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Humor-Streik im Iran

Die politischen Unruhen im Iran schlagen Wellen in Kreisen der Kunstschaffenden. Eine Protesterklärung iranischer Karikaturisten macht derzeit die Runde im Internet.

Karikaturisten setzen ein politisches Zeichen: 150 iranische Zeichner boykottieren die 9. Cartoon-Biennale, die Ende Oktober in der iranischen Hauptstadt Teheran stattfinden soll. Sie protestierten damit gegen die Wiederwahl von Präsident Mahmud Ahmadinedschad und die großen Unruhen, die diese nach sich zog. Auf der Internetplattform persiancartoon.com sprachen sie sich am 1. August öffentlich gegen eine Teilnahme an dem Cartoon-Wettbewerb aus, jetzt verbreiten sie ihre Absichten auch auf der deutschen Website toonpool.com. Die renommierte Biennale wird vom "Iranian House of Cartoon" organisiert und lockt jährlich mehrere hundert Zeichner aus aller Welt an.

In einem Statement kritisieren die Cartoonisten, dass die Geschehnisse nach der Wahl die kulturelle Freude aus dem Iran hätten verschwinden lassen, und dass es falsch wäre, diese Umstände totzuschweigen. Unter der Erklärung wurde eine Liste mit den Namen der boykottierenden Karikaturisten veröffentlicht.

Empörung bei den Organisatoren

Der Veranstalter der Biennale, das "Iranian House of Cartoon", bedauert die Vorfälle nach der Wahl zwar sehr, spricht sich aber deutlich dafür aus, Politik und Kunst nicht zu vermischen. Die iranische Karikatur-Szene nehme durch die Boykottaktion erheblichen Schaden, so eine Stellungnahme des Veranstalters. Der Streik könnte große finanzielle Folgen für die Organisatoren bedeuten, ganz zu schweigen von dem Imageverlust für die prestigeträchtige Biennale. Darin liegt möglicherweise der Grund, warum die Veranstalter die noch teilnehmenden ausländischen Cartoonisten auffordern, der Boykott-Bewegung nicht beizutreten.

Wenn aus Spaß Ernst wird

Im Iran stehen Kunstschaffende unter stetigem Druck seitens der Regierung. Zensur ist das Wort der Stunde. Einer, der wegen der Situation in seiner Heimat ins Exil nach Kanada geflüchtet ist, ist der iranische Journalist und Karikaturist Nikahang Kowsar. Als Reporter für den persischsprachigen Radiosender "Radio Zamaneh" beobachtet er von dort aus die Szene und die aktuellen Entwicklungen in seiner Heimat Iran. Er sieht in dem Boykott vor allem eine politische Solidarisierung mit den Opfern der Zensur.

Im Jahr 2000 war Kowsar selbst zur Zielscheibe der iranischen Regierung geworden, als er eine Woche im Evin-Gefängnis in Teheran verbringen musste, weil er eine Karikatur von Mesbah Yazdi veröffentlichte. Die Karikatur zeigte den heutigen geistlichen Berater von Ahmadinedschad als Krokodil, das mit seinem Schwanz einen Journalisten erwürgt - eine Anspielung auf die eingeschränkte Meinungs- und Redefreiheit im Iran. Zudem skandiert "Professor Crocodile", wie Yazdi auch spöttisch genannt wird: "Kann mich irgendjemand von diesem geldgierigen Schreiber retten!?".

Nikahang Kowsar war es dann auch, der vor drei Wochen mit befreundeten iranischen Cartoonisten in Kanada, den USA und im Iran sprach, und sie in ihrem Boykott-Vorhaben beriet. Die Erklärung wurde anfangs von 90 Karikaturisten unterzeichnet. Aktuell sind es bereits 150 - Tendenz steigend.

Themen mit Konfliktpotenzial

Die Biennale, die am 22. Oktober in Teheran stattfindet, steht unter dem Motto "Schwarzer Humor". Die Teilnehmer können ihre Arbeiten in insgesamt drei Kategorien einreichen, die Themen sind frei wählbar. Von Seiten der Veranstalter gibt es außerdem in den Kategorien "Cartoon" und "Caricature" die Themenvorgaben "Fear" und "Political Portraits". Eine sechsköpfige Jury aus international erfolgreichen Karikaturisten stimmt dann über die besten Cartoons ab. Bei der letzten Biennale in Teheran, die 2007 stattgefunden hat, wurden insgesamt Preise im Wert von 32.000 Dollar vergeben.

Felix Neumann
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