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Das Wunder von Hamburg

Sie ist sündhaft teuer, ihr Bau dauert länger als geplant: Die Elbphilharmonie sorgt für reichlich Zoff in Hamburg. stern.de war beim Rundgang vor dem Richtfest dabei. Das Ergebnis ist atemberaubend.

Von Sebastian Huld

  • Sebastian Huld

Der staubige Geruch von Zement liegt in der Luft. Die Ohren schmerzen, während sich Bohrer in den Beton fräsen und Vorschlaghammer im Dreivierteltakt Stahlträger fixieren. Holzsplitter, Müll und Baumaterialien garnieren den nackten Betonboden. Es ist das übliche Chaos einer scheinbar ganz normalen Baustelle. Doch wenn die Baumaschinen einmal schweigen, durchbricht das Kreischen der Möwen die kurze Stille. Die Baustelle selbst ist eine Insel auf der Elbe, gigantische Frachtschiffe schieben sich ehrfürchtig vorbei. Nein, dies ist keine normale Baustelle, es ist der Ort, an dem die Hamburger Elbphilharmonie entsteht. Und obwohl es noch zwei Jahre bis zu ihrer Fertigstellung braucht, verschlägt es dem Betrachter den Atem. In Hamburg wird gerade etwas ganz Besonderes gebaut.

Getrübtes Richtfest

Über drei Jahre ist es her, dass der Hamburger Senat einstimmig den Bau der Elbphilharmonie beschloss, am Freitag zelebrierte die Hansestadt das Richtfest ihres Jahrhundertprojekts. Denn die Elbphilharmonie war von Beginn an ein Objekt der Superlative: ein Konzerthaus mit eigenem Hotel und Dutzenden Luxuswohnungen. Ein Architekturkunstwerk, das ähnlich dem Opernhaus in Sydney zum neuen Wahrzeichen der Stadt werden soll.

In der öffentlichen Wahrnehmung dagegen ist der Bau bislang vor allem eines: ein Desaster. Die Kosten für die Stadt sind von 97 Millionen auf mindestens 323 Millionen Euro explodiert. Das Triumvirat aus städtischer Realisierungsgesellschaft "ReGe", der Baufirma Hochtief und dem Architekturbüro Herzog & de Meuron ist heillos zerstritten. Und eine Woche vor dem Richtfest wurden "sicherheitsrelevante" Mängel am Bau bekannt. Allerhöchste Zeit für die Verantwortlichen, einmal positive Nachrichten zu verbreiten: Die Presse darf die Baustelle besichtigen.

Alles ist Licht

Heribert Leutner und Thomas Möller begrüßen die Medienvertreter am Eingang der Baustelle. Beide sind Krawattenträger mittleren Alters, beide verantworten den Bau der Elbphilharmonie. Leutner für die Stadt Hamburg, Möller für den Baukonzern Hochtief. Sie wollen die Besucher von ihrer Zusammenarbeit und von der Elbphilharmonie überzeugen. Immerhin, letzteres gelingt ihnen, denn gerade Thomas Möller platzt vor Bauherrenstolz. Jedes Detail scheint ihm eine Würdigung wert. Das Konzerthaus fußt auf einem trapezförmigen, ziegelsteinernen Speicher, der gleich einer Insel mitten in der Elbe dem Hafen gegenüber liegt. Auf diesem historischen, denkmalgeschützten Fundament ruht die supermoderne Elbphilharmonie. Die Fassade, die zur Hälfte fertiggestellt ist, besteht aus einzigartigen, teilweise konvexen Glasflächen. "Ein Fenster kostet etwa 20.000 Euro, 1089 Elemente sind es insgesamt", erklärt Hochtief-Manager Möller. Die Fläche wirkt aufregend und gewagt. Hinauf in den modernen Teil des Gebäudes führt eine Rolltreppe durch einen sich verengenden Tunnel. Der Anstieg erinnert an eine Achterbahn, doch anstatt vor dem Abgrund steht der Betracht plötzlich, ganz unerwartet, im Tageslicht.

Überhaupt, das Licht: So klobig und geschlossen der Bau von außen wirkt, so luftig und hell ist er von innen. Die 21 Stockwerke, jedes einzelne hat die Grundfläche eines Fußballfeldes, werden immer wieder von Lichthöfen unterbrochen. Tageslicht durchströmt den Bau, die Freiräume geben spannende Blicke kreuz und quer durch die verschiedenen Etagen frei. Decken, Treppen und Wände sind mal streng mit dem Lineal gezeichnet, mal geschwungen und kubisch als wollten sie zum Tanz einladen. Vieles verlangt noch nach der Fantasie des Betrachters. Dennoch, man muss kein Architekturexperte sein, um sich an den abwechslungsreichen Perspektiven zu erfreuen. Zumal das Gebäude einen einzigartigen Rundumblick auf die Hamburger Innenstadt und den Hafen gewährt. Vor allem Hotelgästen und Konzertbesuchern wird dieser Genuss zuteil, wenn sie im obersten Stockwerk die Dachterrasse betreten.

Lesen Sie auf der nächsten Seite, was das Highlight der Elbphilharmonie ist und wieso die Stadt Hamburg derzeit wenig Freude an dem Projekt hat.

"Mischung aus Berliner Philharmonie und Mailänder Scala"

Das Highlight aber ist der "Große Konzertsaal". Er schwebt in 50 Meter Höhe im Zentrum des Bauwerks wie ein gigantischer Kokon. Dieser Kokon ruht auf Stahlfedern und ist so statisch abgekoppelt vom Rest des Gebäudes. Keine Vibration oder Erschütterung des Gebäudes berührt den Saal. Alles wird einer möglichst perfekten Akustik untergeordnet. Von innen wirkt der Saal wie ein hohles Wespennest, dem das obere Drittel abgeschnitten wurde, denn noch fehlt das Dach. Steil ragen die Wände nach oben. Hier werden die Zuschauer kreisrund sitzen, in ihrer Mitte die besten Orchester der Welt. Thomas Möller schwärmt: "Das wird ähnlich wie ein kreisrundes Amphitheater. Eine Mischung aus Berliner Philharmonie und Mailänder Scala." Die Ansprüche könnten kaum höher sein. Noch steht dort, wo einmal die besten Dirigenten der Welt arbeiten sollen, ein himmelblaues Dixiklo für die Bauarbeiter.

Verhagelte Vorfreude

Heribert Leutner, der zurückhaltende Vorsitzende der städtischen Realisierungsgesellschaft ReGe, lauscht den Ausführungen von Thomas Möller mit einiger Skepsis. Ihm und der Stadt haben die vergangenen Skandale die Vorfreude auf die Eröffnung der Elbphilharmonie gründlich verhagelt. Nach der Kostenexplosion von 97 auf 323 Millionen Euro, über deren Zustandekommen von allen Beteiligten Stillschweigen vereinbart wurde, soll Leutner dafür sorgen, dass die Kosten nicht mehr ausufern. Längst wird aber über zusätzliche Kosten von bis zu 40 Millionen Euro spekuliert. Hochtief begründet diese mit weiteren Bestellungen und Änderungswünschen des Auftraggebers und Planungsfehlern des Architekturbüros Herzog & de Meuron und der Generalplaner der Firma Höhler + Partner. Leutner teilt diese Sicht naturgemäß nicht. Wegen eines anderen Streitpunkts - die Stadt fordert einen Terminplan von Hochtief - hat Hamburg inzwischen dieses Bauunternehmen verklagt. "Wir sind so unterschiedlicher Meinung, dass es einen Dritten braucht, einen Richter, der in diesem Streit entscheidet", erläutert Leutner.

Als wäre dies alles nicht genug, gelangte eine Woche vor dem Richtfest ein Mängelprüfbericht der Architekten in die Medien. Der "Focus" berichtete von etwa 4000 aufgelisteten Mängeln, darunter auch ein paar sicherheitsrelevante Punkte. So wurden zum Beispiel drei der Federn, auf denen der Konzertsaal ruht, falsch eingebaut. Hochtief hat zugesagt, diese Mängel auf eigene Kosten zu beseitigen. Trotzdem, das öffentliche Bild vom Chaosbau Elbphilharmonie war mal wieder perfekt. Heribert Leutner räumt selbstkritisch eine schlechte Öffentlichkeitsarbeit ein. "Wir werden noch die eine oder andere Schlagzeile produzieren", befürchtete Leutner. So steht zum Beispiel noch immer kein Termin für die Fertigstellung fest. Offiziell soll es Ende 2012 soweit sein, 2013 ist aber wahrscheinlicher.

Man muss die Ohren zuhalten

Anlässlich des Richtfestes hatte sich für den Freitag allerlei Prominenz angesagt. Diese konnte beobachten, wie ein Kran den fünf Meter hohen Richtkranz nach oben hievte, und Bürgermeister Ole von Beust über die historische Bedeutung der Elbphilharmonie sprach. Am Abend sollte es dann zwei Open-Air-Konzerte und am Wochenende eine öffentliche Besichtigung der Baustelle geben. Der Architekt Jacques Herzog ist dort schon am Vortag. Er will nicht über die Schwierigkeiten der vergangenen Monate reden. Er will die Bedeutung seiner Architektur erklären, während die kritischen Fragen der Journalisten auf ihn einprasseln. Im Hintergrund jaulen Baumaschinen auf. Es ist ein entsetzliches Gewirr von Stimmen und Geräuschen hier im Hamburger Hafen, eine Elbkakophonie, in der das Schöne dieses Ereignisses untergeht.

Das akustische Chaos scheint sinnbildlich für das hanseatische Jahrhundertprojekt: Vor dem Hintergrund immer neuer Horrormeldungen über Kosten, bauliche Mängel und zerstrittene Bauherren muss man sich schon die Ohren zuhalten, um den Anblick der Elbphilharmonie genießen zu können. Dann aber ist sie wunderschön.

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