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Im Schatten der Geschichte

Der Wiener Kunstsammler Rudolf Leopold steht unter Beschuss und bangt um sein Lebenswerk: Ihm wird der Besitz von Nazi-Raubkunst vorgeworfen. Ein Kampf um Recht, Moral und viele Millionen.

Von Rudolf Lambrecht, Silke Müller

Neulich im Wiener Abendverkehr: Alles steht, aber Rudolf Leopolds Bremse versagt. Im letzten Augenblick reißt er das Lenkrad seines VW Golf nach links und kracht gegen einen Vorbau am Ausstellungshaus der Kunstvereinigung Secession. Ausgerechnet! Dass es sich um ein Versehen gehandelt hat - wer würde ihm das glauben, hier in Wien? Niemand. Nicht die Presse, nicht die Kulturministerin und keiner der Museumsdirektoren. Und wäre in der Secession an jenem Tag ein jüdischer Künstler ausgestellt worden - die Israelitische Kultusgemeinde (IKG) hätte endlich mal was Konkretes gegen Leopold in der Hand gehabt. Den Unfall hat aber merkwürdigerweise niemand mitgekriegt. Obwohl alles, was Rudolf Leopold macht, sagt und möglicherweise sogar denken könnte, in Wien unter Beobachtung steht - und unter Generalverdacht

Rudolf Leopold, 83, Augenarzt, ist Österreichs bedeutendster Kunstsammler. Die Stiftung Leopold, sein Lebenswerk, ist das Herzstück des Wiener Museumsquartiers und dessen größter Publikumsmagnet. Aus aller Welt kommen die Touristen, 300.000 im Jahr, um dort die Gemälde von Egon Schiele zu betrachten - die beste Sammlung des Wiener Modernen weltweit. Einige der Bilder haben eine dramatische Geschichte. Sie wurden ihren jüdischen Eigentümern von den Nazis gestohlen. Kritiker werfen Leopold vor, er habe wider besseres Wissen solche geraubten Bilder gekauft. Nun eskaliert der Streit darum, wer wen in welcher Form angemessen entschädigen kann oder muss.

Repräsentieren, aber nicht regieren

Schiele! Als Leopold anfing zu sammeln, Anfang der 50er Jahre, wollte niemand so etwas aggressiv Erotisches, existenziell Nacktes haben. Leopold kaufte, was er kriegen konnte. Die Preise waren am Boden, die Kollektion wuchs. Bis in die 90er Jahre sorgte sich kein Sammler und kein Museum darum, ob die angebotenen Kunstwerke womöglich früher einmal von den braunen Verbrechern den jüdischen Eigentümern geraubt oder unter Wert abgepresst worden waren. Die Archive, vor allem in den Staaten des ehemaligen Ostblocks, waren noch nicht zugänglich. Aber der Kunstmarkt boomte in der zweiten Hälfte der 90er Jahre. Bilder, die nach dem Krieg für ein paar Hundert Mark zu haben waren, wurden plötzlich für Millionen versteigert. Bis zum 20.000-Fachen seien die Preise gestiegen, sagt Leopold. Im Jahr 1994 stieg der österreichische Staat bei Leopold ein und sicherte sich dessen Sammlung, die damals einen Schätzwert von mehr als einer Milliarde Mark hatte, für 316 Millionen, die in Raten bis 2008 ausgezahlt wurden. Die Kollektion von mehr als 5000 Kunstwerken wurde in eine Stiftung eingebracht. 2001 eröffnete das neu gebaute Museum. Künstlerischer Direktor auf Lebenszeit: Rudolf Leopold. Doch der Sammler ist in seinem Museum ein König ohne Reich: Der Stiftungsrat wird von Gewährsleuten des Staates dominiert; der Sammler darf repräsentieren, aber nicht regieren.

Seit 1997 Liegt Leopold immer wieder unter Beschuss: Zu jener Zeit begannen die ersten Provenienzforscher, nach der Geschichte hinter den Bildern zu fragen. Wem gehörten sie ursprünglich, wie kamen sie an diese oder jene Museumswand? Abscheuliche Wahrheiten kamen ans Licht: Wie die Nazis reiche jüdische Familien ausspioniert, ihre Wohnungen, Wertgegenstände und ganz gezielt ihre Kunstsammlungen geplündert oder herausgepresst haben, um die Familien schließlich in die Flucht oder ins KZ zu treiben. Viele dieser einst privaten Kunstschätze befinden sich heute in öffentlichen Sammlungen, vor allem in Deutschland, Österreich und den USA. Gerade als die heikle Herkunft mancher Bilder ans Licht kam, explodierten die Preise auf dem Kunstmarkt - eine Parallelentwicklung, die einvernehmliche Lösungen oft verhindert.

Selbstverliebter Wiener Dickschädel

Leopold steht aufgrund seines Sammlungsschwerpunkts der Wiener Moderne und der schwierigen Konstruktion des Museums als staatlich geförderter Privatstiftung im Zentrum all der Konflikte um den gerechten Umgang mit geraubter Kunst. Historiker durchforsten auf Druck des österreichischen Kulturministeriums den Bestand des Museums. Der Präsident der Israelitischen Kultusgemeinde Wien verlangt sogar die Schließung des Hauses. Die New Yorker Justiz und ein Londoner Auktionshaus haben Bilder aus Leopolds Sammlungen unter Verschluss genommen. Ein neuer Streit um Österreichs braune Vergangenheit und die Wiedergutmachung an Opfern des Holocausts spitzt sich zu einem Fall Leopold zu. Im Café Landtmann bringt der Kellner Wiener Schnitzel und in Dressing ersoffenen Salat. Rudolf Leopold verzieht das Gesicht. "Was hat man Ihnen über mich gesagt?", fragt er ungeduldig. "Wieder lauter Lügen. Die lügen doch alle!" Leopold traut keinem mehr, selbst seinen Anwälten nicht. Überall lauern die Feinde mit ihren falschen Verdächtigungen.

"Einerseits war Rudolf immer wieder ein unsicherer, von Zweifeln geplagter Mensch, andererseits war er selbstbewusst genug, um über die Ansichten anderer herzuziehen, als wäre er allein im Besitz der Wahrheit", schreibt sein Sohn Diethard in der Biograpfie "Rudolf Leopold - Kunstsammler". Von Selbstzweifeln trennt er sich schnell, falls er anderen die Laune verderben will. Bei einem Empfang flüsterte Leopold dem österreichischen Bundespräsidenten Heinz Fischer zu, dass er sich mit "Arschkriechern" umgeben habe. "Der ist zu einer Salzsäule erstarrt", erzählt Leopold strahlend wie ein Schulbub. Zu Hause bei den Leopolds in Grinzing am Wohnzimmertisch: Elisabeth fordert zum Essen und Probieren auf, Rudolf fragt ab, doziert, verbessert, schimpft, urteilt, verurteilt. Diesmal sind sie wieder alle dran, die Roten, Grünen und Schwarzen, die alle nichts von Kunst verstehen. Nur einer weiß alles: Rudolf Leopold, dieses Muster eines selbstverliebten Wiener Dickschädels, dessen weltschmerzdurchzogene Schimpfkanonaden immer mit dem Mantra der Selbstbestätigung enden: "So is es doch. Oder is es net so? Das is die Wahrheit!" Seine unbändige Kraft, so scheint es, bezieht Leopold aus dem Konflikt.

Ungezügelte Passion

"Als meine Mutter dem jungen Mann begegnete ... sah sie einen zeitweise sehr zerrissenen und gequälten Menschen, der in dunkler Weise anders war und dessen geistiges Feuer sie von Anfang an faszinierte. Was sie anzog, war die Unerlöstheit dieses Feuers", schreibt Diethard Leopold über seine Eltern. Die beiden Augenärzte sind seit 55 Jahren verheiratet. Elisabeth Leopold, 82, zog drei Kinder groß und gab erst mit 78 Jahren ihre Praxis auf. Rudolf Leopold operierte bis 1980. In ihrem Haus scheint die Zeit stehen geblieben zu sein - irgendwo in den 60er Jahren. Gestrickte Gardinen, Tütenlampen und zwischendurch Prachtstücke der Wiener Werkstätte, ein Büfett von Adolf Loos, komplett zugepackt mit Katalogen, Kunstbüchern und schweren Krügen. Oben drüber, an der Wand, ein Stillleben mit Hummer des belgischen Avantgardisten James Ensor. Leopold kann nicht loslassen, sammelt alles. Ein Jäger, der von seiner Beute in die Enge getrieben wird.

Als Student mit 22 Jahren entschloss sich Leopold, Bilder zu sammeln. Später machte er für seine Leidenschaft Millionen von Schulden. Bevor andere kamen, war Leopold schon da. Diese ungezügelte Passion, dieser Ehrgeiz, der Erste und Beste zu sein, macht ihn bei seinen Gegnern schon verdächtig, noch bevor er überhaupt etwas getan hat. Leopold, der auch Kunstgeschichte studiert hat, ist der Schiele-Papst, dessen Urteil - Fälschung oder Original - über Millionen entscheidet. Auktionshäuser wie Sotheby’s und Christie’s suchen seinen Rat. Das erste wissenschaftliche Werkverzeichnis über Egon Schiele stammt von ihm.

Leopold feierte mit seiner Kollektion Erfolge rund um den Globus. Er stellte in Tokio, London, Paris, Zürich, Mailand, Athen, Hamburg, München und New York aus. Dort passierte es dann: Zu Weihnachten 1997 wurde in einem Bericht der "New York Times" behauptet, unter den im Museum of Modern Art ausgestellten Bildern befinde sich Raubkunst. Im Feuer standen Schieles Werke "Wally" und "Tote Stadt III". Ein Staatsanwalt ließ die beiden Gemälde konfiszieren. Die Stiftung Leopold klagte dagegen, und es gelang, die "Tote Stadt" freizubekommen. Aber um die "Wally", auf die Verwandte der vor den Nazis geflüchteten Wiener Jüdin Lea Bondi- Jaray Anspruch erheben, wird noch immer gestritten. Ein Bild, seit fast elf Jahren unter Arrest - so etwas gab es noch nie.

Schock in der Kunstwelt

Im Stiftungsvorstand plädierte Leopold für einen finanziellen Vergleich, um das Gemälde schnell wieder zurückzubekommen. Doch das staatlich dominierte Kollegium lehnte ab: Das Bild sei rechtmäßig erworben worden. Zunächst hatte es damit Erfolg. Der Gerichtsvorsitzende Michael Mukasey, selbst Jude und zuletzt Justizminister in der Regierung Bush, gab auch die "Wally" frei. Auf Druck der Staatsanwaltschaft wurde aber eine neue Klage zugelassen. Der Prozess, der im Oktober in eine neue Runde ging, belastet die Stiftung bislang mit fast drei Millionen Euro Gerichts- und Anwaltskosten.

Die New Yorker Staatsaktion löste einen Schock in der Kunstwelt aus - und neue Aktivitäten. Jüdische Organisationen verschärften weltweit den politischen Druck, um die Rückgabe geraubten Eigentums durchzusetzen. 1998 einigten sich 44 Staaten, darunter Deutschland und Österreich, auf die "Washingtoner Erklärung". Darin verpflichten sie sich, "arisierte" Kunstwerke zu identifizieren und für nicht restituierte Objekte zusammen mit den Holocaust- Opfern oder ihren Erben eine "gerechte und faire Lösung" zu suchen. Die Kunstwerke sollten als Kulturschätze der Öffentlichkeit möglichst zugänglich bleiben. Einige Staaten, auch Österreich, regelten per Gesetz die Rückgabe der Kunstwerke oder die Entschädigung der Eigentümer. Allerdings werden in Wien nur die Objekte herausgegeben, die unentgeltlich in Staatsbesitz gelangten. In Deutschland blieb es bei einer rein moralischen Verpflichtung zur Restitution.

Der Fall Altmann

Die Öffnung der Archive in den 44 Staaten der Washingtoner Vereinbarung rief Kunsthistoriker, echte, aber auch vorgebliche Erben, Anwälte und Kunstdetektive auf den Plan, die nach nicht restituierten Kunstwerken suchen - in Erwartung saftiger Provisionen. Das Geschäft mit dem Holocaust und seinen Opfern blüht. Der spektakulärste Fall bislang: der Streit um die Rückgabe von fünf Gemälden Gustav Klimts an die Erbin der Wiener Jüdin Adele Bloch-Bauer. Über ‚40 Jahre zählten die von den Nazis geraubten Arbeiten, darunter die "Häuser in Unterach am Attersee" und das Bildnis der "Adele Bloch-Bauer I", zu den Prestigeobjekten der Österreichischen Galerie im Belvedere. Mithilfe des heutigen Vorsitzenden des Jüdischen Weltkongresses, dem Kosmetik-Unternehmer und Sammler Ronald S. Lauder, gelang es der Erbin Maria Altmann, die Bilder aus Österreich herauszuklagen. Dann kaufte ausgerechnet Lauder ihr das Glanzstück, die "Goldene Adele", für den unwidersprochenen Sensationspreis von 135 Millionen Dollar ab. Seitdem schmückt das Gemälde Lauders privates Museum "Neue Galerie" an der Fifth Avenue in New York.

Der jahrelange Streit im Fall Altmann belastete das Klima zwischen den jüdischen Opfern des Nationalsozialismus und Österreich. Die Folgen bekam Leopold zu spüren, als er die Erben für Schieles Gemälde "Häuser am Meer" suchte. Das Bild, das er 1953 aus Privatbesitz gekauft hatte, war durch eine Versteigerung im Wiener Kunsthaus Dorotheum auf den Markt gekommen. Es gehörte einst Jenny Steiner. Das wusste er. Dass sie Jüdin und enteignet worden war, erfuhr er erst 1998, als im österreichischen Nationalarchiv entsprechende Dokumente gefunden wurden. Da das Bild aus einem Auktionshaus stammt, ist ihm kein Vorwurf zu machen. Nach dem österreichischen Gesetz darf sich derjenige, der in einer Galerie, einem Auktionshaus oder einem Museum ein Werk kauft oder tauscht, auf die Rechtmäßigkeit der Eigentumsverhältnisse verlassen. Da aber dem Bild der Holocaust anhaftete, beauftragte Leopold vor fast zehn Jahren Anwälte, die diversen Erben von Jenny Steiner aufzuspüren. Er bot ihnen 6,5 Millionen Euro. Mit einer Erbin aus Wien, einer alten Dame, war er schon einig geworden. Da mischte sich die Israelitische Kultusgemeinde ein. Das Angebot sei zu gering. Seither geht nichts mehr. Und die Geschädigten werden immer älter.

Die langen Schatten der Vergangenheit

Die IKG setzt unter ihrem Präsidenten Ariel Muzicant bei der Kunst-Restitution auf Konfrontation. Private Einigungen mit den Erben lehnt Muzicant rundweg als "Mauschlerei" ab, wie er der Wiener "Presse" sagte. Die IKG beansprucht die Kontrolle über den Restitutionsmarkt in Österreich. Für sie kommt nur die "Natural-Restitution" mit Versteigerung infrage. Sollten die Erbschaftsverhältnisse oder die Begleitumstände eines Verkaufs nicht mehr aufzuklären sein, beansprucht die IKG den Zugriff auf die Kunstwerke. Aus Sicht der IKG hat sich Leopold an den Opfern des Holocaust bereichert. Doch Leopold reklamiert für sich, dass er "bona fide" - guten Glaubens - gekauft habe, von Museen, Galerien und Privatpersonen, denen weder Hehlerei noch andere böse Absichten zu unterstellen waren. Würden sich Hardliner wie die IKG gegen die Washingtoner Empfehlungen durchsetzen, verschwände ein wichtiger Teil des kulturellen Erbes in privaten Sammlungen von Superreichen wie Ronald Lauder.

"Eine gemeinsame Lösung ist in Österreich nicht möglich", sagt Erika Jakubovits, Executive Director beim Präsidium der IKG. Zu lang sind die Schatten der Vergangenheit: "Die Österreicher erkennen ihre Schuld am Holocaust nicht an. Für die war Beethoven Österreicher und Hitler war Deutscher." Dem kantigen Leopold sagt sie "mangelnde Sensibilität" nach, er sei ein "fanatischer Kunstsammler". Der auch von einem Teil der Wiener Presse als eine Art Sammelmonster ohne jedes moralische und politische Gespür dargestellte Leopold eignet sich vorzüglich als Sündenbock für all die, die in Österreich heute Nazivergangenheit aufarbeiten wollen. Unversöhnlich an der Spitze: die IKG.

Um gegen Leopold Stimmung zu machen, lassen Muzicant und Jakubovits keine Gelegenheit aus: Am 9. November, dem 70. Jahrestag der Reichspogromnacht, blockierten sie und rund 30 Mitarbeiter der Kultusgemeinde das Leopold Museum mit Absperrbändern und beklebten die Fassade mit Plakaten. Aufschrift: "Tatort Raubkunst". Für die medienwirksam inszenierte Aktion hatten sie sich schwarze Jacken und Mützen mit der Aufschrift "Raubkunst Special Farce" zugelegt. Muzicant zum eigens herbeigerufenen Reporter des Wiener "Standard": "Leopold soll wissen, dass wir keine Ruhe geben werden." "Was soll das? I versteh es net“, erregt sich Leopold. "Mein Vater ist von den Nazis wegen politischer Unzuverlässigkeit aus dem Staatsdienst entlassen worden, und mein Onkel hat im KZ Dachau gesessen, zusammen mit dem Kabarettisten Fritz Grünbaum, seinem jüdischen Freund."

Empfindliche Niederlage der IKG

Die IKG betreibt eine eigene Abteilung für Provenienz-Forschung unter der Leitung von Erika Jakubovits. Sie untersucht Ausstellungen und Auktionen auf Raubkunst, um Ansprüche in eigener Sache und im Namen ihrer Klienten durchzusetzen. Dabei herrschen raue Sitten. Als der Wiener Galerist Wolfdietrich Hassfurther im Mai 2005 die Schiele-Studie "Linker Unterarm" auf seine Auktionsliste gesetzt hatte, tauchte Erika Jakubovits in Begleitung eines Anwalts auf und machte Druck: Die Zeichnung stamme aus geraubtem, nach dem Zweiten Weltkrieg nicht an die Erben rückerstattetem Besitz des im KZ Theresienstadt gestorbenen jüdischen Arztes und Kunstsammlers Heinrich Rieger. Ohne den Anspruch zu legitimieren, forderte Jakubovits die Hälfte des Auktionserlöses für ihre Klientin - und Hassfurther zahlte. Er, der auch noch die Hälfte seiner Händler- gebühr überweisen musste, fürchtete endlose Streitereien und fügte sich, ohne die tatsächlichen Eigentumsverhältnisse zu klären. Die Zeichnung ersteigerte übrigens - Leopold.

Am 16. Januar 2006 ging bei Sotheby’s in London eine E-Mail der IKG ein: Zwei zur Versteigerung angebotene Schiele- Zeichnungen, "Russischer Kriegsgefangener" und "Lilly Steiner", stammten aus der von den Nazis enteigneten Sammlung des Wiener Zahnarztes Heinrich Rieger. Die Bilder seien nie restituiert worden. Der heutige Besitzer und Anbieter sei daher nicht der wirkliche Eigentümer. Nicht einmal die notwendige Exporterlaubnis des Denkmalamtes habe er. Also Konterbande! Sofort nahm Sotheby’s die Zeichnungen bis zur Klärung des Falles in der Wiener Filiale in Verwahrung. Einlieferer der Werke zu einem Schätzwert von 400.000 Euro: Rudolf Leopold. Der klagte gegen Sotheby’s auf Herausgabe und legte Dokumente vor, die den Erwerb der Kunstwerke aus einem restituierten Teil der Rieger-Sammlung nachweisen sollen. Den Gegenbeweis konnte die IKG nicht liefern. Eine empfindliche Niederlage folgte vor dem Wiener Oberlandesgericht, das am 22. Februar 2008 entschied, für die IKG gebe es keine Rechtsgrundlage, an der Seite Sotheby’s vor Gericht aufzutreten.

"Das ist politische Justiz"

Ende September sorgte die Justiz für ein spektakuläres Ende dieses nicht nur in Wien mit Spannung verfolgten Verfahrens. Das Landesgericht verurteilte Sotheby’s zur Herausgabe der Kunstwerke an Leopold. Das Urteil ist jetzt rechtskräftig. Die Übergabe der Zeichnungen ist umgehend erfolgt, wie Leopolds Anwalt Andreas Nödl dem stern bestätigte. "Das ist politische Justiz", wettert Erika Jakubovits. "Juristisch kommen wir in Österreich nicht weiter." Man müsse die Öffentlichkeit mobilisieren, um den notwendigen moralischen Druck zu erzeugen.

Auf dieser Linie macht auch das Buch der Kunsthistorikerin Lisa Fischer "Irgendwo - Wien, Theresienstadt und die Welt/Die Sammlung Heinrich Rieger" gegen Leopold mobil. Bei ihren Verdächtigungen ist die Forscherin nicht zimperlich. Leopold habe Helfer der braunen Kunsträuber als Berater benutzt, die ihm den Weg zu Kunstschätzen aus jüdischem Besitz gezeigt hätten. Wider besseres Wissen habe er sich an Raubkunst bedient. Beweise legte die Autorin nicht vor, sie hat Leopold nicht einmal mit ihren Verdächtigungen konfrontiert. "Alles Lügen", kommentiert der Betroffene.

Brücken bauen

Leopold ist bislang kein illegaler Bilderkauf aus arisiertem jüdischem Besitz nachgewiesen worden. Und so besteht er auf seinem Recht, was aber nicht immer gleichbedeutend ist mit allgemeinem Rechtsempfinden. Lisa Fischer übersieht die Ähnlichkeit der beiden Ärzte, ihre einsame Leidenschaft für den Künstler Egon Schiele - bei Schieles Freund und Zahnarzt Heinrich Rieger endet sie 1942 mit dem Tod im KZ Theresienstadt, bei Rudolf Leopold beginnt sie 1950 mit dem Kauf des Entwurfs zur "Toten Stadt". Vieles von dem, was dem Juden Rieger gehörte, findet sich nun in den Beständen des nichtjüdischen Schiele-Verehrers Leopold. Allein das ist für viele am Konflikt Beteiligte schon ein Unrecht. Doch dass es einen Ort gibt, an dem all diese Schiele-Arbeiten öffentlich zugänglich sind, ist das Verdienst Leopolds. Wer hätte sie davor bewahrt, wie der Rest des Rieger-Erbes in unbekannten Privatsammlungen zu verschwinden?

Die beiden alten Kunstliebhaber haben begriffen, dass sich etwas bewegen muss. Elisabeth Leopold: "Wir haben schon überlegt, was wir verkaufen könnten, um Wertvolleres zu retten. Wir sind aber nicht mehr Eigentümer der Kunstwerke. Der Stiftungsvorstand legt sich quer, wenn wir Brücken bauen wollen." Bei Leopold herrscht vorerst Alltag. Er sitzt am Tisch im Wohnzimmer, lässt die Hosenträger von den Schultern rutschen, zieht einen Kamm aus der Tasche, fährt damit nervös durch sein weißes Haar. Seine drei Telefone sind belegt. Er greift nach dem Handy seines Besuchs: "Ja geben S’ schon her!" Gleich kommt bei Neumeister in München ein Krug zum Aufruf, den er ersteigern will. Nein, muss. Dabei brennt es in seinen Augen schon lichterloh, dieses von Sohn Diethard vor langer Zeit entdeckte "Feuer einer von sich selbst ergriffenen Persönlichkeit".

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