Die Steuereinnahmen brechen als Folge Finanzkrise ein - mit unmittelbaren Konsequenzen für die Kultur im Lande. Weil die Kommunen pleite sind, soll in Städten wie Köln 30 Prozent des Kulturetats eingespart werden. Privates Sponsoring wird in Zukunft immer wichtiger. Doch was ist der Preis? Von Anja Lösel

Schwere Zeiten für die Kultur: Staatsminister Bernd Neumann mit Nofretete und Bundeskanzlerin Angela Merkel© AP
Denkt vielleicht mal einer an die Kultur? Klar, Kündigungen und Arbeitslosigkeit sind schlimmer als ein geschlossenes Theater, ein nicht gebautes Museum oder ein ausgefallenes Konzert. Aber wenn es so weiter geht, dann könnte es schlimm werden mit der Kultur in den Städten. Denn seit der Finanzkrise gibt es rund 15 Prozent weniger Gewerbesteuer-Einnahmen und immer größere Löcher in den Kassen. Dazu kommen noch die versprochenen Steuersenkungen der Regierung. Der Kultur wird es also unweigerlich an den Kragen gehen.
Wie jetzt in Berlin. Grade musste Bürgermeister Wowereit (SPD), der gleichzeitig Kultursenator ist, sein Lieblings- und Renommierprojekt begrabe: Er bekommt erst mal keine neue Kunsthalle. So gern er sich damit auch geschmückt hätte. Kein Geld.
Und so geht es nicht nur der Hauptstadt. Olaf Zimmermann vom Deutschen Kulturrat nennt das, was da auf deutsche Städte und Gemeinden zurast, einen "Spar-Tsunami" und prophezeit: "Jetzt kommt das große Weinen in den Kommunen."
Erst am Dienstag wies Kulturstaatsminister Bernd Neumann in seiner Rede im Deutschen Bundestag auf die Dringlichkeit des Problems hin: "Aus einigen Kommunen in Deutschland sind seit ein paar Wochen alarmierende Nachrichten über massive Streichungsabsichten im Bereich der Kultur in Größenordnungen von zehn Prozent und zum Teil mehr zu hören." Neumann weiter: "Der Anteil der Kultur an den Etats in Ländern und Kommunen beträgt im Mittelwert 1,9 Prozent. Mit Sparmaßnahmen in diesem Bereich saniert man keine Haushalte. Und ich appelliere deshalb an alle: Schonen wir die Kultur!" Die möglichen Einsparsummen, so Neumann, stünden "in keinem Verhältnis zu dem kulturellen Flurschaden, den man anrichten würde."
39 Oberbürgermeister von Städten mit mehr als 100.000 Einwohner hat der Deutsche Kulturrat befragt - von Bremen über Cottbus, Köln, Ingolstadt, Jena, Kassel, München, Potsdam bis zu Regensburg und Wolfsburg. Und kam zu traurigen Ergebnissen.
In Köln etwa sollen 30 Prozent des Kulturetats eingespart werden. "Ein Kahlschlag", so Zimmermann. Andreas Bausewein, Oberbürgermeister in Erfurt, beklagt für 2010 "ein Haushaltsloch von mindestens 60 Millionen Euro - verursacht insbesondere durch rückläufige Steuereinnahmen." Deshalb wird es "teils erhebliche Einschnitte bei den städtischen Kulturausgaben geben".
Frank Szymanski, Oberbürgermeister von Cottbus, ist "zur Auseinandersetzung mit einem fortgesetzten strukturellen Defizit des Kommunalhaushaltes" gezwungen, unter dem die "kommunale Kulturarbeit" besonders leidet. 20 Prozent der Stellen sollen dort bis 2015 abgebaut werden.
Am besten bringt es Helmut Himmelsbach, Oberbürgermeister von Heilbronn, auf den Punkt. Während er sich 2009 über einen Rekordhaushalt freuen durfte und Geld in Schulen, Kindergärten und Straßenbau investierte, blickt er heute "erschocken auf ein 100-Millionen-Euro-Finanzloch, das sich im Stadtsäckel bis 2011 auftut". Er fürchtet "eine Verdoppelung der Schulden in den beiden nächsten Jahren". Was tun? Freibäder schließen, Theateretats kürzen, Museumsgelder streichen? Eigentlich will das keiner, und so hofft Himmelsbach auf private Gelder.