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29. Januar 2009, 10:20 Uhr
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"Keller Soap" empört Österreich

Kunst oder Krawall - noch bevor Josef Fritzl vor Gericht steht, bringt der Wiener Theatermacher und Provokateur Hubsi Kramar eine Satire über den Inzest-Fall auf die Bühne. Am 23. Februar soll "Pension Fritzl" in Wien Premiere feiern. Durch die Alpenrepublik geht ein Aufschrei der Entrüstung. Von Thomas Soltau

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Theatermacher und Schauspieler Hubsi Kramar will "Pension Fritzl" in Wien auf die Bühne bringen - Empörung ist ihm gewiss© Thomas Reisinger/DPA

Österreicher kennen wir zumeist als besonnenes, kaum aus der Ruhe zu bringendes Völkchen. Momentan jedoch treibt ein Mann mit dem harmlosen Namen Hubert "Hubsi" Kramar einigen unserer Nachbarn die Zornesröte ins Gesicht. Der Schauspieler und leidenschaftliche Aktionist will einen Fall auf die Bühne bringen, den die Österreicher lieber ganz unter den Teppich kehren würden: die Taten des Josef Fritzl. Der 74-Jährige sperrte seine Tochter 24 Jahre im niederösterreichischen Amstetten in einen Keller, vergewaltigte sie dort immer wieder und zeugte dabei sieben Kinder. Demnächst muss sich Fritzl für seine Verbrechen vor Gericht verantworten. Obwohl das Theaterstück noch gar nicht geschrieben ist, hat die bloße Ankündigung bereits für Furore gesorgt

"Alles, was Sie immer schon über die Fritzls wissen wollten", steht provokant auf der Website des Wiener 3raum Anatomietheater, in dem das Stück laufen soll. Nicht nur der geständige Inzest-Täter soll Ziel der Satire werden. "Im Keller unterm Teppich: Tiefer geht's nicht mehr: Einfach Nieder-Österreich", heißt es im Untertitel des Stücks, Regisseur Hubsi Kramar verspricht eine bissige Abrechnung mit der österreichischen Gesellschaft, den Medien und ein Wiedersehen mit den "bekanntesten und beliebtesten Österreichern". Näheres gab das Theater bis vor kurzem nicht über die makabre Seifenoper bekannt. Passend dazu weilte Regisseur und Hauptdarsteller Kramer länger im Ausland - für Anfragen nicht erreichbar. Das schürte die Neugier und das Interesse der Medien erst Recht.

Erfolg in "Schindlers Liste", Aufsehen durch Provokation

Die Frage lautet: Ist das nun kalkulierte Provokation oder Kunst eines Querkopfes? Kramar eckte angeblich schon in frühester Kindheit an. Er soll den Kindergarten in seiner Heimatstadt Scheibbs genau drei Tage besucht haben, bevor er ging. Später änderte sich an seiner Verachtung von autoritären Systemen nicht viel. Nach dem Besuch des Reinhardt-Seminars in Wien sowie der Film- und Musikhochschule und seinem Abschluss-Diplom in Harvard für kulturelles Management begann er seine Karriere als Schauspieler am Burgtheater. Auch auf den Bühnen renommierter Theater in Deutschland hielt er es nur einen Augenblick aus. Immer wieder verweigerte sich Hubsi Kramar dem etablierten Kunstbetrieb. Der linksliberale Künstler fühlte sich in seiner freien Meinungsäußerung viel zu oft behindert.

Filmrollen wie etwa die in "Schindlers Liste" ermöglichten es ihm, seine freien Theaterprojekte und Aktionen zu verwirklichen. Er gründete 1980 die Theatergruppe "SHOWinisten" und 1996 das Residenztheater im Museumsquartier. Der 60-Jährige verschaffte in einer späteren Aktion Obdachlosen deren ersten Urlaub am Meer.

Als Adolf Hitler auf den Opernball

Im Jahre 2000 gelingt ihm wohl der spektakulärste Auftritt: Im Zuge einer Protestaktion gegen die konservative Regierung wollte Kramar als Adolf Hitler kostümiert den Opernball besuchen. Dabei wurde er schließlich von der Polizei festgenommen. Seit drei Jahren leitet der Schauspieler das "3raum Anatomietheater" im dritten Wiener Gemeindebezirk. Neben Aufführungen laufen hier auch Performances, Konzerte, Filme, Feste und Literaturvorstellungen. Und im Februar nun "Pension Fritzl".

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Das Interesse der Medien in Wien an Hubsi Kramar ist riesig, seit er "Pension Fritzl" angekündigt hat© Herwig Prammer/Reuters

Wie immer bei politisch brisanten Themen lässt das gesellschaftliche Echo nicht lange auf sich warten. Ganz vorne an der Empörungsfront kämpft, wie so häufig, der rechtsorientierte Landtagsabgeordnete und Kultursprecher der FPÖ-Wien, Gerald Ebinger. Es handele sich um einen "unglaublichen Skandal, der nach harten Konsequenzen ruft", schimpft Ebinger. "Kramar", so der Abgeordnete, "möchte durch sein unappetitliches Schauspiel nicht nur die Amstettnerinnen und Amstettner verunsichern und verärgern, sondern hat offenbar auch vor, dem österreichischen Volk einen unbeschreiblich großen Schaden im Ausland zuzufügen", erklärt er in einer Pressemitteilung. Als notwendige Konsequenz verlangt Ebinger sogar die Schließung des Theaters. Ins gleiche Horn bläst der Rechtspopulist Michael Tscharnutter, der die sofortige Einstellung der Subventionen seines Theater von jährlich angeblich 150.000 Euro fordert.

"Satire stößt an moralische Grenze"

Immerhin reagiert der unter Dauerfeuer geratene Künstler zumindest auf die verbalen Attacken aus der rechten Ecke mit gewohnter Kampfeslust. Empörte Medienreaktionen akzeptiert er nicht: "Kennen die meine Arbeit? Sie haben keine Zeile und keine Szene gesehen und fallen über mich her, weil sie wissen, dass es eigentlich um sie selber geht. Sie haben durch ihre Berichterstattung die Opfer verhöhnt und damit Geld gemacht", holt Kramar zum Gegenschlag aus. Dennoch dürfte der Verweis auf Gesellschaftskritik allein für "Pension Fritzl" wohl kein Freibrief sein. Für Amstettens Bürgermeister Herbert Katzengruber jedenfalls steht Kramar mit seiner "Keller-Soap" auf glitschigem Untergrund: "Diesem Fall liegt unsagbares Leid zugrunde. Da stößt Satire an eine moralische Grenze", wie er in einem Interview betonte.

Dabei sind unsere Nachbarn durch den großen Thomas Bernhard doch in Skandalen reichlich geschult. Seine bitterbösen Texte lösten in schöner Regelmäßigkeit Debatten aus, die in Forderungen nach Aufführungsverbot und Ausbürgerung des Schriftstellers mündeten. "Vaterlandsverräter" und "Nestbeschmutzer" waren noch die harmlosesten Beschimpfungen für den großen Künstler. Krawall reloaded: Vor zehn Jahren wurde Thomas Bernhards "Heldenplatz" im Burgtheater aufgeführt. Damals tobten die Massen vor dem Theater, sogar eine Fuhre Mist wurde ausgeleert. Keiner kannte das Stück, aber die Medien hauten munter drauf. In die Fußstapfen, des Genies und Brandstifters Bernhards versucht offensichtlich der Wiener Theatermann Hubsi Kramar zu treten.

Tabus der Gesellschaft aufbrechen

Um die Wogen zu glätten, gab es in Wien nun eine kurze Pressekonferenz, die aufgrund von Gewaltdrohungen gegen Kramar gar unter Polizeischutz stattfand. Die Familie F. käme aus aus Pietätsgründen gar nicht vor, erklärt der Wiener. Vielmehr gehe es um den F. in uns, um die Ursachen. Inzest, Gewalt in den Familien gehören zu den größten Tabus unserer Gesellschaft. Die Opfer werden stets hinter einer Mauer des Schweigens versteckt, das ist Teil der patriarchalen Gesellschaft. Genau darüber mache er ein Stück.

Einst steht fest: Der Skandal wir vermutlich länger im Gedächtnis blieben als das Stück. Die Emotionen, die man sich bei der ausverkaufte Premiere gewünscht hätte, wurden wohl schon im Vorwege verfeuert. Früher oder später wird der Fall Fritzl leztlich in allen medialen Formen erscheinen. Josef Fritzl selbst hat noch vor kurzem erfolglos versucht, seine Vernehmungsprotokolle für vier Millionen Euro zu verkaufen. Es ist also nur eine Frage der Zeit, wann TV-Dokus und Kinofilme laufen werden. Jetzt kommt ein Theaterstück auf die Bühnen, das mit Sicherheit vor allem eines wird: polarisieren.

Von Thomas Soltau
KOMMENTARE (10 von 20)
 
sciing (30.01.2009, 23:48 Uhr)
Hellseherei und Leseschwäche
Wow wieviele Hellseher es hier gibt. Die kennen das Stück schon bevor es aufgeführt worde. Und das in dem Stück die Familie Fritzl nicht mal vorkommt, wie es im Text steht haben unsere Hellseher dafür überlesen. Nur weil ein paar Hinterwäldeler-Nazis einen Skandal beschwören, muss es noch lange keiner sein. Seit wann sind FPÖ-Fatzken Euer Masstab??
Gruß S.
sportartmakler (29.01.2009, 10:33 Uhr)
@zuechter
die täter zu entlarven? dieses stück, sofern es aufgeführt wird, wird NULL dazu beitragen.
kann auch nicht die kommentare verstehen die den zeigefinger auf die gesellschaft richten und fragen warums keiner bemerkt hat. eine verurteilung aller ist nicht gerecht. zumal der täter ja auch nicht damit hausieren geht und in den meisten fällen als unauffälliger oder sogar beliebten typen bezeichnet wird. dieses theaterstück oder die auseinandersetzung mit dem thema wird niemanden mehr sensibilisieren und täter entdecken helfen.
Zuechter (29.01.2009, 06:21 Uhr)
worum geht es?
danke Blacky und corazito
es geht hier nicht darum die Opfer zu demütigen, sondern die Täter unter uns zu entlarven.
Corazito3333 (28.01.2009, 22:39 Uhr)
Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß
Mein Großvater erzählte mir einst...in Dachau schien es immer zu "schneien", nur es war kein Schnee...es war Asche und keiner wußte was, niemand hatte ein Ahnung!!! Mein Mann hatte mal eine Anzeige bekommen, da er um 5.00 früh eine Mülltüte in den Container des Nachbarhauses warf?????
Blacky007 (28.01.2009, 20:35 Uhr)
Höchst kontroverses Thema
Aus Sicht der Opfer ist es wohl eher zu verabscheuen. Betrachtet man es jedoch als eine Art "Spiegel, den er der Zivilisation vorhält" dann hat es wiederum etwas Sinniges. Wie kann es sein, dass über all die Jahre absoult NIEMAND!?!? etwas gehört, gesehen oder wenigstens vermutet hat. Streift man beim Einparken nur mal leicht die Stoßstange eines abgestellten Fahrzeuges, ist sicher ganz schnell einer zur Stelle oder schaut aus dem Fenster, der einen belehrt oder sich das Kennzeichen notiert.
bobbels-mama (28.01.2009, 19:10 Uhr)
Martyrium als Satire
Bei der Vorstellung jemand würde mein 5 Jahre dauerndes Martyrium ohne mein Wissen und Einverständnis als Satire benutzen, ich kann gar nicht sagen was ich da gleichzeitig empfinde, alles nur keine Zustimmung.
Und als Vergleich in diesem Fall für "Freiheit von Kunst und Satire" die Mohamed-Karikaturen heranziehen? Das eine betrifft Überzeugung, das andere unsagbare Qualen,Demütigung und Leiden.
Corazito3333 (28.01.2009, 19:05 Uhr)
Super, danke!!!
Keiner hat was bemerkt, keiner Verdacht geschöpft......wie gehabt!!! Eine Satire daraus machen, den Leuten einen Spiegel vors Gesicht, super....nur so kann sich die Feigheit des einzelnen vielleicht ändern!!! Der Fritzl mußte Unmengen von Lebensmitteln, Baumaterial für das Gefängnis ranschaffen...keiner hat was gesehen oder Verdacht geschöpft?????????
botoxia (28.01.2009, 17:33 Uhr)
9 mal Kramar, 4 mal Kramer
Wie heißt denn der Mann nun. Mehr Sorgfalt beim redigieren, bitte.
sportartmakler (28.01.2009, 15:28 Uhr)
@bustee - lustig
leute die das geschmacklos finden sind also dumm und wer die satire zu schätzen weiß hat einen erweiterten horizont? diese einstellung ist zumindest ein hinweis wo deiner endet.
sotospeak (28.01.2009, 14:57 Uhr)
Das trifft die Leute wohl ...
... an einem empfindlichen Nerv. Das wäre hier in Deutschland auch so, nicht nur in Österreich. Sensationsgier und Schaulust und die Faszination am Perversen beim Fall Fritzl. Aber wenn es satirisch und gesellschaftskritisch verarbeitet wird, dann ekelt man sich. Das ist dann ganz klar der Ekel den die Leute vor sich selber haben. Danke an den Künstler diese Heuchelei aufgedeckt zu haben.
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