Er sammelt nicht nur Kunst, er jagt sie. Nun präsentiert Ronald S. Lauder, Präsident des Jüdischen Weltkongresses, Philanthrop, Unternehmer und Kosmetikkonzernerbe, in seinem New Yorker Privatmuseum die Königin seiner Kollektion. Porträt eines manchmal höchst unvernünftigen Mannes. Von Christine Claussen und Silke Müller

Milliardenerbe, Geschäftsmann und Kunstsammler: Ronald S. Lauder© Chris Hondros/GETTY IMAGES
Wien liegt an der Fifth Avenue. Das Beste von Wien. Apfelstrudel, Kleiner Brauner, Walzerklänge, in den Zeitungshaltern rascheln die Seiten der "Kronen Zeitung". Sogar die hängt hier im Café Sabarsky, wo alles, was möglich sein könnte, Wirklichkeit wird. Hier gibt es Sachertorte, die besser schmeckt als im Hotel Sacher. Und einen Hausherrn, der Wien mehr liebt als die Stadt sich selbst. In einer idealen Welt schrieben wir jetzt das Jahr 1907, Ronald S. Lauder wäre nicht ein New Yorker, sondern ein Wiener großbürgerlicher Jude mit einer, sagen wir mal, Zuckerfabrik, und ließe gerade seine Ehefrau Adele vom umstrittenen Avantgarde- Künstler Gustav Klimt porträtieren. Doch da die Zeit ziemlich das Einzige ist, auf das Ronald Lauder keinen Einfluss hat, ist es ein sonniger Oktobertag hundert Jahre später, Lauder kommt gerade vom Papst und eröffnet in wenigen Tagen in seinem New Yorker Privatmuseum eine Klimt-Ausstellung. Prunkgemälde der Schau: "Adele Bloch- Bauer I", "My Woman", wie Lauder sagt. Er begehrte sie, seit er mit 14 zum ersten Mal allein nach Wien gereist war. Er wohnte im Hotel Bristol nahe der Kärtnerstraße. Sein erster Weg führte ins Belvedere – zu Adele: "Eine unglaublich erotische, wunderschöne Frau sah mich an, mit schweren Augenlidern und sinnlichen Lippen, ihr Blick ließ mich nicht los. Ich stand eine Stunde dort. An diesem Morgen bin ich erwachsen geworden."
2006, etwa ein halbes Jahr nachdem seine Ehe zerbrach, hatte er Adele endlich für sich allein. Die echte Frau ging, die Traumfrau kam. Sechs Jahre hatte Adele Bloch- Bauers Nichte, die in Los Angeles lebende Maria Altmann, heute 91, um die Rückgabe der von den Nazis enteigneten Familienkollektion mit Österreich gerungen. Im Hintergrund, als Unterstützer: der Restitutionsexperte des Jüdischen Weltkongresses, Ronald Lauder. Als Altmann drohte, den Staat in den USA zu verklagen, lenkte Österreichs Kulturministerin trotzig ein, eine Kommission wurde berufen und entschied: herausgeben. Fünf Klimt-Gemälde reisten nach Los Angeles, vier davon kamen kurz darauf bei Christie’s unter den Hammer. Nummer eins, Adele, hatte sich bereits Lauder gesichert. Für 135 Millionen Dollar soll er sich die Frau seines Lebens gegönnt haben – der höchste Preis, der bis dahin für ein Kunstwerk bezahlt worden war. Wenig später wurde er freilich von 140 Millionen für einen Jackson Pollock übertroffen.
"Der Erbe des Kosmetik-Konzerns (Estée Lauder, die Red.) fördert Restitutionen und bedient sich an den bislang eingemauerten Kunstwerken", monierte seinerzeit das "Handelsblatt". Der Jäger und Sammler Lauder wiegelt ab: "Ich spielte gar keine Rolle. Maria Altmann wollte das Bild vor allem in der Neuen Galerie hängen sehen." Und da hängt es nun: Als neue "Mona Lisa von Manhattan", wie Lauder stolz sagt. Als wir ihn einen Tag später noch einmal treffen, sitzt er zwischen Büchern, Bildern und Katalogstapeln in seinem Büro im 42. Stock des General Motors Building in New York, Beine übereinandergeschlagen, nachtblauer Nadelstreifen, Whiskyglas vor sich und sagt in fließendem Deutsch: "Man kann auf sieben Hochzeiten tanzen." Er lächelt, hochzufrieden mit sich. Niemand soll von ihm sagen, er habe nicht zu jedem Zeitpunkt seines Lebens alles getan, was er hätte tun können. Das, sagt er, "bin ich mir und dem Glück schuldig, über Möglichkeiten und Interessen zu verfügen wie kaum einer sonst".
Das Wirtschaftsmagazin "Forbes" teilt Ronald S. Lauder Platz 287 auf der Liste der reichsten Menschen der Welt zu. Sein Vermögen wird auf drei Milliarden Dollar geschätzt. Er ist der jüngere Sohn der Kosmetikqueen Estée Lauder, 1944 geboren. Ronald habe nicht die geringste Hemmung, reich zu sein, bestätigt sein Freund Richard Parsons. Er sei von der Sorte, die sagen: "Auf keinen Fall werde ich mit all diesem Kleingeld ins Grab fahren." Im mütterlichen Beauty-Imperium wurde es Lauder zu eng. 1982 überließ er seinem elf Jahre älteren Bruder Leonard die Leitung der Estée Lauder Companies und ging in die Politik. Für seinen ersten Job – im Pentagon – qualifizierte ihn eigentlich bloß die Freundschaft seiner Mutter mit Nancy Reagan. 1986 schickte Präsident Ronald Reagan ihn als US-Botschafter nach Wien – es wurden 18 Monate, die sein Leben verändern sollten. Nicht, dass sein Aufenthalt in politischer Hinsicht sonderlich erfolgreich verlaufen wäre.
Die österreichisch-amerikanischen Beziehungen erreichten damals ihren Tiefpunkt: Lauder erschien nicht zur Amtseinführung von Kurt Waldheim (der seine Rolle als Offizier im Zweiten Weltkrieg verharmlost hatte) und sorgte maßgeblich dafür, dass das österreichische Staatsoberhaupt nie wieder in die USA einreisen durfte. Aber er tauchte tief und beglückt ein in die Alte Welt, in Malerei, Kunst und Kultur. Ein Freund erinnert sich daran, wie Lauder damals in seiner gepanzerten Limousine, umgeben von Bodyguards, vor Wiener Antiquitätengeschäften vorfuhr: "Alle anderen im Laden mussten dann verschwinden." Lauder hatte im Zusammenhang mit der Waldheim-Affäre nämlich noch eine Erfahrung gemacht – er erlebte Antisemitismus erstmals am eigenen Leib: "Ich war als amerikanischer Botschafter gekommen und bin als Jude gegangen." Er, der sich bis dahin allenfalls als "Feiertagsjude" bezeichnet hätte, der Weihnachten zelebrierte und für seine beiden Töchter schon mal den Santa Claus gab, wurde sich durch die Angriffe erstmals seiner jüdischen Identität bewusst.
Übernommen aus ...
Stern
Ausgabe 44/2007