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Ai Weiwei - der neue Problembär

Regimekrtiker Ai Weiwei ist seit drei Wochen verschwunden und Deutschlands Kulturschaffende diskutieren in Berlin: Ist die teure deutsche Ausstellung in Peking moralisch zu rechtfertigen? Eine Schließung ist keine Lösung - doch für Ausstellungsmacher Martin Roth gabs heftige Rüffel.

Von Silke Müller, Berlin

Martin Roth müssen die Ohren geklungen haben. Keiner der an der umstrittenen Pekinger Aufklärungs-Ausstellung beteiligten Museumsdirektoren hat sich die Sache so zu eigen gemacht wie der Generaldirektor aus Dresden. Der scheidende Generaldirektor, genau genommen, denn während sich Vertreter der Staatlichen Museen in Berlin und München in der Berliner Akademie der Künste der Debatte stellten, glänzte der vergangene Woche zum Chef des Londoner Victoria & Albert Museums berufene Roth durch Abwesenheit. Es ging in der Diskussionsrunde am Dienstagabend um den seit mehr als drei Wochen verschwundenen chinesischen Konzeptkünstler und Regimekritiker Ai Weiwei - und natürlich um die Frage, ob die "Kunst der Aufklärung", jene umstrittene deutsche Ausstellung in Peking, überhaupt noch zu vertreten ist. Staatsminister Bernd Neumann knöpfte sich den erfolgreichen Kulturmanager vor – zwar, ohne seinen Namen zu nennen, doch, mit Bezug auf eine öffentliche Äußerung Roths, und an Deutlichkeit nicht zu überbieten: "Ich habe wenig Verständnis dafür, dass im Kommentar eines beteiligten Museumsdirektors der Eindruck erweckt wurde, Ai Weiwei habe wegen seiner offensiven Kritik am chinesischen Staat quasi eine Mitschuld an seiner Verhaftung. Eine derart tiefe Verbeugung gegenüber dem chinesischen Staat hat nichts mehr mit Höflichkeit zu tun, das ist anbiedernd und die Verhöhnung eines mutigen und bedeutenden Künstlers."

6,6 Millionen Euro hat das Auswärtige Amt allein aus seinem Budget in die Ausstellung in Peking investiert, die gemeinsam von den Staatlichen Museen zu Berlin, der Bayerischen Staatsgemäldesammlung sowie den Staatlichen Museen in Dresden ausgerichtet wird. Insgesamt soll der teuerste und größte deutsche Kulturexport aller Zeiten gar 10 Millionen Euro verschlugen haben. Ein Unternehmen, das die Chinesen nie gewollt haben, und für das die Deutschen gar Miete im Nationalmuseum in Peking zahlen müssten, so ein Galerist und Kenner der Pekinger Kulturszene.

Ausstellungsschließung ist keine Lösung

Dass die Lösung im Konflikt zwischen einer Kooperation mit dem Regime und dem Protest gegen den Umgang mit Regimekritikern wie Ai Weiwei nicht darin bestehen könne, die Ausstellung vorzeitig zu schließen, darin waren sich die Diskutanten einig. Doch klar wurde auch, wie Akademie-Präsident Klaus Staeck lapidar feststellte: "Ohne die Verhaftung Ai Weiweis würden wir heute nicht hier sitzen und über diese Ausstellung diskutieren." Was er nicht sagte, was aber im Laufe des Abends mehr als deutlich wurde: Im Spiegel der Ereignisse erweist sich die Ausstellung als erschreckend harmlos, der aufklärerische Ansatz eher belehrend denn belebend – bei gleichzeitiger Überverkaufe des Projekts als Staatsangelegenheit, und zwar vor allem auf deutscher Seite. Neumann forderte, das Begleitprogramm zur Ausstellung müsse nun "um den Vorgang Ai Weiwei aktualisiert werden". Die Ausstellung sei im Museum schwer zu finden, sie allein koste im sonst frei zugänglichen Nationalmuseum Eintritt und der Katalog sei so teuer, dass ein Lehrer dafür sein Monatsgehalt hergeben müsse. Diese Bedingungen müssten umgehend verändert werden.

Parallelen zur Ära Brandt

Entspannungspolitik-Veteran Egon Bahr zog Parallelen zu seiner Zeit als Vertreter einer Politik des "Wandels durch Annäherung" unter der Regierung von Willy Brandt und proklamierte schlagzeilentauglich: "Unser Ai Weiwei hieß Alexander Solschenizyn." Bahr warnte davor, ein Land wie China in seinem Prestigebedürfnis zu verletzen und durch öffentlichen Druck eher Schaden anzurichten, was die Sache der Menschenrechtler und Regimekritiker angeht. "Immer im Stillen" habe er am meisten für Einzelne erreicht.

Doch das Publikum in der Akademie erwartet Aktion. Emphatisch wird darauf hingewiesen, dass es bei Ai Weiwei um einen lebenden Menschen gehe – doch je emotionaler die Wortbeiträge, desto mehr entsteht der Eindruck, bei dem Regimekritiker handele es sich um eine neue Art von Problembären: für seinen Mut und seinen Humor geliebt, vom Aussterben bedroht. Wie ernst es dem Künstler mit seiner Kitik ist, wie bewusst er dabei tatsächlich sein Leben aufs Spiel setzt – und wie tief er vielleicht auch in die internen Machtspiele der Partei verstrickt sein mag, all das lässt sich von Berlin aus rein gar nicht ermessen. Neumann: "Es ist völlig inakzeptabel, die Inhaftierung des Künstlers als singulären Fall anzusehen und die Notwendigkeit einer öffentlichen Auseinandersetzung zu relativieren."

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