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Das Herzklopfen fehlt

Mit dem Google Art Project können wir inzwischen durch 151 Museen der Welt spazieren und 30.000 Kunstwerke bestaunen. Aber wollen wir das überhaupt?

Von Anja Lösel

So intensiv hat der Dame wohl noch keiner in die Augen gesehen, die da gelangweilt im Wintergarten sitzt. Schöne, große, blaugraue Augen hat sie. Aber was ist das? Auf der Braue sind winzige Risse zu sehen, und im Zentrum des Auges kleine Löcher und Poren. Wir befinden uns mitten in einem hoch vergrößerten Bild des Malers Edouard Manet. Und dass wir so genau hingucken können und jede Pore, jeden noch so winzigen Pinselstrich erkennen können, ist einer Zusammenarbeit von Google mit der Neuen Nationalgalerie in Berlin zu verdanken.

Vor einem Jahr hatte alles in Deutschland begonnen. Seitdem zählte das Google Art Project 20 Millionen Klicks. 151 Museen auf der ganzen Welt machen inzwischen mit. Sie alle ließen Googles Street-View-Fahrzeuge in ihre Häuser, um Spaziergänge durch die Kunstsäle zu filmen. Insgesamt 30.000 Gemälde, Zeichnungen, Fotos und Skulpturen sind bereits online. Einzelne, wie Manets Dame im Wintergarten, wurden mithilfe von "Giga Pixel" in sieben Milliarden Pixel aufgelöst, sie sind nun extrem gut in jedem Detail zu sehen.

Für wen?

Schön. Aber wollen wir das überhaupt? Und wem soll das Ganze dienen? Schwer zu sagen.

Wissenschaftlern

, die ein Gemälde ganz genau ansehen wollen? Ja. Können sie aber nur bei einigen wenigen Bildern, bisher einem pro Museum.

Touristen

, die eine Reise planen und gucken wollen, ob die Berliner Museumsinsel sich lohnt? Die sind womöglich mit der Webseite der Museen besser bedient, weil die auch Öffnungszeiten und Sonderausstellungen anzeigt.

Menschen, die nicht reisen können

und per "Indoor Street View Technology" durch den Louvre wandern wollen? Ja, für die ist das ist sinnvoll. Aber wie auch bei Google Street View stolpert man ruckelnd durch die Säle, hat Probleme mit der Orientierung und muss enttäuscht erkennen, dass so manches Kunstwerk verpixelt ist. Ja, tatsächlich, das gibt es auch im Museum. Denn Bilder von Künstlern, die noch nicht mindestens 70 Jahre tot sind oder die nicht die Rechte an ihren Werken freigegeben haben, dürfen nicht gezeigt werden. Und das sind viele. Manches auf der Seite ist zudem noch unausgegoren, das macht die Klickerei mühsam. Die Künstler etwa sind nach Vornamen geordnet, sodass man sich durch Dutzende von Edwards, Eduards und Eduardos arbeiten muss, nur um am Ende festzustellen, dass Edouard Manet nicht aufgelistet ist. Obwohl doch sein Gemälde "Der Wintergarten" als "Giga Pixel" Bild aufbereitet ist.

Was wenn?

Egal. Michael Eissenhauer, Generaldirektor der Staatlichen Museen von Berlin, schwärmt von der "Win-Win-Situation", mit der sowohl Google wie auch die Museen "sehr zufrieden" seien. Geld sei keins geflossen, "von uns kommen Inhalt und Texte, Google bringt die Technologie". Man hat "verbindlich verabredet", dass die Bilder nicht runtergeladen und vermarktet werden können. Und dass es keine Werbung auf den Art-Project-Seiten geben darf. Ein Non-Profit-Projekt also, edel und schön. Wenn das mal gut geht.

Was, wenn Google die Kultur doch nicht so uneigennützig fördert, wie Google-Mann Wieland Holfelder behauptet? Und was, wenn Google irgendwann verkauft wird und ein neuer Besitzer ganz andere Dinge mit der Kunst vor hat?

"Man kann nie nie sagen", gibt Dirk Burghardt zu, der kaufmännische Direktor der Staatlichen Kunstsammlungen Dresden. Die Museen haben sich für diesen Fall ein "Sonderkündigungsrecht" gesichert. "Oder eine Beteiligung", fügt Burghardt hinzu.

Sieben Millionen Pixel

Ein schales Gefühl bleibt zurück. Verkaufen die Museen sich für einen unterhaltsamen Gag? Was bekommen sie dafür, dass sie großzügig ihre Schätze zur Verfügung stellen? Es mag ja für den Nutzer ganz nett sein, einen virtuellen Spaziergang durchs Museum zu machen, hier die Sixtinische Madonna, dort einen Manet und da einen Rubens anzuklicken. Aber nach der virtuellen Tour hat man das Gefühl, alles gesehen zu haben. Besuch vor dem Original? Och nöö, zu mühsam, muss nicht sein.

So wird es nicht kommen, glaubt Michael Eissenhauer: "Ein Autofilm ersetzt ja auch nicht das Autofahren." Er hat keine Angst vor Besucherschwund. Im Gegenteil: "Es geht nichts über den tatsächlichen Besuch." Wer der Dame im Wintergarten an Ort und Stelle in die Augen schauen darf, wird das Herzklopfen spüren. Da können auch sieben Millionen Pixel nicht mithalten.

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