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Die härteste Künstlerin der Welt

Sie hat ihren Körper für die Kunst malträtiert. Für das Museum of Modern Art in New York zeigt Marina Abramovic ihre anspruchsvollste Performance. Das Interview mit der Ausnahme-Künstlerin.

Frau Abramovic, Sie werden fast drei Monate Schweigen und sich bis zu 15.000 Besuchern täglich aussetzen. Sind Sie nervös?
Fürchterlich! Ganz fürchterlich nervös! Die Schau ist eine Retrospektive all der Performances, während der ich anwesend bin. Das ist eine sehr radikale Auswahl. Und dann entschloss ich mich, eine Performance mit genau diesem Titel zu machen. Das ist eine riesige Aufgabe. Drei Monate sind eine sehr lange Zeit, und es kann sehr viel Unvorhersehbares passieren. Wir können den Ausgang der ganzen Sache nicht vorhersehen.

Wie halten Sie solch lange Phasen des Schweigens und Stillsitzens überhaupt durch?
Ich muss mich komplett isolieren. Mein Leben und die Performance werden eins. Die Performance wird das Leben an sich werden. Ich werde kein Mobiltelefon haben, nicht wissen, was die Leute über die Schau schreiben, ich will einfach nur in dieser Arbeit leben, für drei Monate.

Haben Sie irgendein Zeichen verabredet, wenn außerhalb des Museums etwas Grundlegendes geschieht? Wird irgendjemand dann mit Ihnen sprechen?
Die Regeln sind sehr streng. Die Performance endet um 17.30 Uhr am 31. Mai. Dann werde ich ein großes Dinner für alle Mitarbeiter machen, wir werden am 1. Juni alle zusammen feiern. Am Ende werden wir ein Survival-Team sein.

Wie kommt es, dass die lange ignorierte Performance-Kunst nun nacheinander die beiden wichtigsten Museen für zeitgenössische Kunst in New York erobert – Sie das MoMA und der Künstler Tino Sehgal zuvor das Guggenheim?
Es ist ein sehr interessanter Moment, jetzt, wo in der Weltwirtschaftskrise plötzlich Performance-Kunst eine so große Aufmerksamkeit bekommt. Es ist immer die Kunst, die nichts kostet. Für mich brachte der Diamanten-Schädel Damien Hirst die Frage nach dem Wert, nach der Bedeutung von Kunst zurück. Es geht um Bescheidenheit, um Großzügigkeit, das haben wir vergessen, darüber haben wir gar nicht mehr nachgedacht, und das kommt nun wieder zurück, diese Art von Reinheit, bei der es nicht ums Geld geht. Wir nahmen die Künstler als überlebensgroße Bilder, wir haben sie in Ikonen verwandelt, in Jetsetter. Aber wir haben nicht mehr nach einer Botschaft gefragt. Auf Zeit angelegte Kunst bringt eine Form von Wirklichkeit, die sehr berührend und sehr verletzlich ist. Nach einer Weile kannst Du nichts mehr vormachen, nicht schauspielern, eine Art wahre Natur kommt heraus. Das Publikum wird das erkennen und spüren.

Woher nehmen Sie die Kraft für Ihre strengen Exerzitien?
Diese Willenskraft ist kaum zu entwickeln, die muss man wohl in den Genen haben. Ich habe eine Menge Energie von meinen Eltern mitbekommen. Sie waren jugoslawische Nationalhelden und wirklich verrückt. Mein ganzes Leben lang hatte ich immer ein Gefühl für den Sinn meines Daseins, warum ich hier bin, was ich tue, warum es wichtig ist, sein Leben einer Idee zu opfern.

Ihre Performances sind ein hartes Stück Arbeit. Wie halten Sie sich fit?
Ich pflege meinen Körper wie andere ihr Auto: Man muss ihm Öl geben, man muss ihn putzen, und genau das tue ich auch. Es ist die Seele, die mir wichtig ist, nicht der Körper an sich.

Ist das nicht alles miteinander verbunden?
Natürlich ist es verbunden, aber die Seele wird den Körper verlassen, der Körper muss gesäubert werden. Ich muss wie ein Soldat mit meinem Körper umgehen, muss ihn trainieren, ihm eine bestimmte Diät verabreichen, um die Performance zu überstehen. Es muss ein sehr leicht verdauliches Essen sein, wenn ich so lange am Tisch sitzen muss. Ich trinke nicht, ich rauche nicht, ich trinke keinen Kaffee, ich mache einfach nichts, was mir ein schlechtes Wohlbefinden verursachen würde. Die Beanspruchung des Körpers ist so immens, und es ist natürlich besser, das mit einem intakten Körper zu tun. Aber der geistige Zustand ist viel entscheidender, der Körper ist nur ein Werkzeug, das funktionieren muss.

Schmerz ist ein wesentliches Element Ihrer Performances. Warum?
Wenn ich mir selbst Schmerz zufüge, um mich neu erstehen zu lassen, dann ist dieser Schmerz okay. Es geht darum, eine sehr schmerzvolle Situation herzustellen, um diesen mentalen Raum zu betreten, einen Bewusstseins-Zustand zu erreichen, wo du verstehst, Schmerz ist Kontrolle. Schmerz kann die Tür zu Geheimnissen sein. Wenn du so viel Schmerz empfindest, dass du meinst, das Bewusstsein zu verlieren, sag dir selbst, okay, verlier das Bewusstsein. Verschwinde, sei nicht mehr da, dann bist du frei. Bis zu dieser Erfahrung musst du kommen. Es ist fast eine therapeutische Übertragung der Bedeutung von Schmerz.

Was machen Sie nach der Performance im MoMA? Drei Monate Urlaub?
Direkt hier nach fange ich an mit Bob Wilson zu arbeiten - an einer Performance über Leben und Tod, die auch meine eigene Beerdigung beinhalten wird. Meine Mutter hatte immer alles für ihren Tod vorbereitet, ihre Kleider fein gebügelt. Wenn man Sterben wirklich für einen Teil des Lebens hältst, ist es gut, vorbereitet zu sein. Das ist jetzt der dritte Teil meines Lebens, und ich möchte den Tod als einen Teil davon betrachten, im Bewusstsein, dass es jederzeit passieren kann. Wichtiger noch ist für mich, bewusst zu sterben, ohne Angst. Nicht wütend. Und nicht enttäuscht über Dinge, die ich nicht getan habe. Der Tod wird ein Fest.

Ein Porträt über Marina Abramovic lesen Sie im neuen stern.

Interview: Silke Müller
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