nationalgalerie. 800 Leute musste Neff da versorgen - vom Sammler über den Museumsdirektor bis zur Bankiersgattin. Mit Stühlen und Tischen aus Theaterbeständen hatte er den ganzen Raum vollgestellt - unprätentiös, lässig und gemütlich. Udo Kittelmann, Hausherr und neuer Direktor der Nationalgalerie, bringt die Stimmung auf den Punkt mit seinem Appell an alle: "Don't panic. Buy art."
Kaufen Sie Kunst. Nun, wenn das so einfach wäre. "Die Leute halten ihr Geld zusammen und warten ab", sagt Bruno Brunnett von der Galerie Contemporary Fine Arts. Jahrelang hat er, wie viele andere, gut verdient an Menschen, die Kunst kauften, weil es schick war, sich einen Meese oder Richter an die Wand zu hängen. "Jetzt trennt sich die Spreu vom Weizen." Nur noch die besessenen Sammler und Kenner bleiben übrig. "Erst wenn die genau wissen, wie viel von ihrem Geld übrig geblieben ist, werden sie wieder größere Beträge für Kunst ausgeben." Deshalb heißt es jetzt einfach nur durchhalten. Brunnett gibt zu: "Gut geht es keinem von uns Galeristen. Wir brauchen positive Nachrichten aus der Politik. Mal ein, zwei Wochen lang gute Dax-Zahlen, das wär's."
"Ich bin in Panik" Michael Werner, in den 80ern reich geworden mit Kunst von Lüpertz, Penck und Immendorff, gibt sogar zu: "Ich bin in Panik." Kürzlich musste er die Berliner Galerie seines Sohnes Justus "abwickeln". Sie lief einfach nicht. Vorerst will er hier keine Ausstellungen mehr zeigen. Nur zum Gallery Weekend präsentiert er noch einmal Bilder von Jörg Immendorff aus der Zeit vor dessen Tod. Dazu erstaunlich Buntes von Markus Lüpertz und ein paar Pencks. Nebenan will Rafael Jablonka von Krise nichts wissen, er trotzt dem Trend und stellt die teuersten Bilder des gesamten Gallery Weekends aus: große Stierkampfgemälde des US-Künstlers Eric Fischl zu Preisen zwischen 600.000 und 1,2 Millionen Dollar. Wer die kaufen soll? Der Sammler Udo Brandhorst vielleicht. Für sein Museum, das in ein paar Tagen in München eröffnet wird, könnte er noch Bilder gebrauchen. Fünf Fischl-Werke hat er schon, womöglich nimmt er ein sechstes dazu. Mal sehen. Hohe Qualität Die meisten der 38 Galeristen, die das Gallery Weekend tragen, setzen auf Qualität. "So viele gute Ausstellungen habe ich hier selten gesehen", sagt Christina Weiss, ehemalige Kulturstaatsministerin und nun Vorsitzende des Vereins der Freunde der Nationalgalerie. "Überall sehr hoher Standard."
Der Engländer Simon Starling etwa hat unter die Decke der Galerie Neugerriemschneider zwei weiße Marmorblöcke gehängt - einen großen aus China, einen kleineren aus Italien. Beide sind gleich viel wert: intelligenter Hinweis auf den Wahnsinn der Globalisierung. Zudem luden die Galeristen ins Studio des 2002 tödlich verunglückten Michel Majerus an den Prenzlauer Berg, wo in melancholisch-heiterer Stimmung dessen frühe Bilder gefeiert wurden. Cai Wagner zeigt eine große, beeindruckende Arbeit der Zwillinge Maria und Natalia Petschatnikov mit Dutzenden von papierenen Tauben, die aussehen, als hätten sie sich für immer in der Galerie eingenistet, bedrohlich und poetisch zugleich. Für 200 Euro kann man sich einen der Vögel mit nach Hause nehmen.