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Jäger des verlorenen Schatzes

Damien Hirst gilt als einer der provokantesten und teuersten Künstler der Gegenwart. Zeitgleich mit der Biennale zeigt er Stücke in Venedig, die angeblich 2000 Jahre alt sind. Große Kunst oder Fake News?

Damien Hirst bei Biennale 2017

Damien Hirst als stolzer Brite am Fuße seines 18 Meter hohen "Dämon mit Schale" im Palazzo Grassi.

So viele Ahs und Ohs und Oh-my-gods. Kopfschütteln, Staunen. Menschen drängen sich vor Vitrinen, knien am Boden, um Infotexte zu entziffern, umrunden Sockel, betasten heimlich die glänzenden, spröden oder scheinbar bewachsenen Oberflächen.

Und dann, bei jedem Objekt: Handyfoto. Die sozialen Medien laufen über mit Bildern von Medusenhäuptern, Pharaonenbüsten, Riesenmuscheln und Giganten-Füßen. Hashtag #Hirst.

Es war still geworden um den Provokateur , der mit einem in Formaldehyd eingelegten Hai 1991 die Kunstwelt verblüffte und in dessen Schlepptau eine Generation junger britischer Künstler den Kunstmarkt erobert hatte. Auf Einladung des Museumsbesitzers, Sammlers und Milliardärs François Pinault meldet sich Hirst mit einer Doppelausstellung in Venedig zurück. Alles ist wieder da: die Unverschämtheit, der Größenwahn, die Geschmacklosigkeit – und zwar so überraschend, verwirrend und spektakulär, dass selbst seine ärgsten Kritiker zugeben müssen: Hirst macht Geschichte.

Bei der Auktion habe er sich "ein wenig wie König Midas gefühlt", gab Damien Hirst zu

Dazu begibt er sich ins Reich der Mythen. Im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung beginnt Hirsts Erzählung, die von einem sagenhaften Schatz handelt. Der einstige Sklave Cif Amotan II aus Antiochien soll Skulpturen, Juwelen, Münzen und Objekte aus der ganzen Welt zusammengetragen und auf ein Schiff verfrachtet haben. Als die "Apistos", auf Deutsch die "Unglaubliche", sank, habe das Meer die wertvolle Ladung für immer verschlungen. Bis zu jenem Tag, an dem Damien Hirst plötzlich sehr viel Geld, ein leeres Studio und nur noch wenige Freunde in der Kunstwelt hatte.

Luxus-Artefakte: Hirst in Venedig mit dem "Schädel eines Zyklopen".

Luxus-Artefakte: Hirst in Venedig mit dem "Schädel eines Zyklopen".

Das kam so: An jenem Montag im Jahr 2008, als der Bankrott der Investmentbank Lehman Brothers die Welt schockierte und eine Wirtschaftskrise auslöste, ließ Hirst 244 atelierfrische Werke im Auktionshaus Sotheby's in London versteigern. Seine Galeristen, die sonst den ersten Zugriff auf Arbeiten haben und bis zu 50 Prozent des Verkaufserlöses erhalten, mussten den vollen Marktpreis zahlen. Seine Sammler durften sich gegenseitig überbieten, um an Werke zu gelangen. 111,4 Millionen Pfund setzte er an diesem Tag um – und bewies, dass er auf zwei Gebieten unschlagbar war: Regeln zu brechen und Geld zu machen. Bei der habe er sich "ein wenig wie König Midas gefühlt", gab Damien Hirst zu – wie jener für seine Gier und Dummheit verspottete Fabelherrscher, der alles in Gold verwandelte, was er anfasste. Eben auch sein Essen und sein Trinken.

Ein Jahr später brachen Hirsts Auktionsumsätze um 93 Prozent ein.

2008 also, nach dem Goldrausch, musste eine neue Idee her. Etwas Großes, nie Dagewesenes. Etwas, das den Hai, den mit 8601 Diamanten besetzten Totenschädel von 2007 (Titel: „For the Love of God“), die gerade abgeschlossene Versteigerung toppen könnte. Etwas, das den Mythos Hirst weiter beflügeln würde. Er entschied sich dafür, so etwas wie das Bernsteinzimmer der Unterwasser-Archäologie zu heben: den von Amotan.

Hirst lässt die Geschichte so weitererzählen: 2008 ging einem Fischer vor der Ostküste Afrikas ein kleines goldenes Äffchen ins Netz. Archäologen identifizierten es als Teil des legendären Schatzes und wandten sich an Hirst mit der Bitte, die Suche nach dem Rest der Ladung und deren Bergung zu finanzieren. Mithilfe des Unterwasser-Archäologen Franck Goddio wurden Skulpturen und viele weitere Gegenstände vom Meeresgrund geborgen. Nun sind die "Schätze aus dem Wrack der Unglaublichen" in zu sehen und verursachen einen Hirst-Moment, von dem der britische Midas wohl selbst kaum zu träumen gewagt hatte.

Ein Themenpark mit mehr als 189 Objekten voller Überraschungen und überbordender Fülle

Ein 18 Meter hoher "Dämon mit Schale" beherrscht das Atrium des Palazzo Grassi. In den umlaufenden Galerien wird Andromeda von einem Seemonster bedrängt, die Gottheiten Hydra und Kali kämpfen mit Zähnen und Schwertern. Es gibt Riesenmuscheln und Einhornschädel, mit Korallen und Seepocken überwucherte Figuren sowie Vitrinen mit Münzen, Schmuckstücken und Kultgegenständen. Tonnenweise Gold und Silber, Marmor, Bronze und Granit, Opale, Türkise und Lapislazuli. Ein Themenpark mit mehr als 189 Objekten voller Überraschungen und überbordender Fülle, der sich im Museum Punta della Dogana fortsetzt.

Videos und Fotos in Leuchtkästen dokumentieren die Fundstellen am Meeresgrund und zeigen, wie Taucher die Objekte mit Seilen sichern und mit Winden an die Oberfläche ziehen. Alles deutet auf eine sensationelle Entdeckung hin.

Hirsts Totenkopf "For the Love of God" von 2007 hatte einen Verkaufspreis von 50 Millionen Pfund.

Hirsts Totenkopf "For the Love of God" von 2007 hatte einen Verkaufspreis von 50 Millionen Pfund.

Doch schon nach kurzer Zeit keimen Zweifel auf. Ist der sagenumwobene Amotan möglicherweise ein Alter Ego des Künstlers? Einzelne Figuren sehen aus wie Mickey Mouse und Goofy; eine ägyptische Büste trägt die Züge und Tattoos von Rihanna, rosa Frauentorsi haben das Copyright-Zeichen von Mattel überm Steiß. Es glänzen pralle Brüste, durchtrainierte Schenkel und blank polierte Vaginas, das Schönheitsideal plastisch optimierter Körper.

Und ein Minotaurus, der eine Frau penetriert, erinnert wohl nicht ganz zufällig hier und jetzt, zur in Venedig, an die Pornoprovokationen von Jeff Koons: Der amerikanische Gegenspieler von Hirst, auch einer der reichsten Künstler der Gegenwart, hatte nämlich 1990 an dieser Stelle seinen großen Moment – als Skulptur gewordener Begatter der italienischen Pornodarstellerin Ilona Staller.

Was für ein Joke.

Ist die Geschichte von Amotans Schätzen also eine dreiste Erfindung? Führt Hirst die Kunstwelt und die fotografierenden Besuchermassen hinters Licht? Das kann nur behaupten, wer die Freiheit der Kunst nicht akzeptieren will. Hirst erschafft eine Parallelwelt, die sich der Antike, der Mythologie, der Fantasy- und Comicwelt, der Pop- und Trashkultur bedient. Und er nutzt die Mittel der Wissenschaft und der Kulturvermittlung, um sie mit der Aura des Einmaligen und Authentischen zu versehen: Beschriftungen, präzise Materialangaben, Expertenaufsätze, Vitrinen, Foto- und Filmdokumente. Das große Einmaleins der Fake News. Aktueller in ihrer Wirklichkeitsbeschreibung, aber auch in ihrem Zynismus kann die Kunst kaum sein.

Das Wrack entsteht im Moment seiner Entdeckung, man entdeckt ein Wrack nicht, man erfindet es

Akademischen Flankenschutz leistet Simon Schama, ein Professor der Columbia-Universität in New York. Schama legt den Skeptikern nahe, "zu verstehen, dass Kunst sich, so wie das Leben, irgendwo zwischen einem Unfall abspielt, der darauf wartet, sich zu ereignen, und einem Witz, der noch gerissen werden muss".

Franck Goddio, der Meeresarchäologe, der den sagenhaften Schatz angeblich gehoben haben soll, dichtet über seinen Ausflug in die zeitgenössische Kunst: "Vermutlich leide ich unter einem Tiefenrausch. Das Wrack entsteht im Moment seiner Entdeckung, man entdeckt ein Wrack nicht, man erfindet es."

Hinweise genug? Noch einen: Über dem Eingang zur Punta della Dogana ließ Hirst einen Satz anbringen, der die Vieldeutigkeit und Verspieltheit der Aktion auf den Punkt bringt: "Somehow between LIES and TRUTH LIES the TRUTH." Auf Deutsch: Irgendwo zwischen Lüge und Wahrheit liegt/lügt die Wahrheit.

Von Punkten und Haien: Damien Hirst schuf mehr als 1500 "Spot Paintings".

Von Punkten und Haien: Damien Hirst schuf mehr als 1500 "Spot Paintings".

Damit ist die Ausstellung genauso zeitgemäß und zielsicher platziert wie die 72-Meter-Yachten der Sammler und Oligarchen am Kai der Biennale. Auch was das Talent zum Geldverdienen betrifft, scheint Hirst seinen Sammlern in nichts nachzustehen: Eine Mitarbeiterin von Christie's lässt durchblicken, dass die erste von drei Auflagen der Objekte bereits verkauft sei. Heißt erstens: Von jedem Teil des Schatzes existieren drei Versionen. Und zweitens: Alle 189 Objekte wurden mindestens schon einmal verkauft.

Das Timing ist perfekt: Erst feierte Hirst eine VIP-Eröffnung im April, zu der die Red Hot Chili Peppers einflogen, nun profitiert er von der parallel stattfindenden Biennale. Alle zwei Jahre rücken zu diesem wohl neben der Documenta wichtigsten Kunstereignis Kenner, Sammler und Multiplikatoren aus aller Welt an, genau das Publikum, das Hirst braucht.

1991 erlangte er Ruhm mit dem in Formaldehyd eingelegten Meeresjäger.

1991 erlangte er Ruhm mit dem in Formaldehyd eingelegten Meeresjäger.

Noch mehr beglückt er die Touristen, die sich durch die Gassen und über die Brücken der Lagunenstadt schieben. Mit seiner Kunst, die den Kitsch und das Pompöse, den Witz und die Überwältigung feiert, ist er so massenkompatibel, wie es sonst nur die Herzen, Pudel und Blumenskulpturen von Jeff Koons sind.

Die Besucher staunen und posten, die Kunstkritiker lästern, die meisten zur Biennale angereisten Künstler schäumen. "Man kann doch ganz genau sehen, wohin die Stücke gehen – dieses nach China, das andere nach Dubai, das ist alles so berechnend", sagt Antoine Wagner aus New York. Und Franz Erhard Walther, der deutsche Bildhauer, den die Jury der Biennale als den besten Künstler geehrt hat, bezeichnet Hirst als einen "cleveren Geschäftsmann, der seine Rezeption zum Werk macht". Für die schwarze, gewundene Großskulptur am Eingang des Palazzo Grassi spendiert er nur zwei Worte: "Harter Stuhlgang."

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