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Drei Jahre Arbeit für den "Schnappschuss"

Seine Bilder sehen aus wie Schnappschüsse. In Wirklichkeit aber sind die Fotos des kanadischen Künstlers Jeff Wall sorgfältig inszeniert. Die Wahrheit zeigen sie trotzdem deutlicher, als manch "echtes" Foto. Jetzt stellte er seine neuen Arbeiten in Berlin vor.

Von Anja Lösel

Zwanzig Männer warten auf einen Job. Warten an einer fiesen Ausfallstraße, dass irgendjemand vorbei kommt und ihnen Bares anbietet für ein paar Stunden Schufterei. "Cash Corners" nennt man solche Orte, "Geldecken". Manchmal warten die Männer tagelang vergeblich und frieren vor sich hin. Manchmal wird nur einer von ihnen mitgenommen. Neulich allerdings hatten sie alle auf einen Schlag Glück: Jeff Wall kam vorbei, der Fotokünstler aus Vancouver.

"Mich hat die animalische Energie dieser Männer fasziniert", sagt er. Ihren Überlebenswillen und ihre Ausdauer wollte Wall im Foto festhalten. Er versprach ihnen 82 Dollar pro Tag, wenn sie für ihn arbeiten würden. "Und was sollen wir tun?", fragten die Männer. - "Warten. Einfach nur warten."

Das Ergebnis ist jetzt in der Deutschen Guggenheim Berlin zu sehen: "Men Waiting", fast vier Meter lang, ist ein beeindruckendes Dokument von Armut und Arbeitslosigkeit mitten im wohlhabenden Vancouver. "Exposure" heißt der Titel der Schau. Das kann "Belichtung" bedeuten, aber auch "Röntgenaufnahme". Mit seinen insgesamt neun wandfüllenden Bildern möchte Jeff Wall die Gesellschaft durchleuchten und zeigen, wie es Leuten geht, die nicht genug Geld, keine Wohnung, keine Heimat haben. "Menschen in schwierigen ökonomischen Verhältnissen", Menschen, zu denen auch seine Großeltern mal gehörten, als sie aus der Ukraine nach Kanada einwanderten. Beeindruckender Höhepunkt der Ausstellung: Das Bild "Cold Store", eine gruselige Kühlkammer aus Beton mit dicker Eisschicht an der Decke - Sinnbild für eine eisige Gesellschaft. Und ausnahmsweise schnell geknipst und nicht inszeniert.

Drei Jahre Arbeit für ein Foto

Zwei Wochen brauchte Jeff Wall, bis das Bild mit den wartenden Männern im Kasten war, bis das Licht passte und die Wolken gut aussahen. Lächerlich wenig Zeit, findet er. "Ich habe schon drei Jahre für ein einziges Foto gearbeitet", sagt Wall. Sein Bild "Vor dem Nachtclub" kostete ihn genau ein Jahr. Weil die Straße eng war und er den Club-Eingang nicht mit dem nötigen Abstand fotografieren konnte, ließ er die gesamte Szene im Studio nachbauen: die Wand, die Tür, die Pflanzen, die Farben, alles haarklein kopiert. Sogar die festgetretenen Kaugummis auf dem Gehweg sollten stimmen: Die musste sein Sohn vorkauen und aufs Pflaster pappen.

Erst 130 Bilder hat Jeff Wall in seinem Leben veröffentlicht, nicht viel für einen 61 Jahre alten Künstler. Aber er ist eben ein Perfektionist. Alles muss stimmen. Nie würde er Schauspieler engagieren, immer arbeitet er mit Leuten von der Straße. Wenn ein Bild "Feldarbeit" heißt, dann kann man sicher sein, dass darauf echte Tagelöhner zu sehen sind. Und bei "War Game", Kriegsspiel, gab er den schwarzen Jungs auf der Wiese nur ein paar Stichworte, dann legten sie los wie sie wollten, bauten eine Festung aus Autoreifen und Spanplatten, machten Gefangene und bunkerten sie ein. Jeff Wall ist einfach dabei, rückt mal hier was zurecht oder bittet mal da um einen Schritt nach links oder rechts. Mehr nicht. Und dann macht er Fotos: "Hunderte, wenn es sein muss auch Tausende."

Seine Bilder sollen Wahrheit vermitteln

Im Studio werden die Bilder dann bearbeitet. Beim Nachtclub-Foto wurden sogar ganze Figurengruppen hineinkopiert in die Szenerie. Egal, findet Wall. "Ich bin ein Künstler und liebe das Künstliche." Es kommt ihm nicht darauf an, dass alles echt ist, sondern nur, dass das Bild Wahrheit vermittelt. Manche nehmen ihm das übel, halten ihn für einen Fälscher. Aber vielleicht ist er näher an der Wahrheit dran, als viele Dokumentarfotografen. Sammler jedenfalls schätzen seine Bilder schon seit vielen Jahren und zahlen dafür bis zu 500.000 Dollar.

"Jedes Bild ist für mich ein Abenteuer", sagt Jeff Wall. "Ich kann nie vorhersagen, wie lange die Arbeit daran dauert und was passiert." Deshalb wollte er eigentlich den Auftrag der Deutschen Guggenheim für eine neue Fotoserie gar nicht annehmen. Er hat es doch gemacht und findet: "So schön wie in Berlin wurden meine Bilder noch nie präsentiert." Eine nette Höflichkeit für Guggenheim-Direktor Tom Krens, der extra aus New York zur Eröffnung angejettet kam? "Nein, so höflich bin ich nicht", sagt Wall. "Ich bin und bleibe ein Risiko."

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