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11. Juli 2008, 12:50 Uhr

Jörgs Signier-Stempel

"Jörg Immendorff - Sein grafisches Lebenswerk und Skulpturen". Unter diesem Titel zeigt eine Ausstellung in Hamburg auf 2300 Quadratmetern 340 Grafiken, 30 Skulpturen und 250 Stempel. Nun hat die jüngste Debatte um die Echtheit vieler Immendorff-Gemälde auch die Grafiken erfasst. Von Barbara Hein

Jörg Immendorff 2003 in seinem Atelier beim Signieren© Hamburg Messe und Congress GmbH

Als der Künstler wenige Jahre vor seinem Tod im Mai 2007 wegen der Nervenkrankheit ALS seine Hände nicht mehr bewegen konnte, begann er, seine Werke von Assistenten malen und per Schablone oder Stempel signieren zu lassen. Die Echtheit der betroffenen Gemälde aus den letzten Lebensjahren steht nun im Zweifel, was Immendorffs Ruf als seriöser Künstler in Gefahr bringt.

Die Schau im Hamburger Messe- und Kongresszentrum CCH veranstaltet Dirk Geuer, ein 38-jähriger Galerist und Sammler aus Grevenbroich. Er ist auch Autor des 2006 erschienen Werkverzeichnisses der Immendorff-Grafiken, das nun als einziger Beleg für deren Echtheit gilt. In Hamburg tritt Geuer als Kurator, Hauptleihgeber und Händler in Personalunion auf. Das Geschäftsmodell ist folgendes: Das CCH stellt im Sommerloch mietfrei seine Räume zur Verfügung, Geuer betreibt einen "Artshop", in dem er während der Schau Immendorff-Grafiken, -Skulpturen und -Stempel verkauft. Auf die Frage, aus wessen Besitz die zum Verkauf stehenden Arbeiten kämen, antwortet er ausweichend. Er spricht stattdessen lieber von "Return on Investment", da er "enorme Unkosten durch die Vorbereitung" gehabt habe.

Keine Erklärungen - kritische Fragen nicht willkommen

Außerdem schildert er ausführlich seine enge Verbindung zu Immendorff, den er mit Anfang 20 aufgesucht habe, weil er "ein Idol" für ihn gewesen sei. 40 Ausstellungen habe er in den vergangenen 18 Jahren weltweit für den Meister organisiert. Auch betont er immer wieder die "enge konzeptuelle Zusammenarbeit" mit Immendorff, der ihm "in den Jahren so viel mit auf den Weg gegeben" habe. Erklärungen zu den Arbeiten bleibt die Kommerz-Retrospektive jedoch weitgehend schuldig - das Werk solle nicht "entmystifiziert" werden, jeder müsse es sich eben - ganz so wie es der Meister am liebsten hatte - "selbst erarbeiten".

In der Ausstellung selbst fällt auf, dass die Herkunft nahezu aller 600 Werke mit "Privatsammlung" angegeben ist. Lediglich zwei Exponate offenbaren ihren Eigentümer: die Stadt Verl und die Albertina in Wien. Auf die Frage, wer die Privatsammler seien, antwortet Till Breckner, Geschäftspartner von Dirk Geuer, dass sie nicht genannt werden wollen. Auf die Frage, wie Immendorffs Signatur auf die Blätter aus den Jahren 2006 und 2007 gekommen sei - als er seine Finger gar nicht mehr benutzen konnte - reagiert er empfindlich: Schablonen und Stempel seien eben Usus gewesen, darauf müsse man sich verlassen. Überhaupt scheinen kritische Fragen auf dieser Pressekonferenz nicht willkommen. Breckner kontert mit rüden Unterstellungen: "Was zahlt Ihnen Michael Werner eigentlich?" Michael Werner ist Immendorffs langjähriger Galerist und als dessen Hauptnachlassverwalter jetzt der strengste Hüter seines Rufs. Er hatte sich unter anderem im stern kritisch zu der Immendorffschen Mal- und Signatur-Praxis der letzten Jahre geäußert - was dem Duo Geuer/Breckner offenbar nicht zu Pass kommt.

Die Hamburger Schau ist nur der Beginn ihrer großspurig in der Broschüre angekündigten "Welttournee". Einzige weitere gesicherte Station: Quito, Ecuador.

"Jörg Immendorff - Sein grafisches Lebenswerk und Skulpturen" ist bis zum 10. August im Congress Center Hamburg zu sehen.

Gefunden in...

Gefunden in... der Onlineausgabe der Zeitschrift "art". Titelthema in der aktuellen Ausgabe: Liebesgrüße aus Moskau. Russland gestern und heute

Von Barbara Hein
 
 
KOMMENTARE (3 von 3)
 
JaninaW (14.07.2008, 15:38 Uhr)
Verdächtig!
Sehr geehrte Stern Redaktion, über Ihre Art der Berichterstattung bin ich sehr überrascht und irritiert. Ich bin selbst Kunde bei Geuer & Breckner und habe mehrere
Grafiken dort gekauft (z.B. Orchesterhauptprobe von Immendorff). Dabei hat sich das junge Unternehmen durch seine Kompetenz und Serviceorientierung ausgezeichnet.
Insbesondere in Hinblick darauf, dass sich der Rest der Presse sehr positiv zur Ausstellung äußert, erscheint der Artikel von Frau Hein höchst verdächtig. Hier fällt die Sache einem offensichtlich sehr persönlichen Interesse der Autorin zum Opfer. Geht es hier vielleicht um einen Feldzug gegen einen jungen Anbieter auf dem Kunstmarkt? Ist das dann unabhängige Berichterstattung? Ich vermisse den journalistischen Anspruch und schlage vor, die Autorin möge in Zukunft besser recherchieren und insbesondere objektiver schreiben. Fair play Frau Hein! Janina Wolf, Düsseldorf
nreyes (13.07.2008, 22:19 Uhr)
Mehr Objektivität
Ich kenne mich mit dem Werk von Immendorff nicht sonderlich aus, jedoch stelle ich mir die Frage, auf welchen Fakten der Artikel von Barbara Hein eigentlich beruht. Geht es hier um die Ausstellung und Immendorff oder darum ein Unternehmen zu diskreditieren? Für mich hört sich das alles eher nach Mutmaßungen und Verdächtigungen an, vor allem da die restliche Presse völlig anders kommentiert. Ich halte Ihren Artikel für unprofessionell und erwarte vom Stern mehr Objektivität.
N. de los Reyes
Filapensill (12.07.2008, 15:37 Uhr)
Überschätzt
Kürzlich war im TV ein junges Paar zu sehen, das von ihrem Vater einen "echten Dali" geerbt hatte. Dafür hatte der Pappa einst 26.000 DM gezahlt: in den 70ern galt Dali als Kunst-"Genie" schlechthin und seine Kunst als absolut sichere Wertanlage - sozusagen eine bombensichere Telekomaktie... Tatsächlich war die Grafik keine Fälschung - auch Dali signierte nämlich gern blanco wie Immendorff und kassierte dafür Geld - und trotzdem betrug der geschätzte Erlös der Daliradierung nur um die 1.300 Euro. So ähnlich wird es den Sammlern ergehen, die Immendorff gesammelt haben. Er hat ihnen vermittelt, dass er ein Genie sei, sich mit Bundeskanzler etc. umgeben, die BILD-Bibel illustriert und so in seiner Lebenszeit sehr gut gelebt. Schon außerhalb von Deutschland spielt er keine bedeutende Rolle.
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