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Rauchen, Sporteln und Monokeln

Paillettenkleid, Federboa, lange Perlenkette und Glockenhut. Mit diesem modischen Stereotyp verbindet man gemeinhin die Zwanziger Jahre. Dass die Epoche aber weit mehr hervorgebracht hat, zeigt die Ausstellung "Les années folles" im Pariser Modemuseum.

Von Iris Hartl

Die für die Zwanziger Jahre typische Mode war nicht einfach nur ein neuer Kleidungsstil. Sie war Teil einer sozialen Revolution. Die neu entwickelten Modelle befreiten den weiblichen Körper und verliehen so der einsetzenden Emanzipation modisch Ausdruck. Die Frau der Zwanziger war unabhängig, dynamisch und selbstbewusst. Sie ging aus, fuhr Auto, rauchte und trieb Sport. Dieser neue weibliche Lebensstil war Teil einer Gesellschaft, die schnell und intensiv lebte, zumindest diejenigen, die es sich leisten konnten.

Ein neues weibliches Lebensgefühl

Nach den Schrecken des Ersten Weltkrieges wollte man das Leben in vollen Zügen genießen, Spaß haben, frei sein und die Welt entdecken. Genau dieses neue weibliche Lebensgefühl versucht die Ausstellung "Les années folles" wieder aufleben zu lassen. Die Palette reicht dabei von der Abendkleidung bis zur Sportmode, vom Glockenhut bis zur Fliegermütze, vom Lippenstift mit Schiebetechnik bis hin zum ersten Unisex-Parfum. Die Exponate zeigen, wie stark die Zwanziger Jahre verschiedene Epochen und Stile in sich vereinten. Die Modeschöpfer spielten mit Motiven aus dem Mittelalter, der Renaissance oder dem Orient. Der Kreativität waren keine Grenzen gesetzt, solange die Sachen bequem zu tragen war.

Die Ausstellung behandelt die Zeit zwischen 1919 und 1929, also die Ära von Coco Chanel, Jeanne Lanvin oder Jean Patou. Bereits der erste Teil, der dem Thema Tanz gewidmet ist, überrascht durch die zerbrechlich wirkende Schönheit der Abendroben. Die Originalstücke wurden mühevoll restauriert und sogar die Schaufensterpuppen stammen aus den Zwanziger Jahren. Die Roben zieren aufwendige Applikationen aus glitzerndem Strass, bunten Pailletten oder Arabeskenstickereien. Farblich stechen vor allem Grün, Rosa und Gold hervor.

Tagsüber schlicht - abends mondän

Während die Dame der Zwanziger bei den Abendveranstaltungen auf das Maximum an Glamour setzte, kleidete sie sich tagsüber eher schlicht. Typisch waren Kleider aus fließender Seide sowie dem damals neu aufgekommenen Plissee (frz. "gefaltet"). Am beliebtesten war jedoch der Stoff Mousselin, dessen Name auf die irakische Stadt Mossul zurückgeht und der den Einfluss des Orients auf die Modeschöpfer widerspiegelt.

Sowohl die Tages- als auch die Abendkleider haben Eines gemeinsam: die weite und gerade geschnittene Form. Diese wurde Anfang des 20. Jahrhunderts von Paul Poiret (1879–1944) salonfähig gemacht. Der Pariser Modemacher war der Erste, der in Frankreich Kleider entwarf unter die frau kein Korsett tragen musste. Mit seinen für damalige Verhältnisse völlig ungewöhnlichen Kreationen sorgte er für großes Aufsehen, vor allem als er die so genannte "Haremshose", eine aus dem Bauchtanz bekannte Pluderhose, in die Gesellschaft einführen wollte. Trotz seiner Umstrittenheit – Coco Chanel nannte seinen Stil sogar "barbarisch" - war Poiret doch einer der Pioniere, die in Frankreich den Grundstein für den lockeren Stil der Zwanziger Jahre legten. Sowohl Tages- als auch Abendkleidung orientierten sich nun an praktischen Maßstäben. Statt eingeschnürt durch die Gegend zu laufen, konnte die französische Damenwelt endlich bequeme, weite Sachen tragen, ohne dabei etwas von ihrer Weiblichkeit und Eleganz einzubüßen.

Die Sportmode kommt auf

Dieser Trend zum Praktischen wird vor allem an einem weiteren Modephänomen der Zwanziger Jahre deutlich: der Sportmode. In den großen Kaufhäusern wurden erstmals Sportabteilungen eingerichtet. Für Frauen wurden Sporthosen zum Skifahren oder Reiten entworfen, die den Rock ersetzten. Besonders lustig sind die Badeanzüge aus Wolle. Selbst wenn das Material nicht gerade ideal fürs Wasser ist, so war es dennoch ein Fortschritt. Denn dank dieser Erfindung mussten die Frauen nicht mehr in voller Montur schwimmen. Zu Beginn der Zwanziger Jahre kam außerdem der Pyjama in Mode. Die edlen Modelle aus Seide konnte die Dame des Hauses tragen, wenn sie ein Diner unter Freunden bei sich ausrichtete.

Neben Glamour und Funktionalität setzten die Zwanziger noch auf einen dritten modischen Akzent: Männlichkeit. Der so genannte "Garçonne"-Stil war die markanteste Art Emanzipation durch Kleidung auszudrücken. Die typische "Garçonne" hatte eine zierlich androgyne Figur, kurze Haare und trug Rock oder Hose, Hemd mit Manschettenknöpfen, Fliege und Sakko mit maskulinem Schnitt. Nicht selten prangte auf dem Kopf der Anhängerinnen dieses Stils eine schwarze Melone. Die ganz Mutigen zwickten sich sogar ein Monokel ans Auge, ein Accessoire das eigentlich unter homosexuellen Männern verbreitet war.

Monokeln und neue Tänze

Der Monokel-Trend hat damals auch ein neues Wort hervorgebracht. Statt "ausgehen" sagten die "Garçonne"-Frauen "monokeln". Angesagt waren im Paris der Zwanziger Jahre vor allem die berüchtigten Nachtclubs bei Pigalle sowie die Bars La Rotonde oder Le Dôme im Montparnasse-Viertel, die immer noch existieren. Neue Tänze kamen auf wie der Foxtrott, der Shimmy und natürlich der Charleston. Josephine Bakers Tanzshow und die Jazz-Abende des Sängerpaares Mistinguett und Maurice Chevalier in den music-halls zogen die Menschen in Massen an. Die Highsociety, zu der Picasso, Max Jacob, Gertrude Stein oder Anna Gould gehörten, gaben ihr Geld in solchen Nächten mit vollen Händen aus.

Doch lange hielt der Spaß nicht an. Mit dem Zusammenbruch der New Yorker Börse und der daraus resultierenden Weltwirtschaftskrise fand die goldene Ära 1929 ein jähres Ende. Es folgten der Zweite Weltkrieg und für die Frauen ein erneuter Rückfall in Sachen Emanzipation. Ein trauriger Zufall ist die Tatsache, dass das Jahr des Börsenkrachs auch das Jahr war, in dem der französische Senat das Frauenwahlrecht ablehnte. Das Einzige, das jene Zeit der Befreiung überlebt hat, sind die modischen Maßstäbe. So blieb den Frauen immerhin die Rückkehr zum Korsett erspart.

Die Ausstellung "Les années folles 1919-1929" läuft noch bis zum 30. März 2008 im Pariser Musée Galliera, 10, avenue Pierre Ier de Serbie, 75116 Paris

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