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18. Mai 2009, 22:31 Uhr

Das schönste Museum der Welt

Es war ein Kampf. Trotz schlechter Voraussetzungen ist er gewonnen - neben den Münchner Pinakotheken schillert ein neues Juwel: das Museum Brandhorst, ein wahres Farbwunder mit seiner Fassade aus 36.000 bunten Keramikstäben. Sammler Udo Brandhorst spricht von einer einmaligen Konstruktion - nicht nur des Bauwerks. Von Anja Lösel

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Eine ungewöhnliche Perspektive für ein ungewöhnliches Museum: die Sammlung Brandhorst in München© Peter Kneffel/DPA

Schuld sind die störrischen Nachbarn. Hätten sie nicht so hartnäckig protestiert, sähe das Museum Brandhorst heute ganz anders aus: weniger schön, weniger bunt, weniger aufregend. "Die Münchner Grantler können sehr stur sein", sagt der Architekt Matthias Sauerbruch. Das war ziemlich lästig - und am Ende ein Riesenglück. Denn die notorischen Nörgler zwangen ihn zum Umdenken und machten das Farbwunder erst möglich.

Ursprünglich war nämlich eine Glasfassade geplant für das neue Juwel im neuen Münchner Museumsviertel. Die aber hätte den Straßenlärm verstärkt und auf die Nachbarhäuser zurückgeworfen. Matthias Sauerbruch und seine Büro- und Lebenspartnerin Louisa Hutton mussten sich etwas Neues überlegen - und erfanden eine Fassade, wie sie noch nie zuvor gebaut wurde.

36.000 Keramikstäbe glitzern nun in 23 verschiedenen Farben und machen das Museum Brandhorst zu einem unverwechselbaren Kleinod, das sogar die benachbarte Pinakothek der Moderne überstrahlt. Einige sind zart und pastellig, andere sehr kräftig glasiert in Rot, Grün, Gelb und Blautönen. Jeder einzelne Stab hat seinen genau festgelegten Platz, sechs Wochen dauerte es, bis alle fixiert waren. Wunderschön sieht das aus, je nach Blickwinkel kräftig gestreift oder mit verschwimmenden Farbfeldern.

So beliebt ist die Fassade inzwischen, dass Souvenirjäger versuchen, sich ein Andenken heraus zu brechen. Zum Glück kaum möglich, denn die Keramikstäbe sind fest verankert und sehr stabil, dazu selbst reinigend und frostsicher. Eine zweite Fassadenschicht aus gefaltetem Lochblech, etwa zehn Zentimeter unter der ersten, schluckt unliebsame Geräusche - und befriedigt sogar die grantelnden Nachbarn.

"Verliebt in Berlin"-Fans kennen die Architekten

Die Britin Louisa Hutton und der Berliner Matthias Sauerbruch, Enkel des großen Chirurgen Ferdinand Sauerbruch, sind ein elegantes Paar, beide groß, schlank, gut aussehend. An einer Architekturschule in London haben sie einander gefunden. Ihr großes Thema: Farbe. Ihr wohl bekanntester Bau: die GSW-Zentrale, ein Bürohhochhaus in der Berliner Kochstraße, die in der Fernsehserie "Verliebt in Berlin" die rot schillernde Kulisse bildete. "Farbe - das ist für uns wie ein Baustoff", sagen beide.

München litt am "Braunfels-Trauma"

Eine so schwierige Aufgabe wie den Bau des Museums Brandhorst hatten die Berliner Architekten allerdings noch nie. Das Grundstück ist "eigentlich total ungeeignet für ein Museum", so Sauerbruch: nur 25 Meter breit und 100 Meter lang. Außerdem litt München noch unter dem "Braunfels-Trauma" und war "hypersensibel bei den Kosten." Bei der Pinakothek der Moderne nämlich, vor sieben Jahren gleich gegenüber vom Architekten Stephan Braunfels gebaut, gab es jede Menge Probleme, am Ende traf man sich sogar vor Gericht. Das wollte keiner noch mal erleben. Dazu kam, dass in München traditionell alles misstrauisch beäugt wird, was aus der preußischen Hauptstadt Berlin kommt - also auch Sauerbruch und Hutton.

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Studenten der Münchner Ludwig-Maximilians-Universität nutzen die offizielle Eröffnung des Museums, um auf Platzmangel in der Uni hinzuweisen© Johannes Simon/Getty Images

Jetzt, da alle Probleme gemeistert sind, können die Architekten stolz verkünden: "Wir sind zwei Millionen unter dem eingeplanten Budget von 46 Millionen Euro geblieben." Matthias Sauerbruch und Louisa Hutton strahlen. Ja, sie sind ein wenig erschöpft, aber die Mühe hat sich gelohnt. Umweltschonende Energietechnik Sogar ihre geliebte dänische Eiche konnten sie durchsetzen: ein besonders gutes, hartes, schönes Holz für Böden und Treppen, aber auch ein besonders teures. Es wurde gelaugt mit Seifenlauge behandelt. Und sieht nun, so Sauerbruch, "einfach super" aus. "Es gibt dem Haus etwas Häusliches, Intimes, Warmes." Fast überall strahlt Tageslicht. Zur Klimatisierung nutzen Sauerbruch und Hutton die Geothermik: Warmes Wasser wird aus der Erde nach oben gepumpt.

Kurz vor der Eröffnung laufen die beiden noch einmal durchs Haus. Und treffen dort auf Udo Brandhorst, den durchsetzungsstarken Sammler, schlank, mit elegantem, grünem Jackett zum hellblauen Hemd. Ihm ist dies alles zu verdanken. 700 Bilder hat er mit seiner inzwischen gestorbenen Frau Annette zusammengetragen, etwa 160 davon zeigt er nun im neuen Museum. Weil er dem Bayerischen Staat seine Sammlung angeboten hatte, baute der ihm das Haus dazu. Für beide ein guter Deal, denn Brandhorst bringt auch noch ein Stiftungsvermögen von 200 Millionen Euro mit. Rund zwei Millionen Euro kann Museumsdirektor Achim Zweite deshalb im Jahr für Neuerwerbungen ausgeben. Zum Vergleich: Die drei Pinakotheken haben einen geradezu lächerlichen Ankaufsetat von 40.000 Euro im Jahr.

Schön für München, dass Brandhorst aus Köln hierher gekommen ist. Wenn auch so mancher fürchtet, dass der Privatsammler in Zukunft bestimmen könnten, welche zeitgenössische Kunst hier gezeigt wird - und welche nicht. Von solchen Bedenken will Udo Brandhorst nichts wissen: "Das Budget gehört nicht mehr mir. Das ist mit öffentlichem Geld vergleichbar. Es gehört der Stiftung und die gehört der Öffentlichkeit. Das ist der Unterschied zu den meisten anderen Privatsammlungen. Bei uns übernimmt der Staat den Museumsbau sowie den Unterhalt - so ist die Vereinbarung. Die Stiftung sorgt für den Inhalt, für weitere Ankäufe, die Herausgabe von Künstlerbüchern und Katalogen. Wenn ich das richtig sehe, ist das eine einmalige Konstruktion." Altbekannte wie Damien Hirst, Andy Warhol, Georg Baselitz Der erste Blick ins Museum zeigt vor allem Altbekanntes: ein Iglu von Mario Merz, zerquetschte Autoteile von John Chamberlain, auf dem Kopf Stehendes von Georg Baselitz, ein Regal mit 26.000 bunten Tabletten von Damien Hirst (sechs Arbeiter benötigen vier Wochen, um die Arbeit zu installieren), und ein wächsernes Bein von Robert Gober. Alles schön und sehr intim gehängt. Bruce Nauman hat einen ganzen Raum bekommen, Eric Fischl und Alex Katz ebenfalls, Andy Warhol gleich drei. Nichts dagegen zu sagen, aber eben auch nichts wirklich Besonderes. Lieblingskünstler Cy Twombly wird gehuldigt Aufregend wird es erst im Obergeschoß. Hier feiert der Sammler Brandhorst seinen liebsten Künstler, den inzwischen 81 Jahre alten Amerikaner Cy Twombly. Für dessen zwölfteilige Serie zur Schlacht von Lepanto haben Sauerbruch und Hutton eine gewölbte Wand maßgeschneidert. Die Bilder strahlen in hellen Blau- und Orangetönen, sehr ungewöhnlich, sehr leicht, zart und pastellig.

Twombly, 81, ein menschenscheuer Künstler, der ungern reist, war mehrmals hier. Architekten mag er nicht, er findet fast alle Museen schlecht. Bis auf dieses, vielleicht. Er sorgte selbst dafür, dass die Bilder richtig hängen und auch einige seiner Skulpturen dazwischen stehen dürfen. Das Ergebnis ist atemberaubend schön. Am überraschendsten aber sind Twomblys neue Bilder, die er eigens für das Museum Brandhorst konzipiert hat: sechs stark farbige Rosengemälde, angeregt von Gedichten wie "Waste Land" von T.S. Elliot, in dem Twombly den Münchner Hofgarten erwähnt fand. Auch Ingeborg Bachmann kommt hier zu Ehren, eine Lieblingsschriftstellerin von Udo Brandhorst. Und Patricia Waters, wenig bekannte, aber von Twombly besonders geschätzte US-Autorin. Mit seiner charakteristischen Krakelschrift hat der Künstler Twombly Gedichtzeilen in die Rosenbilder geschrieben, sehr poetisch und zart.

Für den Sammler das schönste Museum der Welt

Udo Brandhorst strahlt vor Stolz über diese Eroberung. "Schön, nicht wahr?" Er ist überzeugt davon, dass sein Haus eines der besten der Welt ist, vergleichbar vielleicht nur noch einem: "Dem von Louis Kahn in Texas." So ist er, der Sammler Brandhorst, stark und selbstbewusst. "Sagen Sie mir noch ein wirklich gutes Museum! Es gibt keines." Nun sitzt er Probe in den Sesseln, die Sauerbruch und Hutton für die Lounge entworfen haben, leichte, schicke, Lederstühle. Brandhorst ist zufrieden. Hier kann man sich ausruhen, in Katalogen blättern und hinüber auf die Alte Pinakothek und die Pinakothek der Moderne blicken. Auch auf die Ruine des Türkentors, das mal den Eingang zur alten Türkenkaserne bildete, jetzt aber zum Kunstraum für eine monströse Kugel von Walter de Maria umgebaut werden soll. Von Sauerbruch und Hutton natürlich. "Am schönsten ist das Haus bei bedecktem Himmel", sagt Louisa Hutton, dann verschwimmen die pastelligen Farben mit dem Himmel. Sauerbruch ist nicht ganz einverstanden: "Bei Sonne werfen die Keramikstäbe Schatten, das ist mindestens geanuso schön." Einigen wir uns darauf: Das Museum Brandhorst sieht perfekt aus - bei jedem Wetter.

Das neue Museum Brandhorst Am 18. Mai war die offizielle Eröffnung, ab dem 21. Mai ist es für das Publikum geöffnet. Bis zum 24. Mai darf jeder Besucher umsonst ins Museum. Wer sich lange Wartezeiten ersparen will, reserviert sich im Internet unter Museum Brandhorst einen Termin für seinen Besuch und bekommt einen persönlichen Code.

Von Anja Lösel
 
 
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