Seine künstliche Sonne lockte zwei Millionen Menschen in das Londoner Museum Tate Modern. Jetzt will der Däne Olafur Eliasson Wasserfälle in den New Yorker East River bauen. Kunst, so findet er, soll schön sein und Spaß machen. Von Anja Lösel

Kunst oder Spektakel? Vier riesige "Wasserfälle" will Olafur Eliasson im Juli in den East River setzen© Olafur Eliasson/ Reuters
Ja, es stimmt, er war skandinavischer Breakdance-Meister. Aber das ist lange her. Jetzt zaubert Olafur Eliasson Regenbögen herbei und Nebelfelder, sperrt Seen und Eisberge in Häuser und lässt Wasserfälle rückwärts fließen. Man könnte das Kitsch nennen. Oder Balsam für die Seele. Aber es ist Kunst. Sehr begehrte, sehr gut bezahlte Kunst.
Einmal, das war sein Meisterwerk, ließ Eliasson fünf Wintermonate lang ununterbrochen die Sonne aufgehen. Einfach so, mitten in der großen Halle des Museums Tate Modern. Zwei Millionen Besucher strömten herbei, um das Wunder von London zu sehen. Sie legten sich auf den Boden, starrten stundenlang auf den orangefarbenen Lichtball und die wabernden Nebelschwaden, formten aus ihren Körpern Peace-Zeichen, guckten sich dabei in der Spiegeldecke zu und sangen Lieder. Es war eine Stimmung wie in Woodstock.
Olafur Eliasson, 40, Däne mit isländischen Wurzeln, weiß selbst nicht so recht, was er von seinem Erfolg halten soll. Der Sohn einer Näherin und eines Kochs mit Alkoholproblemen ist berühmt und will es nicht sein. Neulich wurde eins seiner kleinen Kaleidoskope für 89.000 Euro versteigert. Große Arbeiten kosten ein Vielfaches und kommen gar nicht erst auf den Markt, weil Museen und Sammler sie schon in der Entwicklungsphase kaufen. Eliasson aber sagt: "Ruhm ist ein Missverständnis." Etwas für Partygänger und Geltungssüchtige. Er will arbeiten, behauptet er, sonst nichts. "Ich versuche, mich aus der Glamour-Schiene rauszuhalten."
Nett ist er. Keine Allüren. Keine Zicken. Steht einfach nur in seinem 1400- Quadratmeter-Studio mitten in Berlin und redet: von seiner großen Ausstellung in New York (20. April bis 30. Juni im Museum of Modern Art). Von den vier Wasserfällen, die er für den East River in New York plant. Von der Schau in der Berliner Galerie Neugerriemschneider (ab 3. Mai). Und von der Oper "Phaedra", für die er kürzlich das Bühnenbild entwickelt hat. Eigentlich mag er Oper gar nicht. Aber wer sagt schon Nein zu einer Zusammenarbeit mit der Komponistenlegende Hans Werner Henze? Überhaupt kann er schwer Nein sagen, er will einfach für alle da sein, jeden Wunsch erfüllen. Olafur Eliasson lächelt scheu hinter seiner strengen Brille. Bisher ist ja immer alles gut gegangen.
Sein Hemd sieht aus, als hätte einer mit der Nähmaschine immer wieder raufund runtergestichelt und dabei alle bunten Fadenreste verbraucht. Von der Mama genäht? "Nein, von einem Afrikaner", sagt er. Dezenter Hinweis auf sein Äthiopien- Engagement: Zwei bis fünf Prozent seiner Einnahmen gehen an ein Waisenhaus, und auch seine beiden adoptierten Kinder stammen aus dem ostafrikanischen Land.
Olafur Eliasson ist der Daniel Düsentrieb der Kunst: Bastler, Erfinder, Konstrukteur. "Sich selbst beim Sehen sehen" heißen seine Werke, "Raum für eine Farbe", "Der sehr große Eisboden" oder "Lichtwelle". Sie alle entstehen in Berlin.
In einem acht Meter hohen ehemaligen Bahndepot gleich gegenüber dem neuen Hauptbahnhof experimentiert der Künstler mit 30 Spezialisten in einer Art von Alchimistenküche: Architekten, Physiker, Ingenieure. Auch zwei Köchinnen sind dabei, heute gibt es Muschelnudeln mit Auberginen, Zucchini und Feta. Jeden Tag wird gemeinsam zu Mittag gegessen. Eine kleine, eingeschworene Gemeinde. "Meine Leute sind für mich wie eine Brille, durch die ich die Welt besser sehen kann", erklärt Eliasson.
Als "Mittelstandsunternehmer der globalisierten Kunst" hat ihn mal jemand bezeichnet. Tatsächlich stehen oft mehr als 50 Pläne und Aufträge auf seiner Liste. Galerist Tim Neuger muss ihn dann bremsen: nicht so viel reisen, auf die wichtigen Projekte konzentrieren. Aber das kann Eliasson schlecht, nur selten zieht er sich in den Büropavillon hinten im Birkengarten zurück und entspannt dort im weißen Sessel. Noch seltener bolzt er einfach mal mit dem Fußball im Gras herum.
Manchmal beschwert sich sein Adoptivsohn Zakarias, dass Papa zu viel für andere da ist, für all die Menschen in Berlin, New York, San Francisco, Tokio und Reijkjavik, und dass er zu selten zu Hause ist in Hellerup bei Kopenhagen. "In meiner Familie waren alle Männer Fischer, immer unterwegs. Mein Leben ist leider genauso", sagt Eliasson. Er muss raus in die Welt, er hat eine Mission: "Ich glaube an die gesellschaftliche Macht, an die Stärke der Kunst."
Übernommen aus ...
Ausgabe 16/2008