Es ist das teuerste Documenta-Projekt aller Zeiten: Für sein Kunstprojekt "Fairytale", also "Märchen" schickt der chinesische Künstler Ai Weiwei 1001 Chinesen nach Kassel. 3,1 Millionen Euro kostet das Vorhaben. Für die Teilnehmer ist es das Erlebnis ihres Lebens. Von Anja Lösel

Junge Chinesinnen fotografieren in den Kasseler Gottschalk-Hallen ihre Eindrücke der documenta© Thomas Lohnes/DDP
Die Chinesen sind da. In kleinen Gruppen streifen sie durch Kassel, gucken, lächeln, freuen sich. Noch ist die Documenta 12 nicht eröffnet, aber sie sind schon dabei, die Stadt zu erobern - als Teil eines ungewöhnlichen Kunstwerkes und als heimliche Stars.
Fast alle sind jung, gebildet und neugierig - und fotografieren, was ihnen vor die Kamera kommt. Wang Yang etwa hat in Peking Elektrotechnik studiert, ist jetzt Popsänger und lichtet grade eine Kasseler Mutter mit Kleinkind ab. Weil das Mädchen so einen lustigen Sonnenhut auf dem Kopf hat.
Xing Rui, eine junge Frau in Jeans und T-Shirt und mit rot gemalten Lippen, arbeitet an der Uni in Peking. Jetzt sitzt sie auf einer Bank und fotografiert die alte Zeltfabrik, in der sie eine Woche lang wohnen wird. Und die Häuser gegenüber. Und den Papierkorb. Und den Hund des Sicherheitsmannes, der einen schwarzen Umhang mit der Aufschrift "Security" trägt. Alles ist fotografierenswert. Am liebsten aber mag sie Hunde und Katzen: "Die sehen in Deutschland ganz anders aus als in China." Am Arm trägt Xing Rui einen neongrünen USB-Stick. Darauf speichert sie ihre Fotos. Am Ende der Reise wird sie den Stick dem Künstler Ai Weiwei übergeben, genau wie alle anderen 1001 Chinesen. Der wird die Bilder sammeln und dokumentieren.
"Fairytale" nennt Ai Weiwei seine Arbeit: "Märchen". Und ein Märchen ist es wirklich, nicht nur für die Chinesen, die ausnahmslos zum ersten Mal in Deutschland sind und sich die Reise allein niemals hätten leisten könnten. Auch für Ai Weiwei, der völlig überrascht wurde von der unkomplizierten Zusammenarbeit mit den deutschen Behörden. "Ich bin so beeindruckt", sagt er.

Er ist dafür verantwortlich, dass 1.001 Chinesen sich in Kassel wohlfühlen: der Künstler Ai Weiwei© Thomas Lohnes/DDP
Der schwere Mann mit dem Ziegenbart ist in China ein Star. Einer, der mit seiner Kunst aneckte, das Land verließ, zwölf Jahre in den USA arbeitete und seit 1993 wieder in China lebt. Dort gilt er inzwischen als einer der mächtigsten Männer des Kulturbetriebes, berät Kunstsammler, Galeristen und Architekten. Zusammen mit den Baseler Architekten Herzog & de Meuron (Allianz Arena München, Elbphilharmonie Hamburg) baut er gerade das neue Olympiastadion in Peking.
Als er von documenta-Chef Roger Buergel nach Kassel eingeladen wurde, beschloss er, nicht allein zu kommen, sondern noch 1000 weitere Chinesen mitzubringen. Sie sollten die Chance bekommen, Neues zu erfahren - ganz im Sinne des Bildungsideals, das die Documenta 12 propagiert.
Die Auserwählten fand Ai Weiwei über seinen Blog im Internet: blog.sina.com.cn/aiweiwei. Zwei Tage nachdem er den Aufruf gestartet hatte, hatten sich schon mehr als 1000 Leute gemeldet, die mitfahren wollten, am Ende waren es über 3000, die gern mitfahren wollten, und Ai Weiwei musste per Fragebogen die geeigneten aussuchen. Die meisten sind Studenten, Künstler, Architekten, Designer, Leute, die mit dem Internet vertraut sind. Aber einige von ihnen haben auch ihre Eltern, Onkels und Tanten mitgebracht. Familie Wu wird Ende Juni sogar mit 19 Personen kommen. "Jeder sollte das Recht zum Reisen haben", findet Ai Weiwei, "auch einfache Leute vom Land. Aber viele haben nicht mal Pässe, kein Geld, keine Chance."
Es ist das teuerste Documenta-Projekt, das es jemals gab. 3,1 Millionen Euro kostet es, die 1001 Chinesen nach Kassel zu bringen. Jeweils 200 kommen gleichzeitig und bleiben eine Woche, dann werden sie von der nächsten Gruppe abgelöst. Die Kosten tragen zwei Schweizer Stiftungen, die Ai Weiweis Galerist Urs Meile aus Luzern aufgetrieben hat. Erhoffter Nebeneffekt: Wenn der Künstler auf der documenta erfolgreich ist, dann steigt auch sein Marktwert und die Galerie kann das Geld wieder zurückzahlen.