Im Schatten der Geschichte

29. November 2008, 08:30 Uhr

Der Wiener Kunstsammler Rudolf Leopold steht unter Beschuss und bangt um sein Lebenswerk: Ihm wird der Besitz von Nazi-Raubkunst vorgeworfen. Ein Kampf um Recht, Moral und viele Millionen. Von Rudolf Lambrecht, Silke Müller

Rudolf Leopold, Raubkunst, Wien, Kunstsammler

Rudolf und Elisabeth Leopold im Garten ihres Hauses in Grinzing. Die beiden Augenärzte sind seit 55 Jahren verheiratet©

Neulich im Wiener Abendverkehr: Alles steht, aber Rudolf Leopolds Bremse versagt. Im letzten Augenblick reißt er das Lenkrad seines VW Golf nach links und kracht gegen einen Vorbau am Ausstellungshaus der Kunstvereinigung Secession. Ausgerechnet! Dass es sich um ein Versehen gehandelt hat - wer würde ihm das glauben, hier in Wien? Niemand. Nicht die Presse, nicht die Kulturministerin und keiner der Museumsdirektoren. Und wäre in der Secession an jenem Tag ein jüdischer Künstler ausgestellt worden - die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) hätte endlich mal was Konkretes gegen Leopold in der Hand gehabt. Den Unfall hat aber merkwürdigerweise niemand mitgekriegt. Obwohl alles, was Rudolf Leopold macht, sagt und möglicherweise sogar denken könnte, in Wien unter Beobachtung steht - und unter Generalverdacht

Rudolf Leopold, 83, Augenarzt, ist Österreichs bedeutendster Kunstsammler. Die Stiftung Leopold, sein Lebenswerk, ist das Herzstück des Wiener Museumsquartiers und dessen größter Publikumsmagnet. Aus aller Welt kommen die Touristen, 300.000 im Jahr, um dort die Gemälde von Egon Schiele zu betrachten - die beste Sammlung des Wiener Modernen weltweit. Einige der Bilder haben eine dramatische Geschichte. Sie wurden ihren jüdischen Eigentümern von den Nazis gestohlen. Kritiker werfen Leopold vor, er habe wider besseres Wissen solche geraubten Bilder gekauft. Nun eskaliert der Streit darum, wer wen in welcher Form angemessen entschädigen kann oder muss.

Repräsentieren, aber nicht regieren

Schiele! Als Leopold anfing zu sammeln, Anfang der 50er Jahre, wollte niemand so etwas aggressiv Erotisches, existenziell Nacktes haben. Leopold kaufte, was er kriegen konnte. Die Preise waren am Boden, die Kollektion wuchs. Bis in die 90er Jahre sorgte sich kein Sammler und kein Museum darum, ob die angebotenen Kunstwerke womöglich früher einmal von den braunen Verbrechern den jüdischen Eigentümern geraubt oder unter Wert abgepresst worden waren. Die Archive, vor allem in den Staaten des ehemaligen Ostblocks, waren noch nicht zugänglich. Aber der Kunstmarkt boomte in der zweiten Hälfte der 90er Jahre. Bilder, die nach dem Krieg für ein paar Hundert Mark zu haben waren, wurden plötzlich für Millionen versteigert. Bis zum 20.000-Fachen seien die Preise gestiegen, sagt Leopold. Im Jahr 1994 stieg der österreichische Staat bei Leopold ein und sicherte sich dessen Sammlung, die damals einen Schätzwert von mehr als einer Milliarde Mark hatte, für 316 Millionen, die in Raten bis 2008 ausgezahlt wurden. Die Kollektion von mehr als 5000 Kunstwerken wurde in eine Stiftung eingebracht. 2001 eröffnete das neu gebaute Museum. Künstlerischer Direktor auf Lebenszeit: Rudolf Leopold. Doch der Sammler ist in seinem Museum ein König ohne Reich: Der Stiftungsrat wird von Gewährsleuten des Staates dominiert; der Sammler darf repräsentieren, aber nicht regieren.

Seit 1997 Liegt Leopold immer wieder unter Beschuss: Zu jener Zeit begannen die ersten Provenienzforscher, nach der Geschichte hinter den Bildern zu fragen. Wem gehörten sie ursprünglich, wie kamen sie an diese oder jene Museumswand? Abscheuliche Wahrheiten kamen ans Licht: Wie die Nazis reiche jüdische Familien ausspioniert, ihre Wohnungen, Wertgegenstände und ganz gezielt ihre Kunstsammlungen geplündert oder herausgepresst haben, um die Familien schließlich in die Flucht oder ins KZ zu treiben. Viele dieser einst privaten Kunstschätze befinden sich heute in öffentlichen Sammlungen, vor allem in Deutschland, Österreich und den USA. Gerade als die heikle Herkunft mancher Bilder ans Licht kam, explodierten die Preise auf dem Kunstmarkt - eine Parallelentwicklung, die einvernehmliche Lösungen oft verhindert.

Selbstverliebter Wiener Dickschädel

Leopold steht aufgrund seines Sammlungsschwerpunkts der Wiener Moderne und der schwierigen Konstruktion des Museums als staatlich geförderter Privatstiftung im Zentrum all der Konflikte um den gerechten Umgang mit geraubter Kunst. Historiker durchforsten auf Druck des österreichischen Kulturministeriums den Bestand des Museums. Der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien verlangt sogar die Schließung des Hauses. Die New Yorker Justiz und ein Londoner Auktionshaus haben Bilder aus Leopolds Sammlungen unter Verschluss genommen. Ein neuer Streit um Österreichs braune Vergangenheit und die Wiedergutmachung an Opfern des Holocausts spitzt sich zu einem Fall Leopold zu. Im Café Landtmann bringt der Kellner Wiener Schnitzel und in Dressing ersoffenen Salat. Rudolf Leopold verzieht das Gesicht. "Was hat man Ihnen über mich gesagt?", fragt er ungeduldig. "Wieder lauter Lügen. Die lügen doch alle!" Leopold traut keinem mehr, selbst seinen Anwälten nicht. Überall lauern die Feinde mit ihren falschen Verdächtigungen.

"Einerseits war Rudolf immer wieder ein unsicherer, von Zweifeln geplagter Mensch, andererseits war er selbstbewusst genug, um über die Ansichten anderer herzuziehen, als wäre er allein im Besitz der Wahrheit", schreibt sein Sohn Diethard in der Biograpfie "Rudolf Leopold - Kunstsammler". Von Selbstzweifeln trennt er sich schnell, falls er anderen die Laune verderben will. Bei einem Empfang flüsterte Leopold dem österreichischen Bundespräsidenten Heinz Fischer zu, dass er sich mit "Arschkriechern" umgeben habe. "Der ist zu einer Salzsäule erstarrt", erzählt Leopold strahlend wie ein Schulbub. Zu Hause bei den Leopolds in Grinzing am Wohnzimmertisch: Elisabeth fordert zum Essen und Probieren auf, Rudolf fragt ab, doziert, verbessert, schimpft, urteilt, verurteilt. Diesmal sind sie wieder alle dran, die Roten, Grünen und Schwarzen, die alle nichts von Kunst verstehen. Nur einer weiß alles: Rudolf Leopold, dieses Muster eines selbstverliebten Wiener Dickschädels, dessen weltschmerzdurchzogene Schimpfkanonaden immer mit dem Mantra der Selbstbestätigung enden: "So is es doch. Oder is es net so? Das is die Wahrheit!" Seine unbändige Kraft, so scheint es, bezieht Leopold aus dem Konflikt.

Ungezügelte Passion

"Als meine Mutter dem jungen Mann begegnete ... sah sie einen zeitweise sehr zerrissenen und gequälten Menschen, der in dunkler Weise anders war und dessen geistiges Feuer sie von Anfang an faszinierte. Was sie anzog, war die Unerlöstheit dieses Feuers", schreibt Diethard Leopold über seine Eltern. Die beiden Augenärzte sind seit 55 Jahren verheiratet. Elisabeth Leopold, 82, zog drei Kinder groß und gab erst mit 78 Jahren ihre Praxis auf. Rudolf Leopold operierte bis 1980. In ihrem Haus scheint die Zeit stehen geblieben zu sein - irgendwo in den 60er Jahren. Gestrickte Gardinen, Tütenlampen und zwischendurch Prachtstücke der Wiener Werkstätte, ein Büfett von Adolf Loos, komplett zugepackt mit Katalogen, Kunstbüchern und schweren Krügen. Oben drüber, an der Wand, ein Stillleben mit Hummer des belgischen Avantgardisten James Ensor. Leopold kann nicht loslassen, sammelt alles. Ein Jäger, der von seiner Beute in die Enge getrieben wird.

Als Student mit 22 Jahren entschloss sich Leopold, Bilder zu sammeln. Später machte er für seine Leidenschaft Millionen von Schulden. Bevor andere kamen, war Leopold schon da. Diese ungezügelte Passion, dieser Ehrgeiz, der Erste und Beste zu sein, macht ihn bei seinen Gegnern schon verdächtig, noch bevor er überhaupt etwas getan hat. Leopold, der auch Kunstgeschichte studiert hat, ist der Schiele-Papst, dessen Urteil - Fälschung oder Original - über Millionen entscheidet. Auktionshäuser wie Sotheby’s und Christie’s suchen seinen Rat. Das erste wissenschaftliche Werkverzeichnis über Egon Schiele stammt von ihm.

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