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Vielfältig, perfekt, einzigartig

Gerhard Richter ist Deutschlands bedeutendster, teuerster und scheuester Künstler. Die Ausstellung "Panorama" in der Neuen Nationalgalerie in Berlin zeigt seine wichtigsten Werke. Grandios!

Von Anja Lösel

  Gerhard Richters Bild "Kerze" brachte kürzlich auf einer Auktion zwölf Millionen Euro

Gerhard Richters Bild "Kerze" brachte kürzlich auf einer Auktion zwölf Millionen Euro

Was ist den hier los? Horden von Fotografen, wildes Gedrängel, Blitzlichtgewitter. Nein, nicht Angelina Jolie ist in Berlin angekommen, sondern ein 80 Jahre alter Maler aus Köln: Gerhard Richter. Nur ein paar Schritte von der Berlinale entfernt eröffnet er seine Ausstellung "Panorama" in der Neuen Nationalgalerie. Ein grandioses Spektakel. Noch nie war ein deutscher Maler so populär wie Gerhard Richter. Sein Bild "Betty", ein Porträt der Tochter im rot-weiß-geblümten Mantel, sehen viele als modernes Gegenstück zur "Mona Lisa". Richter selbst glaubt, dass es das meistgedruckte Gemälde der Gegenwartskunst ist, verbreitet auf Plakaten, Postkarten und Buchcovers.

Sammler in der ganzen Welt lieben und verehren ihn. Sogar einer wie Silvester Stallone sagt: "Ich liebe Gerhard Richters Bilder, er ist der wunderbarste Maler, den wir im Moment haben." Sein Bild "Kerze" brachte kürzlich auf einer Auktion zwölf Millionen Euro. Dem Künstler ist das unheimlich. "So ein Preis", findet er, "ist unanständig und irrsinnig."

Hier hängt alles, was Richter berühmt gemacht hat

Natürlich hängt auch eins seiner insgesamt 25 Kerzenbilder in der Ausstellung. Wie hier überhaupt alles hängt, was Richter berühmt gemacht hat: sein fast fotorealistisches, verwischtes Gemälde einer Klorolle. Seine Familienbilder - von "Onkel Rudi" in Wehrmachtsuniform bis zur Ehefrau Sabine als "Lesende". Seine poetischen Wolken, Blumen und Seestücke. Die abstakten Farbfelder und die expressiven, bunten Wisch-Gemälde. 140 Gemälde von 1962 bis heute. Vielfältig, perfekt, einzigartig und wunderschön.

Grade hat er seinen 80. Geburtstag gefeiert, im kleine Kreis mit seiner dritten, 37 Jahre jüngeren Frau Sabine, ihren drei gemeinsamen Kindern Moritz, Ella und Theo, mit Tochter Betty aus der ersten Ehe und ein paar guten Freunden. Jetzt muss er noch die Eröffnung der Ausstellung überstehen, die Rumsteherei, die Reden und Dinners. Er mag das nicht so gern. Viel lieber arbeitet er in seinem Atelier in Köln vor sich hin. Noch immer malt er fast jeden Tag großformatige Bilder, in jüngster Zeit gern mit dem Rakel, einer Art von Holzleiste, mit der er die Farbe auf der Leinwand verstreicht.

Eigener Raum für die toten RAF-Terroristen

Kaum ein anderes Künstlerleben ist so eng und mit der deutschen Geschichte verknüpft wie Richters: In Ostdeutschland geboren, im Westen berühmt geworden, durch seine Familie auf unheilvolle Weise mit den Verbrechen der Nazis verquickt. Sein Onkel Rudi kam aus dem Krieg nicht nach Hause, seine schizophrene Tante Marianne wurde von den Nazis ermordet, sein Schwiegervater, ein NS-Arzt, war womöglich daran mit schuld. Alle drei hat er gemalt.

Richters wahrscheinlich wichtigstes Werk ist der 15-teilige Bilderzyklus "18. Oktober 1977", verschwommene Schwarz-Weiß-Bilder der toten RAF-Terroristen und ihrer Stammheimer Zellen. Intensiver kann man in die deutsche Nachkriegs-Geschichte kaum eintauchen. Weil sie eine ganz besondere Rolle in Richters Werk einnehmen, sollten nicht unter all den anderen Gemälden in der Ausstellung hängen. Sie bekamen einen eigenen Raum in der Alten Nationalgalerie auf der Museumsinsel. Hier hängen die toten Terroristen Ulrike Meinhof, Gudrun Ensslin, Andreas Bader und Jan-Carl Raspe in einer Art von Andachtsraum, umgeben von romantischen Bildern des 19. Jahrhunderts. So weihevoll, so still und eigentümlich, dass Besucher unwillkürlich ihre Stimme senken und flüstern wie in einem Krematorium.

Auch dem 11. September 2001 hat Richter ein Bild gewidmet. Der Terrorangriff wühlte ihn auf, weil er am Tag des Anschlags selbst in einem Flugzeug auf dem Weg nach New York saß.

  "So kleine Bilder" will Gerhard Richter nach all seinen großartigen Bildern jetzt malen

"So kleine Bilder" will Gerhard Richter nach all seinen großartigen Bildern jetzt malen

Was er denn jetzt, nach all diesen großartigen Bildern, überhaupt noch malen wolle, wird Richter gefragt. Er grinst verlegen. Klein, unscheinbar, fast schüchtern sitzt er da. Wer ihn nicht kennt, könnte ihn für einen pensionierten Studienrat halten. Ja, was jetzt noch malen? Richter formt mit beiden Daumen und Zeigefingern ein Quadrat: "So kleine Bilder." Und was war sein schönstes Geburtstagsgeschenk zum Achtzigsten? Er denkt lange nach, zupft an seiner grauen Jacke: "Ich weiß nicht." Ist er verstört, gar verärgert über den ganzen Rummel? Nein, nicht wirklich: "Missachtet zu werden wäre schlimmer."

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