6. Juni 2011, 10:50 Uhr

Zur Eröffnung bitte Sliwowitz

Die 54. Biennale von Venedig ist größer, bunter und vielfältiger als ein orientalischer Basar - und in diesem Jahr mindestens genauso kommerziell. Das einstige Festival der Möglichkeiten ist zur größten Kunstmesse der Welt mutiert. Aber immerhin auch zur schönsten. Von Silke Müller

Biennale, Venedig, Christoph Schlingensief

Mit dem Golden Löwen ausgezeichnet: Der gestorbene Künstler Christoph Schlingensief und der Deutsche Pavillon auf der Biennale von Venedig©

Jeden morgen um 10 Uhr dieselbe Szene: Kies spritzt auf, eine weiße Staubwolke bildet sich dicht über dem Boden, Schritte trommeln über die Querachse der Giardini. Strohhüte fliegen zur Seite, Sommerkleider flattern, Absätze bleiben im Boden stecken. Eine Stampede von Kunstbegeisterten setzt sich in Bewegung, denn es gilt, die vordersten Plätze in den Warteschlangen vor den beliebtesten Länderpavillons zu besetzen. Nach Abstimmung mit Füßen sind die USA und Großbritannien die Gewinner des Nationenwettbewerbs, dicht gefolgt von Deutschland.

Dass ausgerechnet die auch architektonisch dominantesten Kunstpaläste im Biennale-Park so belagert werden, zeugt von der Macht, die Tradition und Kapital auf dem Kunstmarkt erzeugen. Der US-Beitrag wird dieses Jahr von der Modemarke Hugo Boss mitfinanziert, das Unternehmen aus Metzingen war 2009, bei der vorigen Biennale, noch Sponsor des deutschen Beitrags. Vor zwei Jahren räumten die Amerikaner mit Bruce Nauman den Goldenen Löwen ab, Deutschland blamierte sich mit einer Sperrholzinstallation samt sprechender Katze des britischen Gastkünstlers Liam Gillick.

Provokativen Aplomb abliefern

Als der für Deutschland nominierte Aktionskünstler Christoph Schlingensief im August 2010 an den Folgen seiner Krebserkrankung starb und noch kein handfestes Konzept für seinen Biennale-Beitrag vorlag, sattelte Boss auf den vermeintlich prestigeträchtigeren US-Pavillon um. Mit den hierfür eingeladenen Szene-Stars Jennifer Alora und Guillermo Calzadilla war zumindest eines gewiss: Die beiden aus den USA und Kuba stammenden Künstler würden etwas Signifikantes mit provokativem Aplomb abliefern, denn dafür stehen sie schließlich.

So kam es dann auch. Vor dem neoklassizistischen Bungalow der USA liegt ein umgekippter Panzer. Auf einer seiner Ketten haben die Künstler ein Laufband angebracht, auf dem US-Leistungssportler Kilometer schrubben - und dabei eine, ja nun, Kettenreaktion in Gang setzen. Die von Muskelkraft angeschobenen Panzerketten kreischen so ohrenbetäubend, dass die Gäste im davor liegenden Biennale-Café sich gegenseitig anschreien. Starke Präsenz also, auch für Boss.

Im Innern des Pavillons absolvieren Elite-Turner aus den USA eine gequälte Kür an Geräten, die den Liegesitzen in der Business-Class großer Flugzeuge nachgeformt sind. Und zum Abschluss dürfen Besucher ihre Kreditkarte in einen Geldautomaten stecken, der mit Orgelpfeifen bestückt ist, die, nun ja, losorgeln. Man schämt sich dann ein bisschen, schiebt die Karte zurück in die Brieftasche und geht hinüber zu den Deutschen, um Buße zu tun für diesen Augenblick der Schwäche.

Schlingensief regelt die Dinge "von oben"

Denn bei den Deutschen wird der Kunst eine donnernde Messe gelesen. Man trifft sich zu Exerzitien auf den harten Bänken der "Kirche der Angst vor dem Fremden in mir", Vorbeter ist noch immer der Aktionskünstler, Regisseur und idealistische Weltverbesserer Christoph Schlingensief, der nun, Jesus gleich, in den Himmel entschwunden und dennoch irgendwie bei uns ist. Die von seiner Witwe Aino Laberenz und der Chefin des Frankfurter Museums Moderner Kunst, Susanne Gaensheimer, verantwortete Inszenierung des Pavillons suggeriert Authentizität: Aus Holzlatten zusammen gezimmerte Kanzeln, ein Altar mit Handschrift-Dekor, Röntgenaufnahmen der krebskranken Lunge und das Pflegebett des Künstlers, an den Wänden Film-Projektionen seiner Aktionen, aus dem Lautsprecher dröhnt seine Stimme. So als habe Schlingensief seine Ankündigung wahr gemacht, die nicht zu Ende geführten Projekte "von oben zu regeln".

Wer nicht an Wunder glaubt, mag eine sachlichere Dokumentation seines Wirkens dem genialischen Budenzauber vorziehen. In den beiden Seitenschiffen des Christoph-Tempels ist das gelungen: Ein Modell des Operhauses, Fotos aus dem Dorf und Videos berichten über die ersten Schritte seines Burkina-Faso-Projektes und eine Mini-Retrospektive seiner Filme erlaubt einen tieferen Einblick in den Kosmos Schlingensief. Sponsor des Mysterien-Theaters, das den Betrachter in die Position des anbetenden Jüngers zwingt, ist übrigens (neben anderen) Bionade. Unternehmensstrategisch ein Coup: Am Tag der Eröffnung zeichnete die internationale Jury der Biennale den deutschen Pavillon mit dem Goldenen Löwen für den besten Länderbeitrag aus.

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