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Tod als PR-Gag?

Große Aufregung um Gregor Schneider. Der Künstler will einen Sterbenden im Museum ausstellen. Vielleicht auch einen Toten. Damit möchte er "die Schönheit des Todes zeigen" und Besuchern "den Schrecken vor dem Tod nehmen". Aber wollen wir das überhaupt sehen?

Kommentar von Anja Lösel

Große Aufregung. Meint der das ernst? Darf der das? Wollen wir so was? Auf diversen Internetseiten ereifert man sich. Die Kommentare gehen von "arrogant" über "geschmacklos" bis hin zu "Sensationsmache" und "schlechter PR-Gag". Ein Kommentator aus Tel Aviv sorgt sich gar um das Ansehen Deutschlands: "Ich bin sehr traurig, dass ausgerechnet ein deutscher Künstler so etwas vorschlägt. Ist er daran gewöhnt, Menschen ganz ohne Mitgefühl sterben zu sehen? Hat er das von seinen Eltern und Großeltern gelernt?"

Auch die Politiker sind hellhörig geworden. Die christlich-soziale Bundestagsfraktion in Gestalt von Wolfgang Börnsen und Günter Krings finden, Schneider gehe "zu weit", ein Mensch dürfe "gerade an seinem Lebensende nicht zu einem bloßen Anschauungsobjekt herabgewürdigt werden". Die Grünen wollen keine "Zoo-Situation", die FDP erinnert an die Würde des Sterbenden. Fazit der CDU/CSU-Fraktion: Der Künstler hat sich "in eine Idee verrannt, die offenbar nur an makabre, voyeuristische Instinkte zu appellieren versucht".

Schneider gewann Goldenen Löwen

Aber ganz so einfach ist es nicht. Gregor Schneider ist kein Nobody, sondern ein ernsthafter und geachteter Künstler. 2001 gewann er auf der Biennale von Venedig den Goldenen Löwen mit seiner beklemmenden Arbeit "Totes Haus Ur". Wenig später erregte er die Gemüter mit dem Plan, die Kaaba, das Allerheiligste des Islam, auf dem Markusplatz nachzubauen. Tatsächlich durfte er den schwarzen Kubus dann vor die Hamburger Kunsthalle stellen. Danach aber fehlte ihm die nächste zündende Idee. Der Tiefpunkt seiner Karriere schien erreicht, als Gregor Schneider im vergangenen Jahr die Berliner Kunstszene ins Magazin der Staatsoper Unter den Linden lud. 19-20:30UHR 31.05.2007 hieß die Aktion. Die Gäste kamen und standen Schlange, um endlich, nach elend langer Wartezeit, eingelassen zu werden in einen leeren Raum. Drinnen erfuhren sie, dass sie Teil einer Warteperformance gewesen waren. Kunst? Nun ja. Verarschung? Vielleicht. Verzweifeltes Ringen um Aufmerksamkeit? Könnte gut sein.

Nun also das Sterben im Museum. Neu ist das nicht, der Künstler spricht schon seit mehr als zehn Jahren immer wieder von dieser Idee. Niemand kümmerte sich bisher darum. Jetzt hat er das Thema in einem Interview wieder ins Gespräch gebracht - und plötzlich sind alle elektrisiert. Die Zeit ist offenbar reif dafür, eines der letzten Tabus soll fallen.

"Humanere Orte für den Tod"

Ernst ist es Schneider damit durchaus, er ist alles andere als ein Witzemacher. Aber es könnte gut sein, dass es ihm nicht um den Toten im Museum geht, sondern vor allem um die Diskussion darüber. "Die Realität des Sterbens in deutschen Kliniken, Intensivstationen und Operationssälen ist grausam, das ist der Skandal", sagte er neulich in einem Interview. Er wünscht sich "humanere Ort für den Tod". Und erklärt: "Ich würde gerne in einem von mir ausgewählten Raum, in einem privaten Bereich des Museums sterben können - umgeben mit Kunst."

Wenn es seine Idee war, eine Diskussion zum Thema "Sterben in Würde" anzustoßen, dann hat Gregor Schneider bereits jetzt gewonnen. Wenn er es allerdings ernst meint mit seinem Plan, einen Sterbenden oder Toten den neugierig-entsetzten Blicken von Museumsbesuchern auszusetzen, dann hat er sich auf fatale Weise in eine künstlerische Sackgasse manövriert. Und bekommt jetzt die höchst aggressive Rechnung: Eine Morddrohung ging bei ihm ein, in Internetforen wird ihm nahe gelegt, sich zu erhängen, und ein Mann soll angeboten haben, ihm den neuen Lebensgefährten seiner Ex-Freundin als Ausstellungsobjekt zur Verfügung zu stellen.

Kein Problem mit dem Thema "Tote ausstellen" hat übrigens die katholische Kirche. Grade holte sie den italienischen Kapuzinermönch Padre Pio aus seinem Grab - 40 Jahre nach dessen Tod. Ab Donnerstag werden seine sterblichen Überreste in einem Glassarg in der apulischen Wallfahrtskirche San Giovanni Rotondo zu besichtigen sein. Man rechnet mit Hunderttausenden von Besuchern. Vor allem der lange, graue Bart des Paters soll ziemlich imposant und gut erhalten sein. Und seine Würde? Bleibt natürlich gewahrt.

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