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15. Juni 2006, 06:33 Uhr

"Kandinsky fiel ihr um den Hals"

Erstmals seit zehn Jahren sind wieder Frida-Kahlo-Werke in Deutschland zu sehen. Die Ausstellung in Hamburg soll zeigen, dass die bekannteste Künstlerin Lateinamerikas nicht nur aus ihrer eigenen Leidensgeschichte schöpfte, sondern andere Einflüsse verarbeitete. Von Kathrin Buchner

Frida Kahlo: Meine Amme und ich, 1937© Christoph Irrgang, Hamburg

Als Frida Kahlo ihre erste Einzelausstellung in 1939 in Paris hatte, schenkte ihr Picasso Ohrringe, ja selbst der sonst so zurückhaltende Kandinsky fiel ihr um den Hals. Doch viel wichtiger: Neben den Geschenke nahm die damals 32-jährige Künstlerin vor allem Anregungen und Ideen mit nach Hause. Schließlich entdeckte sie hier den Surrealismus.

Dass die exzentrische Mexikanerin mit dem markanten Damenbart und der traditionellen Hochsteckfriseur etliche Jahre außerhalb ihrer Heimat verbrachte und sich mit anderen Künstlern austauschte, wird gerne vergessen. "Der Mythos, Frida Kahlo habe ihre Werke abgeschottet in Mexiko gemalt, kann so nicht aufrechterhalten werden", sagt Dr. Ortrud Westheider, künstlerische Leiterin des Bucerius Kunstforum.

Kahlo künstlerisch auf der Höhe der Zeit

Schließlich hat die Kunsthistorikerin anhand von Biografien herausgefunden, wann Kahlo welche Künstler traf. Nach einem Unfall, bei dem sich eine Stahlstange durch Fridas Becken gebohrt hatte, war sie zwar gezwungen, immer wieder in einem Ganzkörpergips zu liegen. Doch das hielt die bekannteste Künstlerin Lateinamerikas nicht davon ab, Anfang der 30er Jahre mit ihrem frischgebackenen Ehemann Diego Rivera nach New York und Paris zu reisen, um das Werk zeitgenössischer Kollegen zu studieren. "Diese Ausstellung will zeigen, dass sie nicht nur aus der eigenen Leidensgeschichte schöpfte, sondern auf der Höhe der Zeit war", sagt Westheider.

Otto Dix, Max Ernst, George Grosz, René Margritte oder Max Beckmann - die europäische Avantgarde und besonders die deutschen Expressionisten und Dadaisten hatten es Frida Kahlo angetan. Schließlich stammte ihr Vater Wilhelm Kahlo, der in ihr auch die Liebe zur Malerei weckte, aus Deutschland. Und tatsächlich: Wer sich immer gewundert hat, warum Frida Kahlo in einem ihrer berühmtesten Werke "Die gebrochene Säule", was naheliegend als Verarbeitung des eigenen Unfalls gedeutet werden kann, die Wirbelsäule als antike Statue dargestellt hat, bekommt die Antwort in den daneben gehängten Werken. Herbert Lists "Transplantation" und Giorgio di Chiricos Zeichnung "Streitende Mannequins" zeigen, dass Künstler zu dieser Zeit das Motiv des aufgebrochenen menschlichen Körpers an die Stelle des antiken Torsos stellten.

Parallelen zu europäischer Kunst im direkten Vergleich

Auch wenn man Kahlos Bild über einen Frauenmord neben Schlichters Werk "Überfall im Bordell" von 1919 oder Dix' "Lustmord" hängen sieht, fallen durchaus Parallelen in Form und Thematik auf. Doch was bei den deutschen Expressionisten mehr als politischer Beitrag zur Dekadenz und Verwahrlosung während der Weimarer Republik zu sehen ist, spiegelt bei Frida Kahlo allgemein menschliche Tragödien wieder, als Parabel über Eros, Gewalt und Tod.

Stoff ist einzigartig, die Form ist beeinflusst

Denn mit Tragödien kannte sich Kahlo aus: Der Unfall, der sie ein Leben lang einschränkte, die Ehe mit dem Künstler Diego Rivera, der sie auch mit der eigenen Schwester betrog, die Wunsch nach Kinder, der nach diversen Fehlgeburten scheiterte - leidvolle Erfahrungen als Quelle der Inspiration für ihre Malerei gab es in Hülle und Fülle im Leben der exzentrischen Rebellin. Aber bei der künstlerischen Umsetzung in verstörenden Motivkombinationen oder Montagetechniken ließ sich die bedeutendste Künstlerin Lateinamerikas durchaus von Trends aus Europa beeinflussen - wie die Ausstellung im Bucerius Kunstforum eindrucksvoll beweist.

"Frida Kahlo" ist vom 15.6. bis zum 17.9. 2006 im Bucerius Kunstforum am Hamburger Rathausmarkt zu sehen. Mehr Infos gibt es unter www.buceriuskunstforum.de

Über die Künstlerin: Frida Kahlo war als Mensch wie auch als Künstlerin eine bemerkenswerte Person. Sie faszinierte und schockierte durch ihre Kunst, denn durch sie zeigte sie - oft mit einem sehr ausgeprägtem Autoexotismus und narzisstischer Beobachtungssucht - ihr wahres Leben. Ihre Bilder lesen sich wie eine Biografie und obwohl einige von ihnen fantastische und surrealistische Ansätze zeigen, löste sie sich nie ganz von der Wirklichkeit. Durch ihre Werke wies Frida auf ihr persönliches Leben hin, oft auf eine sehr eindringliche Weise. Das Motiv der Isolation bestimmt mehr als jedes andere das Werk Frida Kahlos: Viele ihrer Werke waren Selbstbildnisse, und auf die Frage des Kunstkritikers Antonio Rodriguez nach der Ursache für die große Anzahl ihrer Selbstdarstellungen gab Frida zu Antwort: "Ich male mich, weil ich so oft allein bin und weil ich mich auch am Besten kenne." Die Selbstbildnisse halfen ihr auch, ein Bild von sich selbst zu schaffen und in der Kunst wie im wahren Leben ihre eigene Person zu kreieren und so auch ihre Identität zu erschaffen. Frida Kahlo war sehr heimatbezogen und die Bildwelt, die ihre Werke erfüllt, geht vor allem auf die mexikansche Volkskunst und die präkolumbische Kultur zurück. Frieda Kahlo war ein ungemein lebenswilliger Mensch. Sie wusste ihr Leben zu leben, trotz unzähliger physischer und psychischer Leiden. Die Ehe mit Diego Rivera, einem sehr extravaganten und auch sehr politisch orientiertem Maler, glich einem großen exotischen Abenteuer, begleitet von Liebe, Streit, Leid und Trennung.

Trotz allem, erschien sie vielen immer lächelnd, verspielt und voller Leben. Sie war ein sehr energischer Mensch, voller Tatendrang, Leidenschaft und Humanität. Sie liebte die Menschen, die Natur und die Tiere. Oft bezog sie diese Motive auch in ihren Bildern, denn auch sie gaben Aufschluss über ihre Stimmung, Gedanken oder auch Geschehnisse. Durch viel Fantasie in ihren Bildern, versuchte sie mit der Realität fertig zu werden, sie aber nie aus den Augen zu lassen. Deshalb war auch die Symbolik ihrer Bildwelt immer autobiografisch. Bis zu ihrem Tode malte sie sie um die 200 Bilder und alle waren ein wertvolles und mutiges Zeugnis ihrer eigenen Existenz.

Aleksandra Andrijasevic

Von Kathrin Buchner
 
 
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