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13. Januar 2011, 18:25 Uhr

Kirschwassernächte und Schlangenhosen

Es war eine kuriose Freundschaft, geprägt von verzweifelten Faxen und langen Kirschwassernächten. Mehr als 40 Jahre lang kannten sich die beiden Künstler Sigmar Polke und Klaus Staeck. Nun hat Staeck eine Ausstellung über die gemeinsame Zeit gemacht. Von Anja Lösel

Ausstellung, Sigmar Polke, Klaus Staeck, Akademie der Künste, Berlin

Ihn verband eine enge Freundschaft mit Sigmar Polke: Klaus Staeck vor einer Lithographie des Künstlers© Stephanie Pilick/DPA

Mit der Kartoffelmaschine fing 1969 alles an. "Sie war die erste Arbeit, die Sigmar Polke für meine Edition realisierte", erzählt Klaus Staeck. Es war der Beginn einer großen Künstlerfreundschaft, die bis zu Polkes Tod im Juli 2010 andauerte. Staeck, heute Präsident der Akademie der Künste in Berlin, war damals Grafiker und Verleger, Polke ein ziemlich durchgeknallter Typ, der mit Schlangenhose und Zottelpelz herumlief. Staeck störte das nicht. Was für ihn viel schlimmer war: Polke war unzuverlässig, hatte kein Telefon und tauchte gern mal unter. Dann war er tage- oder wochenlang nicht zu erreichen… Eine Katastrophe für den korrekten Staeck, der Drucktermine einzuhalten hatte und den Künstler für Korrekturen und zum Signieren brauchte.

"Besonders innig kommunizierten unser beider Faxgeräte", sagt Staeck. Mehr als hundert Schreiben hat er aufbewahrt, lustig und streng, wütend und verzweifelt. "Herr, die Not ist groß", schreibt Staeck da. Er bettelt um einen Termin: "Sag mir quando, sag mir wann". Und wenn er keine Antwort bekommt, droht er: "Das Bombardement geht weiter."

Polke beeindruckte das wenig. "Am 8.Mai läuft nix. Junge, komm bald wieder", faxte er ungerührt zurück. Manchmal sagte er nicht mal ab, sondern ließ Staeck von Heidelberg nach Düsseldorf reisen und heftete einfach einen Zettel an die Tür: "Musste weg."

Wenn ein Treffen klappte, wurde das gefeiert

Trotzdem ging es immer weiter, denn Staeck war hartnäckig, und Polke am Ende doch gutmütig und willig. Wenn es endlich zum Treffen kam, war das oft "ein kleines Fest", das mit Kirschwasser und Essen vom Asiaten gefeiert wurde und in blödelige Fotosessions mündete. Da legte Polke schon mal den Kopf ins Faxgerät und startete eine Spontanperformance. Und Staeck drückte auf den Auslöser seiner Kamera. Alles zu sehen in der Akademie der Künste: "Es ist eine private bis intime Ausstellung", sagt Staeck, "da sind Dinge zu sehen, die man normalerweise nicht zeigt."

Wunderbare Grafiken und Postkarteneditionen entwarf Polke für die Edition Staeck. Ironisch-spießige Flamingobilder, hochpolitische Grafik wie das Blatt "Entartete Kunst", verrückte Ulkereien wie "6 Richtige für Klaus Staeck" mit Vorschlägen für den Lottoschein.

Natürlich sollten sie alle Polkes Unterschrift tragen. Aber Grafiken signieren, die in Auflagen von mehreren Hundert gedruckt wurden? Öde und langweilig. Wenn er da so saß und immer wieder seinen Namen schrieb und schrieb und schrieb, dann ging oft der berüchtigte Polke-Schalk mit ihm durch: Er unterzeichnete einfach mal mit "Klaus Staeck". Oder mit irgendwelchen Phantasienamen. Staeck merkte das meist erst viel später. Heute kann er darüber lachen, damals war es eine Katastrophe. Denn solche Blätter waren natürlich unverkäuflich. Was verband die beiden bei all dem Ärger und dem Hickhack um Termine und Signierstunden? Vor allem die Herkunft aus dem ostdeutschen Kleinbürgertum und "das wunderbare Band der Ironie". Staeck: "Wir tickten ähnlich." Konsumwahn, Spießertum - das waren ihre Themen. Wir waren "wie ein altes Ehepaar, es gab Zank und Streit, aber am Ende konnten wir uns aufeinander verlassen."

Eine Kartoffelmaschine, die mal ein Schnäppchen war

Höhepunkt der Ausstellung ist die Serie "Wir Kleinbürger" von 1975. Großformatige, Blätter, in denen es um Sex, Drogen, Feminismus, Terrorismus und überhaupt die Themen der 70er Jahre geht. Da hatte Polke gerade seine Familie verlassen, wohnte auf einem Bauernhof, veranstaltete Jam Sessions und präsentierte Besuchern gern seine rot gefärbten Achselhaare herum. Er war politisch geworden, unbequem, ätzend und provokativ.

Ach ja, die Kartoffelmaschine. Sie steht ganz hinten im letzten Raum der Ausstellung und rödelt vor sich hin. Seltsames Ding. Heißt eigentlich "Apparat, mit dem eine Kartoffel eine andere umkreisen kann" und sieht aus wie ein verunglückter Barhocker. 1969 sollte das Gerät, das in 30er Auflage geplant war, gerade mal 290 Mark kosten. "Leider wollte es damals kaum jemand haben", sagt Staeck. Dumm gelaufen. Konnte ja keiner wissen, dass eins der Exemplare Jahrzehnte später 200.000 Euro bringen würde.

Die Ausstellung "Sigmar Polke - Eine Hommage, Bilanz einer Künstlerfreundschaft Polke/Staeck" in der Akademie der Künste in Berlin läuft bis zum 13. März. Am 23. Februar findet eine lange Polke-Nacht statt.

Von Anja Lösel
 
 
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