Vom Palast der Republik in Berlin steht nur noch ein fieses Stahlskelett, rund 30 Millionen Euro wird der endgültige Rückbau wohl noch kosten. stern.de erinnert an die abwechselungsreiche Geschichte des "Palazzo Prozzo"und an einige seiner illustren Gäste. Von Anja Lösel

So hässlich ist er doch gar nicht: Die Sonne scheint durch die Reste von "Erichs Lampenladen"© Rainer Jensen/DPA
Sat.1 pustete ihn einfach in die Luft. In der Serie "Helicops" wurde der Palast der Republik schon 1998 gesprengt: höchst dekorativ mit züngelnden Flammen und wabernden Rauchwolken. In Wirklichkeit aber steht das Siebziger-Jahre-Gebäude, das einst Stolz der DDR war, immer noch. Wenigstens zum Teil.
Seit Monaten gucken die Berliner auf ein fieses, abgenagtes Stahlskelett mitten in der Stadt. Irgendwann soll hier das Stadtschloss mit dem Humboldt-Forum stehen. Deshalb wird der Palast "rückgebaut", Wand für Wand, Stahlträger für Stahlträger. Das kostet: wahrscheinlich 30 Millionen. Und das dauert: Bisher zwei Jahre, könnte sein, dass es drei werden. Da bleibt viel Zeit nachzudenken, was das Gebäude mal war und wer da alles ein- und ausging.
Eine Milliarde Mark soll der 1976 eröffnete Palast gekostet haben: das teuerste Bauwerk der DDR-Geschichte. Fünf Geschosse, 32 Meter hoch, 180 Meter lang. Architekt: Heinz Graffunder.
Geliebt haben den Palast keineswegs alle, auch wenn Nostalgiker uns das heute glauben machen wollen. Viele ärgerten sich über den "Palazzo Prozzo" und machten sich lustig über die Besucher, die durch "Erichs Lampenladen" (1001 Kugelleuchten im Foyer!) wanderten, sich in den "Spreestuben" Ragout Fin und Hawaii-Schnitten schmecken ließen und mit großen Augen über die Flambier-Künste der Kellner staunten. "Eine würdige Stätte für die Beratungen der Volkskammer der DDR" sollte das Ding sein und "Heimstatt der sozialistischen Kultur, des Frohsinns und der Geselligkeit". Dass schon 14 Jahre nach der Eröffnung genau hier, im Volkskammersaal, das Ende der DDR beschlossen würde, konnte damals ja niemand ahnen.
20.000 Tonnen Stahl verbaute die DDR für ihren Palast und 60.100 Kubikmeter Beton. 17868 Quadratmeter Marmor schmückten die Wände. 8059 Quadratmeter reflektierendes, braunes Thermoglas gaben den Fenstern ihren charakteristischen Siebziger-Jahre-Charme. Dass die Scheiben aus Belgien kamen, die Rolltreppen und die Bowlingbahnen aus der Bundesrepublik, der Naturstein aus Italien und die Armaturen aus Dänemark - egal. Obwohl einiges beim Klassenfeind zugekauft werden musste, war er doch ein wahrer Palast des Sozialismus - mit acht Freitreppen, 16 Rolltreppen, 13 Restaurants und Bars. Und was für Restaurants!
An der "Moccabar" saß man auf hohen, blauen Hockern am gelben Tresen. Im "Terrassencafé Espresso" guckte man unter Sonnenschirmen mit Fransenbesatz raus auf den Marx-Engels-Platz - der nach der Wende sofort wieder in Schlossplatz umgetauft wurde. Innen gab es braun-gelbe Wandfliesen aus Meißener Porzellan, blaue Wandpaneele und rote Barhocker. In den "Spreestuben" klebten Fototapeten mit Bildern historischer Bauteile an der Wand. Und der Jugendtreff gab sich lässig-locker mit Spielautomat und Basar.
Hochzeitspaare ließen sich auf der Galerie unter Hammer und Zirkel fotografieren. Man feierte Jugendweihe, Bestarbeiter-Bälle, Parteitagsempfänge, tanzte auf dem Ball der Werktätigen und in der Disko mit der rotierenden Tanzfläche. Kinder konnten den Palast sogar im Miniformat nachbauen: aus Pebe-Bausteinen, die aussahen wie Lego, aber nicht Lego heißen durften. Eine Millionen Besucher kamen in den ersten 50 Tagen des Palastes durch die Flügeltüren aus Messing. Sie bewunderten die fünf Meter hohe "Gläserne Blume" im Foyer, das 15 Meter lange Bronze-Relief "Lob des Kommunismus" und die sozialistisch-realistischen Malereien der DDR-Größen Werner Tübke, Willi Sitte und Walther Mattheuer. Sie spielten Bowling, tranken Radeberger Bier für 60 Pfennige das Glas oder Rosenthaler Kadarka, einen lieblichen bulgarischen Rotwein. Sie aßen Roulade mit Thüringer Klößen, Ragout Fin oder Hawaii-Schnitten.