Seinen Studenten predigt er die Tat, und die sollten ihm wohl gut zuhören. Denn der Mann hat eine höchst lukrative Karriere hingelegt - vom Punk-Musiker und Hausbesetzer zum Popstar unter Deutschlands Künstlern. Ein Atelier-Besuch bei Daniel Richter. Von Jochen Siemens

Kunstpause: Daniel Richter, Jahrgang 62, ballert mit einer Spielzeugpistole im Atelier herum - sein Kumpel, der Schauspieler Marc Hosemann, findet's gut© Will McBride
Ob er jetzt mal etwas malen könnte? Da an dem Bild, nur so ein paar Striche, damit man sehen kann, wie er das macht? Nee, sagt Daniel Richter, kann er nicht. Nicht mal eben fünf oder zehn Minuten. Macht er nie, so malt man nicht. Zumindest er nicht. Das noch nicht fertige Bild ist natürlich groß, Richter malt fast immer groß, zwei mal drei Meter mindestens. Man sieht eine kleine, irgendwie grob umrissene Eros-Center-Hütte mit blauen Schaufenstern, in denen zwei Frauen sitzen. Und man sieht die Konturen eines Vogels. Auf der Straße sitzt ein Mann - oder vielmehr wird später ein Mann sitzen, mit einem Laptop auf den Knien und einem schlauchartigen Etwas zwischen den Beinen; könnte der Penis sein. Ist so ein typisches Richter-Bild: mit der Schaufel erst einmal Farben auf die Leinwand und dann mit dem Pinsel die Feinheiten darauf. Aus dem Schriftzug Eros hat er schon Heros gemacht, aber das "o" könnte auch ein "p" sein, und dann stünde da "Herpes" oder so, Richter weiß es noch nicht genau. Und wenn er vor dem Bild steht und einem alle diese Andeutungen erklärt, dann fängt er doch an zu malen, im Kopf jedenfalls. "Malen", hat Richter einmal gesagt, "heißt denken", und das macht er jetzt gerade.
Den Pinsel wird er nicht in die Hand nehmen. Es ist ein Nachmittag in Berlin-Mitte, und wir sind in seinem Atelier: ein Hinterhof, eine quietschende Tür und dahinter Daniel Richter, der eine eigenartig graue, dicke Grillschürze mit Farbflecken trägt. Irgendwann ist mal eine Delegation der Deutschen Bank hierhergekommen, da war Rolf Breuer noch im Aufsichtsrat, und die Herren standen alle in ihren feinen Anzügen zwischen Richters Bildern herum. Der trug Schürze. Hätte sich nur einer der Herren zwischen den farbfeuchten Bildern falsch bewegt, ein schöner Schiss Vanadiumgelb oder Kobaltviolett wäre für immer am teuren Anzugstoff geblieben. Ein Bild, das Daniel Richter noch heute gefällt: Das Großkapital kommt in sein Atelier, könnte sich die Garderobe versauen und, ja, bewundert Richter.

"Malen heißt denken", sagt Daniel Richter. Könnte sein, dass er gerade malt© Will McBride
Der Breuer, sagt Richter, habe ihn überrascht, der kannte sich aus in der modernen Oper. Und der Breuer in seinem hellblauen Hemd mit weißem Stegkragen wird von diesem Richter beeindruckt gewesen sein. Junge, Junge, wird er gedacht haben, kommt vom Land, war mal Hausbesetzer, produzierte in schrammeligen Hinterhöfen Punk-Musik und malt heute Bilder, die auf Kunstauktionen für eine halbe Million weggehen. So etwas mögen die Leute aus der Geldwelt - malt da einer eine Leinwand voll, die dann, kaum ist sie aus dem Atelier, abgeht wie eine Aktie. Dass der Mann da seine linksautonome Gedankenwelt zu Bildern verarbeitet, dass er mit Pinsel, Spachtel und Mussini-Farben den fast vergessenen Barmbeker Arbeiteraufstand, den Mauerfall oder das freudlose mittelständische Taumeln vor einer Eros-Spelunke zum Thema macht, dass er die "Welt so malt, wie sie ihm missfällt" ("Süddeutsche Zeitung"), finden sie sogar irgendwie sexy.
Daniel Richter wiederum sagt: "Ich bin jetzt mal die Beatles." Um Richters Werke und ihren Erfolg zu verstehen, braucht man ihn, den Maler, eigentlich immer dazu. Muss ihn hören, wie er sich schelmisch über den deutschen Museumsbau beklagt, weil er in kaum einem Haus seine großen Bilder so hängen kann, wie er sie im Kopf hat. Nein, nicht in einer Reihe, um dann mit einem Weinglas in der Hand daran entlangzuspazieren, sondern besser gegenüberhängend, verschachtelt, wie ein Labyrinth aus großen, sich brechenden Bildwellen. Und man muss ihn dazwischen erleben - groß, mit einer markanten Nase und einer Art zu sprechen, die manche arrogant nennen, andere selbstbewusst und die Deutsche-Bank-Männer sicher charaktervoll.
Neben dem Leipziger Neo Rauch und Jonathan Meese aus Hamburg ist Daniel Richter der größte Popstar der deutschen Maler. Kein unpolitischer wortkarger Geheimniskrämer, sondern ein handfester Radikalinski, dessen Malerei einem sein Denken aufzwingt. Richters Bilder sind brüllende Statements. Und wenn man ihm sagt, mit einem Richter-Bild in einer Wohnung zu leben wäre so, als hätte man Che Guevara oder den flammenden venezolanischen Präsidenten Hugo Chávez als Untermieter, dann lächelt Richter und überlegt, wie er das findet. Ein Kompliment, weil der politische Richter verstanden wird? Ja. Kein Kompliment, weil der Maler Richter ja auch verkaufen will? Auch ja. Und genau in dieser schwankenden Balance zwischen Kunst und Kommerz lebt der Künstler Richter. Wenn so ein Maler in der weltweiten Kunst einen solchen Erfolg hat und Auktionshäuser wie Christie's schon anfragen, ob er nicht ein wenig schneller und mehr malen könne, freut sich auch die deutsche Kunstkritik. Nun endlich wird gedruckt, was man sich sonst nur auf Vernissagen zuflüstert, nun endlich dürfen sie ausholen und werden gelesen. Hören wir mal rein: "Es geht also um das Schichten und Anhäufen von Chiffren des Gesellschaftlichen im Pigment, um das paranoide Glühen der Hoffnung, letzten Endes: um Malerei", erkennt zum Beispiel der Kritiker der "Süddeutschen Zeitung".