Eric Fischl malte Nackte. Damit wurde er zum Star - bis eine Skulptur ihm Zorn und Verachtung der New Yorker Kunstszene bescherte. Zu Unrecht, findet er. Nun versucht der gekränkte Maler mit neuen Bildern an den alten Erfolg anzuknüpfen. Von Anja Lösel

Mit dem neuen Thema "Stierkampf" versucht Eric Fischl wieder an seinen alten Erfolg anzuknüpfen© Courtesy: Eric Fischl and Jablonka Galerie Cologne/Berlin
Zuerst malte er Nackte - einen Jungen, der sich im Schwimmbad selbst befriedigt. Eine Frau, die auf dem Bett liegt und sich zwischen die Beine blicken lässt. Einen Mann, der in zweideutiger Umarmung mit einem Kind auf der Terrasse liegt. Nackte, immer wieder Nackte.
Eric Fischl, heute 60, wurde mit solchen Bildern zum Star, sein amerikanisches Publikum war schockiert und fasziniert zugleich. "Wohlkalkulierte Skandale" warfen ihm seine Gegner vor. Er selbst sprach vom Schock, als er zum ersten Mal Nacktbadende sah, in Europa natürlich, in den USA wäre das undenkbar gewesen. "Nacktheit ist in Amerika gefährlich. Deshalb sind meine Bilder hier von besonderer Schärfe, schockieren und überwältigen die Leute", sagte Fischl damals.
Dann aber, nach dem 11. September, erlebte Eric Fischl nicht mehr nur Anfeindungen, sondern blanken Hass. Dabei hatte er es doch nur gut gemeint. Er ließ eine stürzende Frau aus Bronze gießen und platzierte sie vor dem Rockefeller Center, mitten in New York. Sie erinnerte an die verzweifelten Menschen, die aus den brennenden Türmen des World Trade Center in den Tod gesprungen waren. Es war Fischls Art, mit dem Tod von über 3000 Menschen umzugehen. Aber die New Yorker mochten das gar nicht. Sie fanden die Figur zu direkt, zu schonungslos, zu unsensibel, deckten sie sogar mit einer Plane zu, weil sie nicht ertragen konnten, dass ihnen einer den Tod so direkt vor Augen führte. Ein Knacks für Fischls Seele - so ganz hat er immer noch nicht überwunden, dass die New Yorker ihn so grob zurückgestoßen haben. Ihn, der einst Darling der Sammler war, geliebt, gefürchtet, hoch bezahlt. Noch heute kosten seine Gemälde zwischen 600.000 und 1,2 Millionen Dollar. Ein stolzer Preis in Zeiten der Krise, die auch den Kunstmarkt erfasst hat.
Jetzt sitzt er in Berlin, wo er seine neuen Bilder vorstellt: alle zum Thema Stierkampf. Bleich ist er und grauhaarig, mit seinem zerknautschten Jackett wirkt er etwas deplatziert in der schicken Jablonka Galerie.
Fischl spricht über Schmach und Demütigung, die immer noch an seinem Selbstbewusstsein nagen. "Meine Figur ist gar keine Stürzende, sondern eine Taumelnde", sagt er. "Mir ging es um das Land selbst, um Amerika, das ja nach dem 11. September auch taumelte und keine Kontrolle mehr hatte über seine Emotionen." Aber so wollte das keiner sehen. Man machte ihm den Vorwurf, dass er mit dieser Figur seine Karriere voranbringen wollte. "Das hat mich sehr verletzt", sagt Fischl. Er glaubt: "Die Leute hatten Angst, sich mit den tatsächlichen Toten auseinander zu setzen. Es gab ja über 3000 Vermisste, aber keine Leichen. Deshalb sprachen alle immer nur von den zerstörten Gebäuden, die Twin Towers waren zum Symbol für den Verlust geworden."
Immer wieder hat Fischl sich mit Gewalt, Chaos, Verzweiflung beschäftigt: Mit dem 11. September, mit den Verwüstungen des Hurrikans Katrina, mit den Kriegen in Afghanistan und im Irak.
Sein Berliner Galerist Rafael Jablonka brachte ihn dann zum Stierkampf. Eines Tages nahm er ihn einfach mit nach Andalusien, in die Arena von Ronda. "Bisher hatte ich keine Meinung zum Stierkampf", sagt Fischl. "Aber dort hat es mich gepackt." Und weil "Malerei die einzige Art ist, mir und meinem Leben eine Ordnung zu geben", malt er nun Stiere und Toreros. Und begibt sich in eine Traditionslinie mit Goya, Manet und Picasso. Vermessen? Kann schon sein.
Grausam? Nein, das nicht. "Das Ritual des Stierkampfes ist schön", findet Fischl. "Die Spanier feiert so den symbolischen Übergang eines Jungen zum Mann. Für die Gesellschaft ist es wichtig, solche Rituale zu haben. Ich war sehr davon bewegt, auch weil der Stier völlig unfähig ist zu begreifen, was da mit ihm geschieht. Das ist eine Tragödie wie das Leben selbst. Eine große, existenzielle Sache." Tierquälerei? "Viel schlimmer und brutaler als Stierkämpfe finde ich, wie Tiere zum Schlachthof transportiert werden. Oder wie Hühner in Legebatterien gehalten werden, viel zu eng und bewegungsunfähig", sag Fischl. "Der Stier dagegen wird geehrt und respektiert." In Amerika, das hat er selbst mit seiner "Taumelnden" erfahren, kann man mit dem Tod nicht umgehen. "Wir wollen tote Körper nicht sehen. Wir können auch nicht altern. Unsere Senioren tun alles, um nicht alt auszusehen - und wirken mit ihren Schönheitsoperationen und der Schminke wie junge Monster." Könnte er denn töten? "Ich hoffe ja: Wenn es nicht anderes geht, wenn ich selbst oder jemand aus meiner Familie bedroht wäre. Aber ich könnte niemals töten, nur um meine Männlichkeit zu beweisen." Die Toreros müssen genau das tun. Im Stierkampf, den sie mit sehr weiblichen, blumenbestickten Kostümen antreten, "werden sie vom Jungen zum "richtigen" Mann: Sie lernen, zu töten!"

Udo Brandhorst ist ein leidenschaftlicher Sammler von Fischls Werken und widmete ihm einen ganzen Raum im neuen Museum© Oliver Lang/ddp
Ungefähr sieben Bilder pro Jahr schafft Eric Fischl. Aber im Augenblick ist es nicht leicht, sie zu verkaufen. "Die Reichen halten ihr Geld fest, bis die Krise den Tiefpunkt erreicht hat. Erst dann können sie sehen, ob sie immer noch reich sind. Alle haben Angst." Immerhin: Udo Brandhorst war hier, der Stifter des neuen Museums auf dem Areal der Münchner Pinakotheken. "Er hat schon fünf Bilder von mir", sagt Fischl. "Vielleicht kauft er noch eins für seine Sammlung." Wenn er seine Stierkampf-Bilder hier in Berlin an der Wand hängen sieht, ist Eric Fischl so bewegt, als säße er in der Arena. Eines berührt ihn so stark, dass er sich abwenden muss: ein sterbender Bulle, grade tödlich getroffen, ist in die Knie gegangen. Schmerzerfüllt blickt er den Torero an. Der zeigt ihm den Rücken, dreht sich nicht mal mehr um nach dem verwundeten Tier. Sein Werk ist getan. Nun kann er zu neuen Taten schreiten. Berlin, "Jablonka Galerie" , bis 15. Juli
Der Amerikanische Realismus Der amerikanische Maler, Grafiker und Bildhauer Eric Fischl wurde 1948 geboren und ist vor allem durch seine Hinwendung zum "Amerikanischen Realismus" bekannt geworden. Entgegen der Avantgarde ist er der gegenständlichen Malerei treu geblieben und arbeitet mit einer kräftigen und grellen Farbpalette. Während seine Frühwerke von Aktmodellen und Stradszenen bestimmt sind, wandte er sich später mit der Werkreihe "Ten Breath" den Terroranschlägen des 11. Septembers zu.