Wer in der Hauptstadt hip sein will, geht nachts in so genannte Salons. Auf der "Bohème Sauvage" in Berlins Mitte tanzen alt und jung zu Swing, Boogie-Woogie und Foxtrott. Wer es noch spezieller mag, besucht den "Erotischen Salon" oder den "China Club". Von Dirk Engelhardt

Am Roulettetisch wird mit exakten Reichsmark-Kopien gespielt© Frederic Schweizer
Sich so zu stylen, als wäre man gerade aus dem Bett gefallen, ist in den meisten Berliner Clubs quasi der Dresscode. Sich kunstvoll vor dem Spiegel zurechtzumachen dagegen uncool. Doch genau diese kunstvolle Ausstaffierung ist es, die den ungeheuren Reiz von "Bohème Sauvage" ausmacht, der Neuauflage einer wilden Tanznacht, wie sie zu Beginn des letzten Jahrhunderts in Berlin gang und gäbe war.
Einmal pro Monat heißt es, das Macbook gegen den Fächer einzutauschen und die nächtliche Zeitreise anzutreten. Im samstagabendlichen Getümmel in den Hackeschen Höfen, zwischen Touristen aus Bamberg und Jugendcliquen aus Zehlendorf, fällt sie auf: die Dreier-Mädchengruppe, gewandet in dunkelroten, ärmellosen Minikleidern mit Spitze, um den Hals mehrere dicke Perlenketten. Die Haare wurden schimmernd mit der Wasserwelle in Form gebracht, die Augen dunkelgrau mit Mascara und Lidschatten betont. Eine freudig erregte Ausstrahlung geht von ihnen aus, und Passanten merken, dass sich die Damen nicht einfach so zum Spaß angekleidet haben.
Kurz darauf folgt ihnen eine Gruppe dreier junger Herren, ebenfalls formvollendet gekleidet, mit Sakko, Weste und Spazierstöcken. Sie grinsen sich verschwörerisch an, und erst bei genauerem Hinsehen entdeckt man, dass die erhöhte Ausdruckskraft ihrer Augen dem Einsatz eines Kajal-Stiftes zu verdanken ist. Dann stolzieren sie, in gemessenem Abstand zu den "Fräuleins", wie unverheiratete Damen hier noch keusch angesprochen werden, zum Eingang des Salons.
"Bohème Sauvage ist keine Party, sondern ein rauschendes Fest zu Ehren der Helden vergangener Nächte", sagen die Veranstalter jener Festivität, die "Gesellschaft für mondäne Unterhaltung". Schon die Einladungskarte mit ihrem Jugendstildesign und der lasziven, halbnackten Schönheit mit Federboa und grünen Pumps zeigt, wie liebevoll und gekonnt die Macher sich ihrer Veranstaltung annehmen. Ins Leben gerufen wurde die Eventreihe von Inga Jacobs, 26 Jahre alt. Schon vor vier Jahren begann sie, in ihrem Wohnzimmer private Salons im Stil der 20er Jahre zu veranstalten. Für die Vorbereitung von "Bohème Sauvage" nimmt sie sich Zeit: Neun Stunden lang wird der Salon mit Spieltischen, Stoffbahnen und Postern dekoriert, sogar einen kleinen, beleuchteten Bauchladen für den Zigarettenverkauf hat Inga Jacobs gebastelt. Dazu gibt es Zigarettenschachteln im Jugendstildesign zum Selberfalten für einen Euro.
Die Gäste nehmen die Einladung dankbar an, es gibt mittlerweile Stammgäste, die extra aus Hamburg anreisen. Tatsächlich findet sich im Ballsaal kaum jemand, der nicht viel Mühe auf ein individuelles Äußeres verwendet hat. In dem Raum mit dem Kristalllüster und den dunkelroten Samtsofas fallen nur die Kellnerinnen mit ihren Baumwoll-T-Shirts aus dem Rahmen. Ansonsten ist die Zeitreise in die 20er Jahre perfekt: eine junge Dame trägt eine silbrig-weiße Bubikopf-Perücke zur schwarzen Federboa, eine andere zieht die Blicke mit einem orientalischen, goldglänzenden Kopfschmuck auf sich, im Gesicht eine kunstvolles Make-up mit Goldglitter, welches in Wellenform von den Augen strahlt.
Ein gewisses Fräulein Drusilla hat sich ihr Ouftfit im farbenfrohen Tiki-Style und tropischen Blüten selbst geschneidert. Dass der Tiki-Style seine Blüte in den 50er Jahren hatte, wird hier nicht so eng gesehen. Glücklich, wer eine Großmutter in der gleichen Stadt hat - deren Paillettenkleider oder Roben mit schwingenden Goldfäden sind jetzt auf einmal heiß begehrt. Für die anderen gibt es in Berlin genug Läden, die entsprechende Ausstattung verkaufen oder verleihen.